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| AMBIORIX, BEOBACHTUNGEN ZU TEXT UND STIL IN CAESARS B.G. |
Freitag, 30. 07. 2010 |
Aus: Otto Seel, Ambiorix, in: D. Rasmussen (Hrsg.), Caesar, Wege der Forschung 43 (Darmstadt 1967) 279-338.
Ernst Schwarz, dem die folgenden Seiten in respektvoller und herzlicher Kollegialität gewidmet sind, vereint in seiner Forschungsarbeit die Methoden historischer Kritik und sprachlicher Interpretation in solcher Ausgewogenheit, und er beherrscht bei seiner Darstellung altgermanischer ethnographisch-historischer Gegebenheiten neben den eigentlich germanistischen Quellen Linguistik, Prähistorie, Literatur, Archaeologie auch das von den griechisch-römischen Quellen gebotene einschlägige Material mit solcher Souveränität, daß mindestens der Absicht nach der folgende Versuch weder methodisch noch thematisch einer Rechtfertigung dafür bedarf, daß er sich ihm darzubieten wagt. Es geht nämlich dabei um die wieder recht aktuell gewordene Frage, ob und inwieweit die caesarischen Sachaussagen durch formale Gegebenheiten des Stiles mitbestimmt, gefärbt, psychagogisch zubereitet sind. Dabei liegt die Meinung zugrunde, daß über das Was der Caesartradition nur unvollkommen geredet werden könne, wenn man vom Wie absieht; wozu kommt, daß der Text selbst von mannigfaltigen Mißverständnissen, Entstellungen, Konjekturen und Athetesen nicht anders befreit und gereinigt werden kann als durch eine geduldige Detailinterpretation, bei der in vielschichtigem Wechselspiel sowohl ein Ganzes vom Detail her aufgebaut als auch das Einzelne von der Gesamtgestalt her geklärt werden muß, und, wie mir scheint, oft auch wirklich mit größerer Sicherheit geklärt werden kann. Dem verdienstvollen Verfasser der neuesten "Germanischen Stammeskunde" (Heidelberg 1956) gegenüber mag es sachgerecht sein, aus der Fülle möglicher Beispiele, für diesen Sachverhalt gerade eines auszuwählen, das die Auseinandersetzung der zum Rhein vorstoßenden Römer mit germanischen Stämmen zum Thema hat.
Auch ohnedies gehört Caesars Bericht über den Abfall der Eburonen und die Vernichtung der 15 Kohorten des Sabinus und Cotta (b. G. 5, 24 37) zu den erregendsten und spannungsreichsten Episoden des Gallierkriegs, insoweit nur wenig zurückbleibend hinter dem großartigen Endkampf des Vercingetorix bei Alesia. Und auch hier tritt eine feindliche Führerpersönlichkeit von deutlicher Eigenprägung auf, Ambiorix; an Eindringlichkeit des Porträts kommt er zwar an Ariovist und Vercingetorix nicht ganz heran, wohl aber steht er etwa gleichrangig neben dem nicht minder interessanten Atrebaten-König Commius. Wobei in diesem Falle hinzukommt, daß es sich um den, seiner Abstammung nach, germanischen Anführer eines germanischen Volkes handelt; denn daß die "Eburonen einen Teil der linksrheinischen Germanen" ausmachen (Schwarz a.O.. S.59), sollte festgehalten werden und wird nicht Frage gestellt durch die Tatsache, daß diese Stämme weitgehend keltisiert waren und sich selbst mehr den Galliern als ihren eigentlichen germanischen Stammesverwandten zugehörig fühlten.
Der Textzusammenhang im ganzen ebenso wie die Geschehnisse selbst dürfen hier, wo es um Detailinterpretation geht, als bekannt vorausgesetzt werden. Wohl aber scheint vorweg ein Wort über die Situation der Caesarforschung und deren augenblicklichen Stand angezeigt.
I. Problemlage
Drei Problemkreise bestimmen heute wie seit langem die Caesarforschung:
Grundlage aller Interpretation ist die Konstitution des Textes selber. Ein Vergleich der maßgeblichen und meistbenützten Ausgaben zeigt, daß man von einem einhelligen Resultat so weit entfernt ist, wie sich das nach Lage der Dinge nur irgend denken läßt: Weder in der Bewertung der beiden Überlieferungsklassen, a und b, in die sich die handschriftliche Tradition spaltet, hat sich über einen einigermaßen willkürlichen Eklektizismus hinauskommen lassen, wobei die Herausgeber bald mehr zur einen, bald mehr zur anderen Klasse neigen, noch vor allem herrscht Einverständnis über das zwischen Emendation und konservativer Interpretation einzuhaltende Maß: Am weitesten auseinander gehen dabei Constans, der bis zur Hörigkeit den Handschriften folgt oft sogar dort, wo seine Übersetzung zeigt, daß er die von ihm rezipierten Lesarten selbst nicht wirklich zu erklären vermag -, und Fuchs, der am rigorosesten mit zu tilgenden Einschüben, mit Lücken, Umstellungen und anderen Korruptelen aller Art rechnet; andere Editoren nehmen einen mehr vermittelnden Standpunkt ein, divergieren aber. im einzelnen an zahllosen Stellen. Am maßvollsten und a parte potiore am vernünftigsten ist bisher immer noch die Edition von Alfred Klotz geblieben, jedenfalls nach dem wohlfundierten Urteil eines Kenners wie P. J. Enk, wobei es nach dem angedeuteten Sachverhalt nicht verwunderlich ist, daß Klotz den Wagemutigen zu wenig, den grundsätzlich Traditionsgläubigen bereits zu viel an Eingriffen vorgenommen hat.
Hier genüge es, daß der Standort kurz und ohne viel Begründung angegeben sei, von dem aus hier caesarische Textkritik getrieben werden soll.
Die Situation ist nämlich einigermaßen paradox: Einerseits ist die Geschichte der Caesarüberlieferung derart, daß von hier aus jegliches Mißtrauen in die Verläßlichkeit des überlieferten Textes gerechtfertigt erscheinen muß: Weder gibt es irgend zwingende Kriterien für oder gegen die eine oder andere Traditionsklasse, zumal mit prozentualen Verhältnissen für den Einzelfall nichts gewonnen wäre. Es bleibt in der Tat keine andere Möglichkeit als ein reiner Eklektizismus; der Gesichtspunkt größerer oder geringerer Autorität dieser oder jener Lesart scheidet fast gänzlich aus, und die rein sachlichen oder sprachlichen Kriterien lassen sich nun einmal in nicht wenigen Fällen so oder so wenden. Hinzu kommt das vertrackte Problem der Doppellesearten, der zweifelsfreien Interpolamente - etwa den Einschub 1, 13, 3, den die Mehrzahl; der Hss. bietet, wird kein vernünftiger Mensch verteidigen wollen -, ja es finden sich Fälle, in denen die verschiedenen Lesarten der beiden Klassen einfach zueinander addiert werden, ein Verfahren, bei dem man geradezu von einem Wunder reden müßte, wenn dabei das Richtige und nichts als das Richtige herauskäme.
Andererseits aber hat sich trotzdem als Ergebnis der praktischen Arbeit am Text herausgestellt, daß bei der Überzahl bequemer Emendationen, so plausibel sie auch gelegentlich erscheinen mögen, doch bei näherem Zusehen dem zunächst vielleicht einleuchtenden Gewinn ein spürbarer Verlust subtilerer Art gegenübersteht, daß dabei sehr oft Nüancen und Valenzen verdorben werden, auf die es dem Autor möglicherweise mehr ankam als auf stilistische Glätte. Natürlich gerät der Interpret dabei nicht selten in die Gefahr der Selbsttäuschung. Aber im ganzen hat sich, wie mir scheint, am meisten der ohnehin gültige Grundsatz bewährt, daß am tradierten Text so lange festgehalten werden muß, als nicht wirklich triftige Gegengründe zur Änderung zwingen. Die Grenze freilich, an der das Kriterium des unerläßlich Zwingenden gültigwird, bleibt subjektiv, und so ist mit allgemeinen Reflexionen nicht viel auszurichten: Entscheidend bleibt die Einzelinterpretation. Jedoch sei zugestanden, daß ich eher dazu neige, das Überlieferte im Rahmen des vernünftig Verstehbaren zu bewahren, als dazu, eine, sei's auch noch so ingeniöse, Konjektur in geichem Range neben der Tradition zu betrachten. Und dies, wie gesagt, obgleich ich keineswegs meine, der Zustand der Textüberlieferung sei so vertrauenerweckend, daß es keiner ars critica bedürfte, sondern einfach deswegen, weil das Interpretationsergebnis in überaus vielen Fällen durch vorschnelle Konjekturen mehr geschädigt als gebessert wird.
2.
Das zweite caesarische "Thema"' betrifft die Frage der Interpolationen; natürlich stehen im Vordergrund des Interesses die geographisch-ethnographischen Exkurse. Es sei hier nur angerührt, aber immerhin sei ein methodischer Kunstgriff angegeben, der mir dabei von Belang scheint: Nach Jachmann, Fuchs und Knoke stellen diese Groß-Interpolamente nur Spezialfälle dar: daneben finde sich eine Unmenge von kleineren, nichtgeographischen Zutaten und Einschüben. Es ist schon angedeutet: dergleichen findet sich ohne Zweifel tatsächlich. Aber vieles, was in dieser Art verdächtigt und verworfen wurde, erweist sich bei näherem Zusehen als sachlich sinnvoll und notwendig und darf also nicht preisgegeben werden; nur nötigt dies zu einer anderen und - zugegeben - etwas unbequemen Einschätzung der caesarischen Diktion überhaupt: es ergibt sich nämlich, daß Caesar oft einen geschlossenen gedanklichen Zusammenhang, einen Handlungsfortschritt zunächst sehr gradlinig und temperamentvoll formuliert, dann durch gedankliche Einfügungen, begleitende Nebenumstande, digressive Seitenblicke aufweitet, wobei oft die syntaktische Fügung und Verfugung mit bemerkenswerter Sorglosigkeit abgetan wird, so daß es in der Tat zu feinen Rissen, formalen und sogar gedanklichen Sprüngen kommt. Ich schlage dafür den Terminus Selbstinterpolation vor: Dergleichen sieht dann notwendigerweise einer Fremdinterpolation oft zum Verwechseln ähnlich. Ein Unterscheidungskriterium, das gewiß nicht immer, aber doch oft hilfreich ist, ergibt sich aus der Frage, ob der Zusatz aus einsehbaren Gründen dem Autor wichtig, oder umgekehrt: ob er einem späteren 'Diaskeuasten' überhaupt möglich gewesen sein könne oder nicht. Zu verifizieren ist auch dies nur am konkreten Beispiel.
Trifft das aber zu, dann steht nichts im Wege, auch den einen oder anderen größeren Exkurs als eine solche ,Selbstinterpolation'' zu bewerten, wobei in diesen Fällen sogar die Authentizität von Sache und Form in Zweifel gezogen werden könnte, ohne daß die Echtheit preiszugeben wäre; denn daß es Caesar freistand, für solche Exkurse sich der Hilfe seiner Amanuenses zu bedienen - wir kennen derer ja eine ganze Reihe -, ist grundsätzlich kaum zu bestreiten. Natürlich bleiben auch hier nicht wenige und sehr ernste Probleme offen, die nicht von irgendeinem "Prinzip"' her zu bereinigen sind; aber ein Musterlall liegt doch offensichtlich vor in dem gallisch-germanischen Exkurs b. G. 6,11- 28, der ganz offensichtlich unter anderem auch die Aufgabe hat, dem zweiten Rheinübergang etwas mehr formales Gewicht zu geben, als ihm sachlich zukommt: Kompositionell erträgt das sechste Buch die radikale Tilgung dieses Exkurses einfach nicht; ihm kommt also, neben dem sachlichen Anliegen - das als solches keineswegs geleugnet sei , auch so etwas wie ein psychagogischer Effekt zu: Man merkt eigentlich gar nicht, wie ergebnisarm und nutzlos diese ganze Operation in Wahrheit war: ohne den Exkurs dagegen spränge das in einer immerhin recht peinlichen Weise in die Augen.
Ebenso hat es durchaus einsehbare dispositionelle und psychagogische Gründe, wenn der Britannien-Exkurs erst im Zusammenhang des zweiten, nicht bereits anläßlich des ersten Britannien-Zuges, also im 5. statt im 4. Buch sitzt: Hier soll der Leser an der ganzen Ungewißheit dieses Vorstoßes ins Unbekannte und Unbetretene teilhaben? soll die Unwissenheit mitvollziehen, das Abenteuer ausfühlen
der gleiche Gesichtspunkt ist auch negativ gültig: Es ist aufschlußreich, zu bedenken, was Caesar an Sagenswertem n i c h t sagt; ein Beispiel: Wie "interessant"' hätte sich der Alpenübergang b. G. 1, 10, 4 f. darstellen lassen die Wiederholung des berühmten Pompeius-Zuges vom Jahre 77 über den Mont Genèvre : was Caesar sagt, erschien Späteren so dürftig, daß sie es unter Zuhilfenahme livianischer Motive aus der Hannibal-Geschichte (Trasomenersee I) ausschmücken zu müssen meinten: so bei Polyainos 8, 23,2 6: Caesar kam es aber nur darauf an, die unerwartbare Schnelligkeit seines Zuges und seines Erscheinens bei den Helvetiern zu vergegenwärtigen und den Leser mitvollziehen zu lassen: Alles Beiwerk, so interessant es auch an sich sein mochte, bleibt deswegen beiseite.
Auch die vielgequälte Stelle 1,1, 5 7, durch welche ganz gewiß ein ursprünglicher gedanklicher Zusammenhang zwischen 1,1, 4 und 1, 2,1 (Helvetii quoque ... Apud Helvetios: die erste Nennung der Helvetier erhält ja nur dadurch ihren Sinn, daß sie die Anknüpfung zum bellum Helveticum schaffen soll I) unterbrochen und geradezu verdorben wird und welche deshalb auch von vorsichtigen Kritikern, nicht ohne Grund, als Interpolation betrachtet wird, und deren Tilgung doch recht unliebsame Konsequenzen für spätere Teile hat, erklärt sich, wie mir scheint, durchaus befriedigend als "sekundäre"' Selbst-Interpolation, wobei ich darüber, wie Primäres und Sekundäres sich z e i t l i c h zueinander verhalten, keinerlei genauere Aussage wage: Es kann sich ebenso gut um einen rein gedanklichen Prozeß im Augenblick der ersten Niederschrift, wie um eine Korrektur im Entwurf, wie um eine spätere Redaktion handeln: Das ist kaum zu klären, übrigens auch unwichtig.
Ich meine, daß sich mit Hilfe dieses methodischen Griffes manche der so endlos diskutierten Interpolationsprobleme in einer immerhin einleuchtenden und annehmbaren Weise verstehen lassen, und zwar, wiederum, im Sinne einer überwiegend konservativen, Interpretierenden Textbehandlung. Auch dies freilich keine Patentformel, sondern höchstens ein Präjudiz, dessen Bewährung sich von Fall zu Fall zeigen muß.
3.
Das eigentlich brennende, ja schlechthin ,das' Caesarproblem betrifft die historische Glaubwürdigkeit der Darstellung; von ihm hängt letztlich das Gesamturteil über Caesar ab: über den Autor, über den Politiker, über die Persönlichkeit im ganzen. Nach langjähriger panegyrischer Gutgläubigkeit hat hier die Caesarkritik im abwertenden Sinne als radikale Skepsis in den letzten zwanzig Jahren bedeutend an Boden gewonnen. Und wenn schon bei der Textkonstitution die scharfsinnigsten Beurteiler auch die schärfsten Skeptiker waren, so gilt dies im Bereich der Sach- und Persönlichkeitskritik erst recht. Zu nennen sind hier vor allem die durchwegs hervorragend gearbeiteten und durch Materialbeherrschung ebenso wie durch kritische Energie ausgezeichneten Untersuchungen von Hermann Straßburger, von Michel Rambaud, von Gerold Walser auch auf J. Carcopino u. a. wäre zu verweisenk. Gemeinsam ist diesen Arbeiten, daß sie in der Unterstellung bewußter und zweckbedingter Verzerrung und Verzeichnung des tatsächlichen Geschehens durch Caesar weiter gehen, als Frühere, im Banne eines großgesehenen Caesarbildes nicht erst durch Mommsen, aber durch ihn autoritativ gefestigt -, es je gewagt hätten. Gewiß fehlt es nicht an Gegenstimmen genannt sei etwa der kluge und ruhige common sense von Frank E. Adcock, und die schlichte und ehrfürchtige Gelassenheit Matthias Gelzers, aber im ganzen hat doch, zumindest in der Publikation, eine sehr weitgetriebene Skepsis sich gegen frühere, oft erbauliche und ungeprüfte Gutgläubigkeit nachdrücklich zum Worte gemeldet.
Hier wie übrigens auch im Falle der Textrezension sei ausdrücklich zugegeben, daß, auch wenn das kritische Pendel etwas zu weit ausgeschlagen sein sollte, doch die aufgewendete Mühe keineswegs verloren ist: Man kann heute vieles sehr viel deutlicher, sehr viel schattierungsreicher sehen als zuvor. Und dies gilt ohne Zweifel, daß Caesar alles andere ist als ein naiver Historiker seiner eigenen Taten oder auch Untaten: daß er vielmehr Mann der Tat war, auch und gerade wenn er schrieb: er schafft Wirklichkeit nicht nur mit den Waffen, sondern auch mit dem Wort. Und daß dieser Prozeß des Schaffens oft, ja so gut wie immer etwas anderes ist als naturalistisch getreue Reportage über Gewesenes und Vergangenes, dies erkennbar gemacht zu haben bleibt weithin Verdienst und Ertrag dieser neueren Caesarforschung. Heikel werden die Dinge dann, wenn und insoweit sie die Substanz an Persönlichkeit betreffen, wenn es also um die Alternative geht, ob Caesar eine der großen und bedeutenden Gestalten der Weltgeschichte war oder ein perfider Schwindler, ein im Grunde mediokrer Fälscher, dem es gelungen wäre, Mit- und Nachwelt zu düpieren, bis endlich unsere Zeit dazu gekommen wäre, ihm in die Karten zu schauen.
Soweit also die Kritik sich in diese Richtung drängen ließe, würde man die erheblichsten Zweifel, ja den energischsten Widerspruch anmelden müssen. Nicht aus affektbedingter Pietät gegenüber einem zweitausendjährigen Ruhm - wenngleich aus früheren, vergleichbaren Abwertungen, die ein paar Jahrzehnte später eifrig widerrufen werden mußten, wie etwa im Falle des Vergil, Horaz, Ovid, Livius u.s.w., das Zutrauen in die alleinige Richtigkeit neuzeitlicher und eigenwilliger Wertungen kaum eine Stütze finden dürfte: die Geschichte verleiht einen hohen, inbildlichen Namen nicht so voreilig und töricht! , sondern einfach deswegen, weil das Gesamtbild, das die Quellen bieten, in sich zu geschlossen ist, als daß es nur aus subalternem Schwindel zusammenaddiert sein könnte, und weil der isolierenden Hyperkritik allemale etwas allzu Mühsames und Unglaubwürdiges anhaftet.
Bedenklich ist aber vor allem, daß die Argumente zur Widerlegung der caesarischen Darstellung fast ausnahmslos aus Caesar selbst gewonnen werden müssen. Kaum ein Beweis gegen die Fairness, Großmut, Rechtlichkeit der caesarischen Kriegsführung, der sich nicht auf Caesars eigene Darstellung stützte: das gilt für die bedrückende Niederwerfung der Usipeter und Tenkterer ebenso wie für das eindrucksvolle Bildnis des Vercingetorix; wo es um bare und bedenkenlose Fälschung ginge, wäre ganz anderes zu erwarten Am meisten nach Selbstrechtfertigung sieht der Bericht von der Tötung des Häduers Dumnorix (5,67) aus: aber hier handelt es sich nicht um moralische Verteidigung, sondern um ein Politicum von beträchtlichem Gewicht.
Wenn man ein Gegenbeispiel will, vergleiche man etwa den Bericht des Hirtius über die Bestrafung des Gutuater (b. G. 8,38) oder der Leute von Uxellodunum (8, 44): hier wird tatsächlich der moralisierend-apologetische Ton penetrant und ganz unerträglich: Härte aus Not, aus Zwang, selbst aus Affekt mag schrecklich sein, spiegelt aber echtes Leben; aber dieser gouvernantenhafte Tonfall, der pädagogische Zeigefinger kalter Berechnung und selbstgerechter Ungerührtheit: das ist abstoßend und quälend. Man darf auch solches nicht übersehen, weil gerade darin ein Gefälle an Niveau spürbar wird, das durch keine kritischen Finessen eingeebnet werden sollte.
Auch der höhnische oder bittere Protest gegen Caesars clementia bezieht seine Gründe vor allem aus Caesar selbst; wozu hier nur bemerkt sei, daß das Problem schon im Ansatz verfehlt wird, wenn man clementia als eine ,Milde' versteht, die mit Humanität so ziemlich synonym wäre: clementia hat mit ,Menschlichkeit' so wenig zu tun, daß sie fast als deren Gegensatz zu verstehen ist: nämlich das aus gänzlicher Autonomie dessen, der Macht hat, unvorausberechenbar gewährte oder verweigerte Unterlassung der Strafausübung; in jedem echten Akt der clementia liegt ein Zug von Widerrechtlichkeit, von Überhobenheit und Überheblichkeit, von Verachtung und Autokratie, während Humanität sich heteronom gebunden weiß, nämlich an eine allseitig einsehbare Norm, über die sich diskutieren läBt und die zwischen den Partnern so etwas wie eine ethische Parität und Partnerschaft herstellt. So, wie gesagt, ist es von Hirtius verstanden, und ebenso von den Späteren immer wieder, bis zum heutigen Tage, mißverstanden worden: als ließe sich auf Grund der clementia-Prätention irgendwann vorausberechnen, was Caesar wirklich tun werde oder tun dürfe: dann freilich bleibt die Enttäuschung nicht aus, und der Vorwurf der Hypokrisie und verlogenen Heuchelei ist nichts anderes als die Folge solchen Mißverstehens.
Das gleiche gilt weithin auch für das, was man Caesars historische Fälschungen nennt: daß sich nämlich die Korrektive immer wieder aus dem Caesartext selbst gewinnen lassen. Geht es wirklich an, zu unterstellen, Caesar habe gehofft, der Leser werde nichts merken? oder gar: er selbst habe nichts gemerkt? Daß ein echtes Problem vorliegt, und daß es durch die unwirschen Interpretationen neuerer Zeit mit Recht in seiner Triftigkeit und Vertracktheit deutlicher als zuvor gemacht wurde, gilt gewiß. Aber mit moralischen oder gar intellektuellen Zensuren ist es nicht zu lösen: Die eigentliche Problematik sitzt sehr viel tiefer.
Ein Beispiel, für viele mögliche, sei noch angedeutet: gewählt ist es, weil es hier sachlich einschlägig ist: Bei Caesar erscheinen Gallier und Germanen deutlich ethnisch getrennt, und der Rhein hat die Funktion der Völkerscheide.
Auf die Frage, inwieweit schon Poseidonios sich der grundsätzlichen Unterschiedenheit von Kelten und Germanen bewußt gewesen sei, oder ob er nicht in den Germanen nur eine ähnliche Spezialform keltischer Art gesehen habe wie andererseits und mutatis mutandis in den Aquitanern, braucht hier nicht eingegangen zu werden. Vielmehr sei unterstellt, daß Walser mit Recht sowohl die Rheingrenze als auch die präzise Scheidung der beiden Völker als eine caesarische Neuerung bezeichnet.
Aber heißt das dann wirklich (a. O. S. 77): Die Germanenbeschreibung des 6. Buches ist ein tendenziöses Literaturprodukte? Und worin besteht die Tendenz? Nach Walser (a.O. S.44,, in ähnliche Richtung gehende Andeutungen Nordens verstärkend) darin, daß Caesar Wert darauf legte, mit der Erreichung der Rheingrenze ein in sich einheitliches, ethnisch geschlossenes Territorium, eben das der Gallia,, dem Imperium einverleibt, ein geographisch und ethnographisch davon präzise zu unterscheidendes Gebiet, eben das transrhenanische aus dem Imperium ausgegrenzt zu haben. Dies also die "Tendenz"', um deretwillen Caesar die vorgefundenen Angaben des Poseidonius teils übernahm, teils präzisierte. Und deswegen also: ein tendenziöses Literaturprodukt aus Caesars eigener Feder"?
Um nicht mißverständlich zu sein: Walsers minutiöse und grundgelehrte Untersuchung behält ihren Wert, auch wenn hier gegen seine Caesar-Bewertung gewisse Vorbehalte angemeldet werden. Aber gegen die Herleitung dieses Systems aus zweckhafter Tendenz scheinen mir drei Einwände auf der Hand zu liegen:
Erstens: Wenn es lediglich darum gegangen wäre, die Beendigung der imperialen Eroberung an der Rheingrenze zu rechtfertigen, dann hätte es zu diesem Zwecke einer solchen Klitterung gar nicht erst bedurft: gerade die verhängnisvolle Überschreitung der Euphratgrenze durch Crassus im gleichen Jahre - auf die Walser im Anschluß an Norden mit Recht verweist legt den Gedanken nahe, daß ethnographische Grenzen gegenüber den rein geographischen einigermaßen irrelevant sein konnten: überdies hatte Caesar keinerlei Anlaß, zu statuieren, daß das Imperium an dieser Rheinlinie nun seine endgültige Grenze finden solle: Das Erreichte war wahrlich eindrucksvoll genug, und was kommen werde, brauchte einstweilen weder positiv noch negativ präjudiziert zu werden: der Entschloß continendi intra terminos imperii ist, als ausdrückliches Programm, erst augusteisch und nur im Zusammenhang der pax Augusta verstehbar; die Exkursionen nach Britannien stehen mit einer solchen Konzeption eines saturierten Imperiums in fühlbarem Widerspruch. Im Gegenteil darf aus dem zweimaligem Rheinübergang Caesars geschlossen werden, daß er die strategische Ungunst der Rhein-Donau-Grenze, deren Verkürzung dann den folgenden Kaisern so sehr zum Problem wurde, durchaus erkannt hat. Es läßt sich also feststellen, daß Caesar die ihm unterstellte 'Tendenz' weder hatte noch haben konnte, und daß sie überdies, falls er sie gehabt hätte, auf simplere Weise und ohne eine solche ethnographische Klitterung zulänglich zu befriedigen gewesen wäre..
Zweitens: Gewiß hat Caesar an der, schon für Poseidonios gesicherten, Rheinlinie als Grenze zwischen Galliern und Germanen festgehalten, obwohl er gerade dies aus" seiner praktischen Anschauung am leichtesten korrigieren konnte" (Walser S.43"; aber: er konnte dies nicht nur, sondern er hat es ja tatsächlich getan), und ohne seine eigenen Aussagen wäre sein besseres Wissen ja gar nicht nachweisbar. Hinzu kommt, daß dieser These von der ,Rheingrenze', trotz der rechtstheinischen keltischen und linksrheinischen germanischen Enklaven, zweifellos eine plausible Berechtigung anzuhaften scheint, denn beide erscheinen, gerade auch bei Caesar, von dem Lande, in dem sie wohnen, geprägt dort keltisiert, hier germanenähnlich , so daß der Charakter des Landes selbst dort keltisch, hier germanisch im Sinne jener Grenze gewahrt erscheint. Mit anderen Worten: Der ethnographische Unterschied kommt erst bei der Antithese von Transrhenanen und Cisrhenanen klar heraus. Und wie suggestiv diese Grobgliederung über alle Verwischungen von Völkerwanderung und Karolingerreich hinweg geblieben ist, braucht kaum gesagt zu werden: "Der Rhein, Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze: die These schließt die Möglichkeit der Antithese Le Rhin!" in sich, und erst heute läßt sich hoffen, daß die realen Verhältnisse so weit mit Vernunft und Realismus akzeptiert sind, daß sich daran keine chauvinistischen Affekte mehr entzünden und weiteres namenloses Elend über die Anrainer bringen werden. Was also verlangt man von Caesar? Etwa daß er jedesmal, wenn er von dieser Grobgliederung spricht, in pedantischer Akribie hinzufügt: ,mit Ausnahme etlicher Germanenstämme, die links, und etlicher Kelten, die rechts des Rheines siedeln'?
Schließlich soll Caesar aus tendenziöser Zweckhaftigkeit die ethnische Eigenständigkeit der Germanen betont haben, während Poseidonios in ihnen nur eine Sonderform gallischer Art gesehen habe. Aber, auch wenn man dies gelten läßt, und auch wenn man unterstellt, daß Caesar auch auf ein paar Gemeinsamkeiten hätte hinweisen können: Die schärfere Trennung der beiden Völker ist doch einfach richtig, jedenfalls hat sie die Ethnologie und die Geschichte bis auf den heutigen Tag akzeptiert! Man mag einen Augenblick überlegen, um wieviel schwieriger Keltologie und Germanistik ihren jeweiligen Ausgangspunkt hätten finden können, ohne Caesar, und ohne Tacitus, der, wie gesagt, hier durchaus an Caesar anknüpft, offenbar ohne von einer aktuellen, für ihn vergangenen, caesarischen Tendenz etwas zu spüren.
Dies sollte nur ein Beispiel sein. Vieles, was man sonst anführt um Caesars Sachangaben zu diskreditieren, ist von nicht schlüssigerer Art. Noch einmal: Daß Caesar mit seiner Darstellung nicht bloß positivistische Sachverhalte registrieren, sondern daß er damit wirken will, daß er die Vorgänge in eine seinen Zwecken dienstbare Beleuchtung rückt, dies sei durchaus nicht bestritten. Er verfügt zu diesem Zwecke über Mittel, deren er sich mit äußerster Geschicklichkeit, ja Raffinesse, bedient: Etwa die Art, in der er die jeweils Beteiligten, Freund oder Gegner, sprechen läßt, wo man in der Tat nichts unbesehen in direkte Sachangabe transponieren darf, vor allem aber auf eine ständige Stimmungssuggestion gefaßt sein muß, der man sich nicht leicht entziehen kann. Oft glaubt man in der Tat, etwas bei Caesar gelesen oder gelernt zu haben, was, wie man bei näherem Zusehen merkt, gar nicht wirklich dasteht. Ein Beispiel wird gleich zu bereden sein. Am wirksamsten ist vielleicht jene auf römische Prätention und imperiale Empfindlichkeit berechnete Affekterregung und latente Moralisierung, durch welche die Gegner in Unrecht und Schuld manövriert und damit das Eingreifen gegen sie gerechtfertigt wird. Daß hier in der Tat vieles reine "Tendenz" ist, ist unbestreitbar; und es darf angenommen werden, daß gerade in diesem Betrachte Caesars eigene subjektive Aufrichtigkeit außerordentlich gering zu veranschlagen ist, denn er selbst dürfte sich darüber, daß es sich immer wieder um ein willentliches, aus kühler politisch-strategischer Berechnung herbeigeführtes aggressives Vorgehen handelte, schwerlich einer Täuschung hingegeben haben: Hier ist sicher vieles als eine Konzession an die weltfremden Moralisten seiner Zeit zu verstehen, denen der Wind aus den Segeln genommen werden mußte; daß dies in etlichen Fällen wie dem der Usipeter und Tenkterer nicht völlig gelang, ist bekannt genug.
Es wäre also bare Unvernunft, Caesar zum selbstlosen Wahrbeitsfanatiker machen zu wollen. Nur liegen die Dinge außerordentlich viel subtiler, sind feiner gesponnen, als daß sie sich der groben Fälschung und handfesten Betrügerei zeihen ließen. Häufig genug finden sich Aussagen, die von echtem Verstehen der anderen Volksart, von gelassener Einsicht in ihr relatives oder sogar absolutes Recht zeugen: Ohne Leidenschaft, in kalter und sachlicher Beobachtung, werden die Situationen gesehen, aber dann schieben sich, je nachdem wie es erforderlich scheint, - jene psychagogischen Retouchen und Nüancierungen ins Bild, die den moralischen Schock verhindern sollen. Ein Moment echter und unmittelbarer, ja rücksichtsloser Selbstgestaltung wird abgefedert durch eine zweckgerichtete Gefühlsregie, die, über alle Härte, ethische Fragwürdigkeit und humanitären Skrupel hinweg am Ende doch den Aspekt der legitimen Eigengesetzlichkeit imperialer Politik und römischer Herrschaftslegitimation in den Vordergrund des Bewußtseins zu drängen vermag.
Die drei bezeichneten Problemkreise: Textrezension, Interpolationskritik und Tendenzproblem, hängen nun aber innerlich zusammen, und jede Entscheidung im einem Bereich tangiert jeweils auch die beiden anderen. Deswegen war es erforderlich, vorweg darauf hinzuweisen. Wenn ich recht sehe, ist es notwendig, und jedenfalls soll es hier so gehalten werden, daß im nüchternen und durchaus unbeschönigten Bewußtsein bedenklich vieler Unsicherheitsfaktoren doch, mindestens als Arbeitshypothese, zunächst mit der Echtheit, Zuverlässigkeit und sachlichen Richtigkeit des Überlieferten gerechnet wird; ferner sollte deutlich werden, daß hier mit prinzipiellen Vorentscheidungen überhaupt wenig auszurichten ist, der Gesichtspunkt der Autorität verfängt weder gegenüber den Handschriften, noch gegenüber den Sachangaben: weder als naive und tumbe Gutgläubigkeit gegenüber Caesar, noch als eifrige negativistische Skepsis, die sich töricht vorkäme, wenn sie nicht in jedem Wort Tendenz und Fälschung zu wittern bereit wäre. Was sich tun läßt, ist: Mit dem Überlieferten zu arbeiten, so lange es geht und so gut es geht, das heißt: zu lesen ohne Voreingenommenheit und zu interpretieren ohne Präjudikationen, sei's nach welcher Richtung auch immer. Dies soll hier an einem geschlossenen Zusammenhang, und zwar an herausgegriffenen Details desselben unter Voraussetzung des Ganzen, geschehen.
II. Zu Bellum Gallicum 5, 24 37
Die im folgenden besprochenen Stellen mögen z.T. für sich selber wenig besagen: allemale handelt es sich um bloße Nüancen des Verständnisses, zuweilen sogar um Quisquilien; trotzdem scheint es, als werde gerade durch solche Belanglosigkeiten der Charakter der Darstellung unmerklich bestimmt und geprägt; das Einzelne mag unterhalb der Bewußtseinsschwelle bleiben, aber es summiert sich zu einer Lenkung des Lesers, deren dieser selbst kaum inne wird. Die Aufgabe der Interpretation ist hier wie sonst, grundsätzlich nicht anders als etwa bei einem Gedicht: sich einmal dieser suggestiven Beeinflussung hinzugeben, zugleich aber sich ihrer Wirkung durch kritische Kontrolle zu entziehen, das Unbewußte bewußt zu machen, das Einzelmittel aufzuklären, die Mache zu durchschauen, zu verstehen, daß der Effekt sich nicht von alleine, nicht ohne Kunst einstellt; am Ende muß dann freilich das Isolierte und peinlich Befragte wieder eingeordnet werden in ein Ganzes, das in einer neuen Naivität hingenommen wird, wenn anders Interpretation nicht mit der Auflösung und Zerstörung des echten Erlebnisses enden soll.
Begonnen sei mit einer bisher von allen Editoren für korrupt gehaltenen Stelle; vorweg sei zugestanden, daß ich in diesem Falle nicht unbedingt sicher bin, ob die hier vertretene Auffassung zwingend oder auch nur einleuchtend ist: es mag ein bißchen undiplomatisch sein, gleich mit Fragwürdigem anzufangen, aber die Reihenfolge, wie sie bei Caesar selbst begegnet, sollte nicht um irgendwelcher Darstellungsregie willen durchbrochen werden:
5, 28, 4: L. Aurunculeius Cotta, der eine der beiden Legaten, und zwar derjenige, der soldatische Disziplin und römische virtus repräsentiert, warnt davor, dem Rat des Ambiorix zu trauen und das Lager preiszugeben: es sei stark genug, einem feindlichen Angriff, mochte er auch so heftig sein, wie nur immer vorstellbar, standzuhalten: nihil temere agendam neque ex hibernis iniussu Caesaris discedendum . . .; dann kommt der strittige Satz; überliefert ist:
quantasvis magnas etiam copias Germanorum sustineri posse ...
Das hat kein Herausgeber zu verteidigen gewagt. Folgende Vorschläge stehen zur Wahl:
quantasvis <Ambiorigis>, magnas etiam copias Germanorum (Oehler) quantasvis <Gallorum>, m.e. c. &. (Sydow, Meusel,, Klotz) quantasvis copias Germanorum (Constans) quantasvis copias (Fuchs).
Also: Entweder Zusätze, oder Tilgungen, am energischsten bei Fuchs. Daß Oehlers Ergänzung falsch ist, liegt auf der Hand: dazu waren die Kräfte des Ambiorix zu gering. Bei Constans fehlt die doch auch notwendige Beziehung auf den gleichzeitig zu erwartenden Angriff der gallischen Koalition. Bei Fuchs bleibt die Frage offen, wie denn ein Interpolator auf den Einfall dieser sinnvollen, aber keineswegs naheliegenden - Einschübe gekommen sein sollte. Am plausibelsten ist doch wohl der, von Meusel und Klotz gebilligte, Vorschlag von Sydow. Immerhin: Die anderen neueren Herausgeber hat er nicht überzeugt. Mir scheint, mit gutem Grund. Wenn sich das quantasvis auf die Gallier, das magnas etiam auf die Germanen bezieht, so bedeutet das zweite Glied eine Abschwächung gegenüber dem ersten: die zu erwartende Steigerung bleibt aus. Nun, man kann sich damit abfinden. Aber eine Konjektur, mit der man sich soeben nur abfinden kann, bleibt heikel.
Aber nun sei doch zuerst gefragt, ob es wirklich einer Änderung bedarf. Natürlich, was stört, ist der befremdliche Pleonasmus. Aber dieser kommt nur deswegen für den modernen Leser so hart heraus, weil dieser unbewußt seine gelernten Übersetzungsaequivalente ins Spiel bringt, so als hieße es, beliebig große, auch große...'. Aber quantasvis neben magnas ist etwas sehr anderes; man braucht nur zu bedenken, daß es zu quantus eine Deminutiv-Form gibt, vgl. 5,49,6 tantulis copiis (,mit so geringen Truppen') oder 6, 35, 9 praesidii tantum est im Sinne von ,so wenig'.
Zudem: Es gibt bei Caesar Vergleichbares, nur werden auch diese Stellen meist durch die Editoren glattpoliert; etwa 4, 3, 3- 4 der doppelte Pleonasmus multumque.. . ventitant. . . multis saepe bellis in dem frequentativen ventitant steckt sinngemäß ja schon ein multum drin! ; 4, 6, 3 ist ebenso das pleonastische omnia quaeque zu bewahren: für logische Beckmesserei ist dergleichen immer ,Korruptel', aber es steckt eine funktionale Absicht darin: Gebärde, Affekt, Überhöhung, Emphasis.
Daß gerade im vorliegenden Zusammenhang eine affektive Steigerung am Platze ist, bedarf keines Beweises; ob eine gewisse Gedrängtheit der Formulierung einer Art ethopoietischer Absicht zugeschrieben werden darf es spricht der biedere Haudegen Cotta, sei dahingestellt. Nun aber ist das Vokabular bereits vorbereitet: Ambiorix hatte gesagt (5,27, 8): magnam manum Germanorum... Rhenum transisse; er spricht also zwar von einer magna manus, aber immerhin nur von einer manus: gegenüber dem umfassenderen copiae ist manus der untergeordnete Begriff vgl. etwa 1, 37, 4: si nova manus Sueborum cum veteribus copiis Ariovisti se coniunxisset . Cotta steigert sich also in eine gradatio der Zuversicht hinein:
Zuerst: quentasvis sustineri posse: hinsichtlich der erwarteten Größenordnung ist das noch ganz indifferent: sie könnten jedem Angriff standhalten; nun der gedankliche Einwand: Aber wenn viele kommen? Abwehr: Gewiß, mögen auch viele kommen; selbst wenn nicht nur eine magna manus, sondern was nicht zu erwarten ist, denn das hat nicht einmal Ambiorix angedroht! - sogar magnae copiae kämen!' Und dazu, als letzte Spitze, dann das Germanorum: damit wird der traditionellen Germanenfurcht so wie sie 1,39 eindrucksvoll dargestellt ist Rechnung getragen: ,und selbst wenn es Germanen wären'. Also eine vierfache Steigerung: 1. quantasvis, 2. etiam magnas, 3. non solum manum sed etiam copias' 4. non solum Gallorum sed etiam Germanorum. Im ganzen: ,Wir können in jedem Falle standhalten, selbst wenn die ohnehin wohl schon übertriebene Ankündigung des Ambiorix durch die Wirklichkeit noch überboten würde'.
In der Auffaltung des Satzes ist das magnas, gegenüber quantasvis, zunächst wie eine epexegetische Parenthese abgesetzt, geht aber dann in gleitendem Übergang ins Gefüge ein, wie ja auch das etiam eine Doppelfunktion ausübt, nämlich sowohl zu magnas als auch zu copias, ja sogar noch zu Germanorum gehört: Die Intention der Steigerung ist darin wie ein musikalisches Vorzeichen gesetzt: einmal, und damit für das Anschließende ein für allemale.
Zugegeben also, daß eine Härte vorliegt. Aber eine gewisse Bestätigung liegt, wie ich meine, in der folgenden Antwort des anderen Legaten, jenes Q. Tirurius Sabinus, auf den dann im Folgenden die volle und alleinige Verantwortung für das Oesaster gehäuft wird: Titurius sagt (29, 1) : . . . sero facturos . . ., cum maiores manus hostium adiunctis Germanis convenissent . . .; die Stellen interpretieren sich gegenseitig : so wie Cottas Vertrauen noch über die Drohungen des Ambiorix hinauszugehen wagt, so bleibt Titurius' Verzagtheit hinter ihnen zurück: ,es brauchen gar nicht erst magnae copiae überhaupt, und gar solche der Germanen, zu kommen: maior eine nur leidlich große manus nicht copiae hostium gleichviel welcher Art -, und gar, wenn dabei auch noch irgendwelche - und seien es auch geringe Germanenkontingente im Spiele waren: und es ist zu spät, wir sind verloren'. Rede und Gegenrede: Das paßt zueinander wie Hand und Handschuh; aber wirklich passend wird es erst, wenn man die Überlieferung hält, ohne Tilgung oder Zutat.
2. Die nächste Stelle, die hier besprochen sei, steht 5, 30, 1: Sabinus sucht seine Meinung durch ein demagogisches Mittel durchzudrücken, indem er seine Befürchtungen im Falle des Bleibens so laut äußert, daß die Soldaten sie hören und dadurch verängstigt werden: ... cum a Cotta . . . resisteretur, ,vincite' inquit ,si ita vultis' Sabinus et id clariore voce, ut magna pars militum exaudiret: ,neque is sum' inquit .qui gravislime ex vobis mortis periculo terrear: hi sapient; si gravius quid acciderit, abs te rationem reposcent; qui si per te liceat, perendino die cum proximis hibernis coniuncti communem cum reliquis belli casum sustineant, non reiecti et relegati Ionge a ceteris aut ferro aut fame intereant.
Fuchs nimmt an dem zweiten inquit Anstoß und tilgt es. Dazu ein Hinweis, der zunächst abwegig scheinen mag; aber vielleicht wird damit die Stil-Lage des Kapitels am schnellsten nachfühlbar: In Heinrich von Kleists »Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege" sind die Worte des Reiters und Haudegens auf 39 Zeilen volle zehn Male durch spricht er" unterbrochen, ungerechnet ein rief«, ruft" und zweimal sagt": welches Tummelfeld für Tilgungen nach 2000 Jahre! Daß solche affektiven Mittel bei Caesar eine Rolle spielen, mag ein anderer Fall zeigen: 7, 20, 12 weist Vercingetorix in flammendem Unwillen und mit ausdrücklich gekennzeichneter psychagogischer Berechnung die ihm gemachten Vorwürfe zurück; hier, im Anschluß an vorausgehende oratio obliqua in die direkte Rede umkippend, wird die Affektaussage genau ebenso durch die stauenden und intensivierenden Einschaltungen unterbrochen, aber dadurch nur umso nachdrücklicher: ,haec' inquit ,a me' Vercingetorix, ,beneficia habetis, quem proditionis insimulatis . . ."; Gitlbauer hatte hier das 'störende' Vercingetorix gestrichen, Klotz zur Verteidigung eine Reihe ähnlicher, durchwegs ebenso affektiver, Formulierungen im Apparat nachgewiesen (aus Cicero, Varro, Livius, Petron, Florus). Natürlich ist auch hier die Überlieferung zu halten.
Der ganze Zusammenhang ist ein Musterbeispiel stilistischer Ethopoie und Psychagogie. Darauf, daß das gravissime ex vobis der strengen Logik zuwiderläuft statt gravius vobis oder gravissime ex omnibus: gedankliche Kontamination! hat schon Meusel hingewiesen, diesmal ohne zu 'verbessern''; die deiktische Gebärde des hi sapient spricht für sich; das perendino die gehört jener Sprachschicht an, in der Archaisches und Vulgäres zur Deckung kommen (vgl. etwa Cicero pro Murena 27); dann - unmittelbar-sinnlicher Ausdruck der Anlehnungsbedürftigkeit!: die Häufung der cum-Kompositionen: cum
coniuncti communem cum reliquis, dazu im Gegensatz das isolierende reiecti et relegati . . . , zugleich allitterierend, dazu die zweite, fast schon preziöse Allitteration ferro aut fame, wobei zu beachten ist, daß beide allitterierende Buchstaben, F und R, für den Römer kakophone, widrige Laute waren: dies sagt ausdrücklich Cicero im Orator 158 und 163.
Daß die vom 4. Buch an mehrfach begegnende oratio recta an sich schon den Kommentarienstil sprengt, ist bekannt. Unzweifelhaft liegt hier berechnete, freilich verhohlene Stilkunst vor, wenngleich sie scheinbar absichtslos und wie sprachlicher Naturalismus auftritt. Dazu also gehört ganz gewiß auch das doppelte inquit, ebenso wie die Trennung des Subjektes Sabinus vom ersten inquit.
Darnach braucht kaum etwas gesagt zu werden über die Arglosigkeit früherer Erklärer, welche, wie Meusel zu Kapitel 29,4 ernstlich des Problem erörterten,- woher denn Sabinus etwas vom Tode des Tasgetius (25,1.4) habe wissen können, da doch Caesar seinen Legaten nichts davon mitgeteilt zu haben" scheine: also haben Titurius und Cotta es wohl von den Eburonen erfahren": Ob sie es wußten oder nicht, und ob Caesar wußte, ob sie es wußten oder nicht, ist für die Konzeption dieser Reden der indirekten ebenso wie der direkten! völlig gleichgültig: in jedem Falle sind sie Caesars eigenes Werk, von keiner größeren, aber auch von keiner geringeren ,Echtheit' als nur irgendeine Rede des Thukydides...
3.
Die Meinung des Sabinus hat gesiegt, der Aufbruch wird vorbereitet; 5,31,4- 5: consumitor vigiliis reliqua pars noctis, cum sua quisque miles circumspiceret, quid secum portare posset, quid ex instrumento hibernorum relinquere cogeretur. omnia excogitantur, quare nec sine periculo maneatur et languore militum et vigiliis periculum augeatur. So ist der letzte Satz bis auf eine Kleinigkeit: nec aQ, ne ~ einhellig überliefert. Ihn unverändert in den Text zu setzen hat von den Neueren keiner gewagt, ausgenommen Rice Holmes in der Oxford-Ausgabe 1914, der jedoch mit seiner Verteidigung kaum Gehör fand; die von Holmes vertretene Auflassung ich übernehme zunächst das Referat Meusels im kritischen Anhang zur Stelle , die Römer redeten sich mit allen möglichen Gründen ein, der Vorschlag des Sabinus sei der vernünftigste, denn im Lager zu bleiben sei sehr gefährlich", aber gleichzeitig, "daß durch die fehlende Nachtruhe und die dadurch hervorgerufene Erschöpfung der Soldaten die Gefahr vergrößert werde", ist unhaltbar, weil - in sich widersinnig: sie hätten sich denn eine wirkliche Gefahr mit Recht eingeredet, dann aber nichts getan sie zu bannen consumitur vigiliis reliqua pars noctis, seien aber dann trotzdem in einer frivol leichtfertigen Marschordnung abgezogen.
Meusel klammert, ohne Eingriff, das ganze weg und glaubt, daß der unklare und törichte Satz ursprünglich eine an den Rand geschriebene Inhaltsangabe zu c.30 und 31 war (mit non statt nec und augetur statt augeatur) . . ."; Fuchs klammert gleichfalls ein, ändert aber überdies, indem er nach quare einfügt <proficiscendum sit> und die Konjektur von Fleischer augetur statt augeatur übernimmt. Klotz beläßt zwar den Satz im Text, nimmt aber ebenfalls früher als Fuchs Lücke nach quare an, zu deren Ergänzung er etwa vorschlägt <nec cum periculo eatur> (weil er mit Ausfall eines Gliedes infolge Homoioteleuton rechnet), im übrigen ebenfalls augetur schreibt. Schließlich Constans bleibt der Überlieferung am nächsten, rechnet weder mit Interpolation noch mit Lücke, übernimmt aber aus Meusels Tabula Coniecturarum (im Anhang des Lex. Caes. IT 2) die alte, bereits von R. Schneider bekämpfte Konjektur von H. Hartz: mane eatur statt maneatur.
Der Fall scheint also wenig aussichtsreich, ist aber verläßlich zu bereinigen. Wieder sei von der Annahme der Echtheit des Überlieferten ausgegangen: Wie läßt es sich verstehen? Auszugehen ist davon, daß man sich durch die Affekttönung des Zusammenhanges führen und einstimmen läßt. Cotta, als der bessere Mann, vertritt die bessere Sache. Aber er gibt nach; zwar beugt er sich nicht den Argumenten des Sabinus, wohl aber den ungenannten Vermittlern, welche zu bedenken geben, daß jeder in Einigkeit gefaßte Beschloß, vernünftig durchgeführt, Aussicht auf Gelingen habe, jede dissensio aber verderblich sei. Dieses Argument ist zweifellos auch in Caesars eigenem Urteil triftig. Daß Cotta sich ihm beugt, ist prinzipiell kein Fehler. Er wird also auch insoweit entlastet. Ein Fehler ist jedoch dies, daß er die Initiative gleichzeitig völlig aus der Hand läßt, daß er resigniert: das dat... manus enthält zweifellos einen negativen Akzent; damit gibt er dem Sabinus, also der bösen Kraft, die Hände frei. Dieser aber, schon ohnehin das Opfer seiner Angst und Kurzsichtigkeit, hat durch den demagogischen Appell an die Truppe bereits das Heft aus der Hand verloren; was übrigbleibt, ist nicht die- von den Vermittlern geforderte Einheitlichkeit und Geschlossenheit der Führung, sondern Unordnung und Anarchie. Herrschend wird die Anonymität der Masse; dies wird auch sprachlich unüberhörbar verdeutlicht in der Impersonalität der folgenden Aussagen: pronuntiatur, consumitur, quisque miles, omnia excogitantur, maneatur, augeatur, proficis.cuntur....: kein einziges personales Subjekt folgt, bis zu dem in erschreckender Präzision dagegen abstechenden At hostes am Anfang von Kapitel 32.
Damit aber hat sich die kurz vorausgegangene Prognose der Vermittler: es könne so und so gut gehen, si modo unum omnes sentiant, um einhundertachtzig Grade gedreht: jetzt, im Zustand der Anarchie, mußte es, seu maneant seu proficiscantur, schlimm enden. Hier wird eine Funktion der Sabinusrede deutlich, die neuerdings an Thukydides' Redetechnik zu denken Anlaß gibt: In der fast uferlosen Diskussion ist vielleicht eine Aufgabe gerade der Feldherrn-Reden nicht genügend gewürdigt worden, nämlich diejenige der sinngebenden Motivation des Kommenden: Es ist bemerkenswert, wie wenig überraschend das jeweils Geschehende, Sieg oder Niederlage, fast durchwegs eintritt: irgendwie weiß man vorweg, wie es kommen muß. Kontrolliert man dieses Vorausahnen auf seine Ursachen, so stößt man immer wieder auf eine vorausgehende, vielfach kurze, scheinbar wenig gehaltvolle, topische Rede. Für Thukydides ist das hier nicht auszuführen Für die Sabinusrede gilt es im vollen Umfang: Nach dieser Rede kann es nicht mehr zum guten Ende kommen. Die Römer, und zwar auch die einsichtigen wie Cotta und die primi ordines (30,1), können nun nicht mehr bleiben, nachdem sua quisque miles circumspexerat quid secum portare posset und nachdem sogar ex instrumento hibernorum - also doch wohl: vom Quartierinventar - alles, was nicht niet- und nagelfest war, gepackt und beim Troß gehortet war. Aber eben darum war auch der Abmarsch, an sich schon falsch, erst recht ein riskantes Unternehmen. Die zuvor disziplinierte Truppe war zu einem individualisierten Haufen besitzgieriger, ihr eigenes Lager ausplündernder Marodeure geworden, die nichts anderes im Sinne hatten als ihren Profit möglichst ungemindert zum Nachbarlager des Q. Cicero oder des Labienus - zu bringen. Zudem hatten sie sich selbst um den Nachtschlaf gebracht und waren daher nicht nur nicht mehr kampfwillig, sondern auch vermindert kampffähig. Und daß es dahin gekommen war, war nicht Folge von außen her einwirkender Kräfte, sondern die anonyme, führungslose Masse hatte selbst mit imponierender Findigkeit eines zum anderen gefügt, damit diese katastrophale Bilanz zu stande käme. Das hi sapient des Sabinus hat sich verhängnisvoll verwirklicht sie hatten tatsächlich gezeigt, daß sie besser als Cotta, wußten, was gut und was böse ist'.
Und nun: Genau dies, worauf also der Zusammenhang hindrängt, steht doch ganz präzise in dem strittigen Satz. Man braucht nur einmal zu verstehen, daß das omnia excogitantur durchaus nicht das meint, was Holmes darin fand: Men thought of every argument to persuade themselves«, sondern daß es ironisch, ja sarkastisch gesagt ist: ,sie legten es mit allen Mitteln darauf an', ,sie ließen nichts unversucht um . . . ', wobei, natürlich, mit bitterer Pointierung aus dem tatsächlichen Effekt auf den irrsinnigen Willen zu gerade diesem Effekt geschlossen wird. Für römische Ohren ist dieser Oberton allein schon in dem Wort excogitare intendiert, so etwa ebenso ironisch! - bei Cicero: o callidos homines, o rem excogitatem, o ingenia metuenda die Valenz des Dummschlauen, Pfiffigen, Ausgetüftelten liegt darin. Jetzt das Weitere. Überliefert ist: quare nec sine periculo maneatur. Die Konjektur von Hartz mane eatur mag einen Augenblick bestechen eigentlich kaum eine Konjektur, aber sie ist dennoch zweifellos falsch. Es kommt darauf an, die Wirkung des nec et zu verstehen; die Verbindung an sich ist Caesar geläufig _ es gibt mindestens 12 Belege ---; man pflegt zu übersetzen: 'einerseits nicht . . . andrerseits aber . . .'; was dabei irreführen kann, ist die klare Zweigliedrigkeit, die Bipolarität, welche im Deutschen damit gegeben ist: dann nämlich empfindet man es als störend, wenn dem et noch ein weiteres et nachfolgt, so wie es hier der Fall ist : nec . . . maneatur et languore militum et vigiliis . . .; aber gerade dieses Fortspinnen der Antithese ins Dreigliedrige ist im Latein&Mac245;schen ganz trivial. Wohl aber liegt hinter der kopulativen Form ein latent adversativer Sinn: eine Situation wird erst von der einen, dann von der anderen Seite her eingegrenzt, sie gerät in eine Schere oder wird geradezu in die Aporie geführt. Genau darum geht es hier: das getroste Wort der Vermittler: facilem esse rem, seu maneant seu proficiscontur (5,31,2) war ins genaue Gegenteil umgeschlagen: man hatte es geradezu genial dahingebracht, einerseits daß man jetzt ohne Gefährdung tatsächlich nicht mehr bleiben konnte: auch nicht Cotta und die primi ordines; andrerseits? Man mußte also ausrücken; gefährlich war das in jedem Falle, das ist dem Leser von vornherein klar, seitdem der F e i n d, Ambiorix, dazu geraten und dem törichten Sabinus dieser Rat eingeleuchtet hatte; jetzt aber war die Gefahr ungemein viel größer geworden. Wodurch? Es ist schon gesagt: Durch die Demoralisation der Truppe. Das ist das Entscheidende. Man muß freilich verstehen, was languor bei Caesar heißt: gewiß, die Vokabel kommt nur hier vor, aber es findet sich languens (2, 14,1), languidus (1, 21, 5. 3, 5, 1), languide (7, 27, 1) und zwar immer eindeutig als s e e l i s c h e Disposition, nie als körperlicher Befund: nostris languentibus atque animo remissis; remisso ac languido animo; cum
hostes acrius instarent languidioribusque nostris (also: Gegensatz zu acer!); languidius in opere versari
: das ist also völlig eindeutig: hier heißt es eben gerade nicht: "durch Ermattung der Soldaten" (Stegmann) und nicht: par la fatigue des Soldats", sondern: ,infolge der korrumpierten, moralisch defekt gewordenen Seelenverfassung der Soldaten'. So, aber nur so wird einsehbar, warum was Meusel sonst mit Recht gerügt hatte das militum bei languore steht und nicht, sofern dies etwa dasselbe oder die Ursache des languor wäre, bei vigiliis. Jetzt aber bedeutet das vigiliis etwas neues: die Soldaten waren zunächst unwillig zum Kampf; aber, auch soweit das nicht galt oder unter feindlichem Druck sich allenfalls ändern konnte: sie waren unausgeruht und deshalb kaum fähig zum Kampf.
Es sei hinzugefügt, daß die Abfolge eines psychischen und eines somatischen Befundes was man dann auch sonst allzu leicht als ,synonym' als pleonastische Doppelung mißdeutet , in dieser Reihung einer caesarischen Denkform zu entsprechen scheint; zu vergleichen ist etwa 5, 45,1 quanto erat in dies gravior atque asperior oppugnatio, wozu Meusel richtig bemerkt: gravior seelisch drückender; asperior körperlich . . . Zu denken ist dabei wohl besonders an die Verwundungen. . . an Schlaflosigkeit und dergleichen"; beachtlich, daß das Körperliche an der zweiten, d.h. an der betonteren Stelle steht uns läge die umgekehrte Ponderation näher: Caesar ignoriert das Seelische durchaus nicht, aber er hält sich vor allem an die sinnlich kontrollierbaren Realitäten.
Daß das überlieferte augeatur richtig und notwendig ist und keinesfalls zum Indikativ verändert werden darf, versteht sich nun von selbst. Das einzige, was der Satz durch eine gewisse abrupte Prägnanz dem Leser zumutet, ist, daß aus dem maneatur für das Folgende, e contrario, so etwas wie in itinere oder in proficiscendo herauszuhören ist. Aber wer dies vermißt, für den kommt es ja sofort: prima luce sic e castris prof iciscuntur. Wenn man den Satz so versteht, wird man ihn weder missen noch durch eine der vorgeschlagenen Ergänzungen oder Veränderungen korrigiert sehen wollen.
4. Wie steht es mit der Verantwortung Caesars selbst für die Katastrophe? Ist nicht letzten Endes doch er der Schuldige, wenn anders es zutrifft, daß die Verantwortung für die 'Moral' von Unterführern und Truppe immer beim Feldherrn selbst liegt? Denn daß dies Caesars eigene und eigentliche Meinung ist, wird an anderen Stellen ganz deutlich. Erst unter diesem Gesichtspunkt man mag ihn ruhig als einen autoapologetischen bezeichnen wird klar, warum Caesar sich in diesem Buche, mehr als je sonst, Mühe gab, die im Hinblick auf die Sicherheit absolut zweckmäßige Vorsorge bei der Wahl der Winterquartiere erkennbar zu machen: daß sie nur 150 km voneinander entfernt waren (5, 24, 7), daß er selbst in Gallien geblieben war, mindestens so lange, bis er erfahren hatte, daß die Lager gesichert waren (24, 8); daß ihm das Erreichen der Standorte und deren ordnungsgemäße Befestigung ab omnibus legatis quaestoribusque gemeldet worden war (25,5) womit also die zuvor bezeichnete Voraussetzung für die Abreise aus Gallien erfüllt war! Was das bedeutet, wird nachher zu fragen sein! ; jedenfalls: Caesar hatte das Mögliche getan. Trotzdem also trat das Unglück ein. Warum? Nun, das lag einmal an der Perfidie des Ambiorix, und zum anderen an der Person des Titurius Sabinus, der ihr zur Beute wurde. Dieser Legat war bereits im zweiten Buch im Zusammenhang mit der Schlacht an der Aisne (Axona) mit Kommandoaufträgen in Erscheinung getreten, ohne dabei irgendwie physiognomisch deutlich zu werden. Im dritten Buch (17) führt er ein Kontingent ins Land der Veneller gegen Viridovix. Hier zieht er sich bereits den Verdacht der Ängstlichkeit zu (opinionem timoris praebuit), aber Caesar rechtfertigt sein Verhalten als schlaue Kriegslist und disziplinierte Voraussicht. Immerhin und gerade dies spricht für die Korrektheit und Treffsicherheit der Darstellung auch dort, wo Caesar selbst das Faktische noch zu decken und zu rechtfertigen bedacht ist regt sich bereits ein deutliches Mißbehagen gegenüber dem Manne und seiner etwas krummen, hinterhältigen Taktik. Caesar suggeriert diesen Eindruck durchaus nicht, im Gegenteil: eher sucht er ihn abzuschwächen, aber objektiv ist er da. Dann erscheint Sabinus bereits 4,22, 5 und 4, 38, 3 zusammen mit Cotta, ohne daß dabei ein Schaden bemerkbar würde. Erst an unserer Stelle, hier aber dann gleich vernichtend, zeigt sich die Unzweckmäßigkeit dieses Doppelkom- ~ mandos. Hier gab es nichts mehr zu decken, und die Suggestion des Erfolges vom dritten Buch war der düsteren Beredsamkeit des entscheidenden Mißerfolges gewichen.
Darin liegt doch wohl ein Anzeichen dafür, daß Caesar mindestens die Bücher 24 niedergeschrieben hatte, ehe er von den Vorgängen des Winters 54/53 etwas wußte, und daß er später die Gelegenheit entweder nicht gehabt oder nicht genutzt hat, die frühere Darstellung aufgrund der späteren Erfahrung zu modifizieren. Der Sachverhalt fordert bei der Diskussion um die Entstehung des Caesar-Corpus Beachtung, ist aber freilich nicht so eindeutig auswertbar, wie es beim ersten Anblick scheinen mag.
Vielleicht ist zu der Stelle noch eine weitere Erwägung möglich: Man mag sagen, die Darstellung sei einfach durch die Ereignisse vorgegeben, durch welche sich in diesem einen Falle die Risiken einer gleich geordneten und gleichberechtigten Kollegialität in bestürzender Weise gezeigt haben: daß nämlich die bessere Einsicht allzu leicht vom schlechten Affekt überflügelt, dieser selbst aber nur dadurch zum Herren der Lage wird, daß er sich demagogischer Mittel bedient und darüber die Zügel an die anonyme Pluralität verliert. Wenn man will: Ein exemplum und Gegenstück zur politischen Situation Roms nach der Konferenz von Lucca. Ob Caesar dies selbst so gesehen habe, ob er gar einen solchen paradeigmatischen Charakter dieses trotz allem peripheren Vorkommnisses habe deutlich machen wollen, wird kaum bündig auszumachen sein. Wenn ja, dann könnte darin liegen, daß Caesar, sofern er die letzte Verantwortung hatte, sie doch nur in der Weise hatte, daß er das politische Prinzip der Kollegialität im Felde praktiziert, und daß hier dieses Prinzip sich: selber ad absurdum geführt habe. Wie übrigens ja auch die verhängnisvolle Resignation des Cotta im Grunde nur eine Spielart einer zivilen RepubIikaner-Tugend ist, nämlich das wenngleich widerstrebende, so doch disziplinierte Anerkennen des Majoritätsprinzips. Ob solche Gedanken und Hintergedanken im Spiele sein mögen, ist bei Caesars lakonischer Sachlichkeit wohl nie verläßlich zu sagen; freilich zu widerlegen ist es wohl auch nicht. Und wenn etwa ein Leser auf solche Reflexionen verfallen mochte, dann durfte er glauben, er denke seine eigenen Gedanken. Aber sind sie ihm nicht durch die Darstellung nahegelegt gelegt, gleichsam infiltriert worden?
Noch etwas kommt hinzu: Wenn Caesar im flachen und vulgären Sinne nur Agitator und Propagandist wäre, dann wäre es schon der Beachtung, und aller Achtung wert, daß er diese arge Schlappe suo loco mit solch unbeschönigter Genauigkeit darstellt. Keinesfalls ließe sich erwarten, daß er auch künftig wiederholt an diese wunde Stelle rührt. Das aber tut er: 5,37 ist berichtet, wie Sabinus erschlagen wird. Darnach wird im fünften Buch noch sechsmal, im sechsten weitere dreimal sein Name genannt: von einem Verschweigen kann also hier nicht die Rede sein (anders steht es mit der immerhin heiklen Vernichtung der Usipeter und Tenkterer: wenn Sabinus 5, 29, 3 zur Begründung des Römerhasses der Germanen sagt: magno esse Germanis dolori Ariovisti mortem et superiores nostras victorias, so läßt sich hier doch wohl ein bewußtes Verschweigen unterstellen!). Bezeichnend auch die Stelle 6,1,4, wo Caesar nicht ohne fühlbaren Stolz feststellt, wie rasch der eingetretene Verlust mehr als doppelt aufgeholt wurde: ... docuit, quid populi Romani disciplina atque opes possent; bezeichnend einmal dafür, daß nicht das Verhehlen und Verdrängen, sondern die energische Anerkennung des Faktischen und dessen tatkräftige Meisterung Caesars Sache ist; bezeichnend freilich auch dafür, daß ausschließlich der militärische Ausfall der durch Neuaushebungen wettzumachen ist -, keineswegs aber die menschliche, für die Betroffenen irreparable Katastrophe gesehen wird: für die Unersetzlichkeit der vernichteten Individuen ist in diesem Denken kein Raum. Wie anders Cicero, wenn er zu Caesar sagt: ltaque, C. Caesar, bellicae tuae laudes celebrabuntur... nec ulla umquam aetas de tuis laudibus conticescet; sed tamen eiusmodi res nescio quenzodo etiam cum leguntur obstrepi clamore militum videntur... (Cic. pro Marcello 9).
Schließlich: Das Ganze läßt sich auch lesen als ein Beispiel für die völlige Unabkömmlichkeit und Einzigartigkeit Caesars: Kaum sind die Legaten auf sich selbst gestellt, da geschieht dies! Und gleich darnach, als Folge dieser Katastrophe des Sabinus und Cotta, folgt die wiederum höchst bedrohliche Bedrängnis des Quintus Cicero. Und damit läßt sich eine andere Eigentümlichkeit dieses Berichtes beobachten, wobei sich hier der Unterschied zwischen geschickter, aber nicht wahrheitswidriger Darstellungsregie und massiver, grober Fälschung besonders klar erkennen läßt: Caesar ist fürs erste, seit Ende des 25. Kapitels, völlig aus dem Blickfeld verschwunden. Der Leser wird ganz im Unklaren gehalten, wo Caesar wirklich ist; vielmehr: der Leser glaubt, zu wissen, wo er ist, nämlich, wie sonst im Winter, in der Gallia citerior, also in Oberitalien. Erst hinterdrein erfährt man, daß das keineswegs stimmt: In Wahrheit war Caesar gar nicht weit weg. Wie entsteht dieser falsche Eindruck? Und warum wird er nicht vermieden, oder geradezu erweckt?
Betrachtet man die dahingehenden Aussagen, dann ist bemerkenswert, was Caesar gerade nicht sagt. 5,23,6 erfährt man die glückliche Rückkehr von der zweiten Britannienexkursion: terram attigit omnesque incolumes naves perduxit. Kein Wort darüber, daß, wie wir wissen, ihn damals die Nachricht vom Tode seiner Tochter Iulia erreichte: eigenes Leid bleibt nicht weniger streng aus dem commentarius ausgeschlossen wie fremdes, und die Härte gegen andere ist nicht härter als diejenige gegen sich selbst. Werk und Leben, in ihrer spröden Sachbezogenheit, sind das Resultat einer teils großartigen, teils erschreckenden Zucht und Diskretion. Aber sehen wir weiter: 5, 24 ist das nach Samarobriva einberufene concilium Gallorum erwähnt, dann die Verteilung der Legionen auf getrennte Winterquartiere, am Ende des Kapitels wird Caesars Entschluß mitgeteilt: interea, quoad legiones conlocatas munitaque hiberna cognovisset, in Gallia morari. Der Leser kann das nicht anders verstehen, als daß Caesar die Absicht habe, wie sonst nach Oberitalien abzureisen, nur mache er seine Abreise von der kurzfristig absehbaren Erfüllung einer Voraussetzung abhängig. Dabei wird das in Gallia (sc. morari) nicht näher präzisiert: ob Caesar noch in Amiens war, oder wo sonst, bleibt unklar.
Diese die einzige! Voraussetzung seiner Abreise wird in Kapitel 25 als ohne jede Einschränkung erfüllt gemeldet, zudem mit den gleichen Worten, so daß keinerlei Zweifel hinsichtlich der Korrelation möglich bleibt: ab omnibus... certior factus est in hiberna perventum locumque hibernis esse munitum. Jetzt also kann Caesar getrost abreisen. Daß er es getan habe, ist weder gesagt noch bestritten; der Leser aber gewinnt den Eindruck, Caesar sei fort, mit ihm sei also bis auf weiteres nicht mehr zu rechnen.
Dieser Eindruck wird kaum korrigiert durch die Bemerkung des Cotta Kapitel 28, 3: . . . neque ex hibernis iniussi Caesaris discedendum und interea et ex proximis hibernis et a Caesare conventura subsidia: im Gegenteil deutet die Abfolge darauf hin, Caesar sei beträchtlich weiter weg als die weitesten der anderen hiberna, das interea ist ganz unbestimmt und kann ebenso gut lange wie kurze Zeit bedeuten. Dagegen wird umgekehrt der Eindruck der erfolgten Abreise Caesars nachdrücklich verstärkt und in einer auch vom Leser weder zu beargwohnenden noch zu widerlegenden Weise gestützt durch die Entgegnung des Sabinus 29,12 : Zwar gibt sie sich als eine Vermutung, aber diese wird plausibel begründet und weder hier noch später durch ein berichtigendes Wort aufgefangen: (Titurius clamitabat . . .) Caesarem arbitrari prof ectum in ltaliam; anders, nämlich si ille adesset, hätten doch die Carnuten nie die Ermordung des Tasgetius oder die Eburonen den Vorstoß aufs Römerlager mit solch frecher Unbedenklichkeit wagen können. Es ist derselbe Glaube an die Schutzkraft der caesarischen Person und Gegenwart, wie er von den Ubiern ausgesprochen worden war (4, 16,7): tantum esse nomen eins. . . uti opinione . . . tuti esse possint.
Nun rollt also die Katastrophe des Sabinus und Cotta ab, dann folgt sofort der Angriff der gallischen Koalition gegen das Lager des Q. Cicero im Nerviergebiet. Kapitel 40,1 hören wir, daß Q. Cicero Briefe an Caesar schickt, aber daß die Boten abgefangen werden. Wohin diese Briefe hätten gehen sollen, bleibt wieder unbekannt. In Kapitel 41 fängt endlich das Dunkel um Caesar an sich ein bißchen zu lichten: die duces principesque der Nervier behaupten Caesaris reliquorumque hiberna op- Also gibt es hiberna Caesaris? Ist er etwa selbst dort? Und wo ist dieses Winterlager? Nun, das kann noch Feindpropaganda sein. Aber Cicero entgegnet (41 8): ... legatosque ad Caesarem mittant... Hier wird man stutzig: das kann ja nicht gut heißen, er rate den Galliern zu einer Gesandtschaft nach Italien; weiß etwa Cicero, daß Caesar in irgend erreichbarer Nähe, daß er also gar nicht aus Gallien fortgegangen ist?
Aber erst nach dem ausführlichen Detailbericht wird in Kapitel 45 erzählt, daß es dem Sklaven des römerfreundlichen Galliers Vertico gelang, einen Brief zu Caesar zu bringen. Jetzt also wird unverkennbar, daß Caesar gar nicht weit weg sein kann. Und wirklich tritt jetzt der Feldherr selbst in Aktion, organisiert den Abwehr- und Entlastungskampf, wobei alles sich offensichtlich auf engstem Raume abspielt, und 47,2 wird endlich klipp und klar gesagt, daß Caesar den Crassus zum Kommandanten seines Hauptquartieres in Amiens einsetzte, das heißt, daß er selbst bisher sich von Amiens keinen Schritt entfernt hatte. Und immer noch dauert es dann bis zum Kapitel 53, bis das Faktum seiner Anwesenheit ausdrücklich ausgesprochen und begründet wird (53, 3): ipse cum tribus legionibus circum Samarobrivam trinis hibernis hiemare constitait, et quod tanti motus Galliae constiterant, totam hiemem ipse ad exercitum manere decrevit. nam illo incommodo de Sabini morte perlato omnes fere Galliae civitates de bello consultabant. Welch gewissenhafter Feldherr!
Es ist also, wie man sieht, nichts wirklich gesagt, was, soviel sich sehen läßt, der Wahrheit widerspräche. Aber der dabei mindestens für den Augenblick erweckte Eindruck hat infolge seiner funktionalen Psychagogie eine gänzlich andere Wirkung als das Rohmaterial der Tatsächlichkeit ihn hervorrufen könnte oder müßte. Der Leser hat Caesar während des Berichtes der Sabinus-Niederlage ganz aus dem Auge verloren, er muß, das heißt aber: er soll glauben, Caesar sei währenddessen Gott weiß wie weit entfernt und ohne die Möglichkeit der Hilfeleistung gewesen. Nachträglich freilich erfährt er durchaus, wie es ,eigentlich gewesen', aber bis dahin ist das Bild der Vorgänge einerseits schon fest geprägt, andererseits der Schock bereits überwunden, steht fest, daß Caesar selbst den Fehler und Schaden seiner Untergebenen auffängt: das Wissen um die Nähe Caesars und das ungute Empfinden, daß eben diese Nähe nichts habe verhindern können, wird nicht mehr aktiv, kommt sozusagen zu spät, als daß es noch wirksam werden konnte. Wenn man sich der Suggestion entzieht, wird man um die nachträgliche Erkenntnis kaum herumkommen, daß hier auf seiten Caesars selbst irgendetwas nicht richtig geklappt hat, mindestens in der Organisation das Nachrichtenwesens, so daß weder die vorgeschobenen Legaten untereinander und jeweils zu Caesar, noch Caesar zu den Legaten diejenige Verbindung hatten, die notwendig gewesen wäre, um wechselseitig rechtzeitig zu erfahren, was zu wissen notwendig gewesen wäre. Aber zu einer Kritik an Caesar kommt es beim Leser gar nicht, jedenfalls kommt sie für den Erlebniseindruck nicht zum Tragen, das Urteil ist präjudiziert, die erste Beleuchtung bleibt gültig, wobei alle Schuld auf Sabinus gehäuft wird so sehr, daß, wer nicht hinterdrein anfängt nachzurechnen und willentliche Skepsis ins Spiel bringt, gar nicht mehr auf den Gedanken kommt, eine etwaige Mitschuld anderer oder gar Caesars selbst nachträglich einzubauen. Die alleinige Verantwortung des Sabinus wird abschließend noch einmal mit aller Schärfe festgenagelt bei Caesars Bericht und Rechenschaftsablage vor der Truppe (52, 6): quod detrimentum culpa et temeritate legati sit acceptum.
So ist es auch zu verstehen, wenn Caesar die anderen Beteiligten so sorgfältig entlastet, wenn er einzelne Bravourstücke, auch subalterner Ränge oder einfacher Soldaten, verhältnismäßig ausführlich herausstellt und die Maßnahmen der anderen Unterfeldherren möglichst billigt oder doch zu rechtfertigen sucht: Der Schaden soll lokalisiert und aufs engste eingegrenzt werden. Das ist nicht etwa nur gesellschaftlich bedingte Schonung dieses oder jenes stadtbekannten Römers wie etwa des Q. Cicero , es ist auch nicht nur (obgleich dieses auch) die Solidarität des Feldherrn mit Untergebenen und Truppe, sondern eben die besondere Optik, deren der Heerführer und der Schriftsteller Caesar bedurfte, um den Schaden zu verkapseln, der moralischen Folgen Herr zu werden und so die Schlappe nicht nur taktisch, sondern auch psychisch zu verwinden und zugleich der Mit- und Nachwelt dieses Bild einer im wesentlichen intakten und gerade erst recht als unerschütterlich sich bewährenden Ordnung zu suggerieren.
Erst von daher gewinnt auch die bekannte, im offiziellen Bericht recht glimpfIiche, in privater Äußerung dagegen reichlich unwirsche Beurteilung des Q. Cicero erst ihre tiefere Deutung: im offiziellen Bericht (b. G. 5, 39,1 2) wird gesagt, die Gallier seien nach Tötung des Sabinus sofort zu Ciceros Lager geeilt, noch ehe dieser etwas erfahren konnte, und dabei und nun wörtlich: hic quoque accidit quod f uit necesse ut nonnulli milites... interciperentur: der Wille zur Entlastung ist unverkennbar, und selbst bei dem neuerlichen Versagen Ciceros im folgenden Jahre (6, 42,1), wo wirklich ein grober und zugleich disziplinwidriger Fehler Ciceros unterlaufen war, entschuldigt Caesar ihn noch, so gut es geht (... ille eventus belli non ignorans unum... questus . . .: das ganze Kapitel ist eigentümlich gewunden und gebrochen; aber das mag hier auf sich beruhen); in einem Privatbrief dagegen sagt Caesar unumwunden, neque pro cauto ac diligente se castris continuit, zu deutsch: daß Quintus das Lager verlassen habe, sei eine unverantwortbare Dreistigkeit gewesen.
Offensichtlich liegt die Entlastung an der erstzitierten Stelle (5, 39, 2, siehe oben) in dem parenthetisch hinzugefügten quod fuit necesse. Ausgerechnet dieser Einschob wird wiederum von Fuchs athetiert. Natürlich läßt sich sagen, daß er etwas robust eingesprengt ist: dies etwa war oben mit dem Begriff der ,Selbstinterpolation' gemeint. Aber gerade daran läßt sich die Arbeitsweise Caesars beobachten: Die apologetische ,Tendenz', das Anliegen der Zurückweisung unberechtigter und gewiß nicht selten auch berechtigter - Vorwürfe ist ,aufgesetzt', eingeschoben, sekundär, oft kaum verfugt. Primär bei Caesars Darstellung sind Blick und Bindung an die Sache; zugleich, aber eben sekundär, als ein ,akzessorisches', aber darum keineswegs unwichtiges Anliegen, will er auf Mit- und Nachwelt wirken, will die 'Optik' schaffen, unter der das Geschehene in gestalthafter Geschlossenheit gesehen werden soll. Daraus erklären sich jene zwiefachen Schichten der Konzeption, die sich in solchen Parenthesen, Selbstinterpolationen und Exkursen analytisch auseinandernehmen lassen und die dann dazu verleiten, spätere Zutaten zu vermuten und diese zu eliminieren. Davon ist bereits oben (S. 52) gesprochen.
Nun noch einmal zum vorliegenden Fall: Caesar hat sich also selbst mit außerordentlichem Geschick und, wie ich denke, mit bewußter Regie aus dem Blickfeld des unguten Geschehens eliminiert, weit über seine tatsachliche räumliche Distanz, die ja nur ganz gering war, hinaus. Und so fällt auf ihn keinerlei Schatten, jedenfalls so lange man nicht nachrechnet; im Gegenteil ist er derjenige, der nur 'wegzugehen' braucht (obwohl er gar nicht wegging! und alles geht schief, und der nur ,wiederzukommen' (obgleich er gar nicht wirklich fortgewesen war I) und mit der herrischen und zielsicheren Souveränität des Oberbefehlshabers einzugreifen braucht, damit das Blatt sich wende und die Scharte ausgewetzt werde.
Freilich und auch dies trennt Caesar von einem eilfertigen Propagandisten seiner eigenen Meriten!: er ist nicht, weder hier noch sonst, der Zauberkünstler und Tausendsassa, für den es Schwierigkeiten gar nicht gäbe. Es ist gänzlich falsch, nur cant und Heuchelei herauszuhören, wenn er in jener Bilanz (5, 52, 6) sagt, auf das Unheil könne nun mit Gleichmut zurückgeblickt werden, quod beneficio deorum immortalium et virtute eorum expiato incommodo neque hostibus diutius laetitia neque ipsis longior dolor relinquatur: dahinter steckt ein aufrichtiger Überzeugungskern, das immer wache Bewußtsein von Führung und Geleit, Berufenheit und Abhängigkeit: Das horazische dis te minorem quod geris, imperas (carm.3,6, 5) entspricht einem ganz echten Daseinsgefühl Caesars. Aber umso mehr gilt, daß das beneficium deorum ganz ebenso wie, auf andere Weise, auch die virtus legionum! - mit seiner eigenen Person verkoppelt, daß eines immer nur Spiegelung und Revers des anderen ist; dies ist der eigentliche, innere Effekt dieser Darstellung, und er ist so sublim und so in der Wolle gefärbt echt, so physiognomisch genau, daß hier die Grenze zwischen berechnetem Schwindel und hoher, repräsentativer Selbstgestaltung auch dem stumpfen Blick erkennbar werden müßte. Caesar weiß sich als Vollstrecker eines Auftrages, der zwar in ihm, und in seinem eigenen freien Entschluß, beruht, zugleich aber über ihn als Individuum hinausgreift; die Prätention seiner Deszendenz von Venus und Aeneas, sein Bezug zum Sidus lulium: dergleichen reicht als Selbstinterpretation viel tiefer, als daß es als bloße dekorative Fassade und ingeniöser Trick der Propaganda sich abtun ließe:
So ist Caesar auch hier nicht sieghafter Heros, sondern derjenige, der mit Sorge und äußerster Anstrengung, oft gefährdet oder sich selbst gefährdend, ein Werk zu leisten hat, das ihm kein Mensch aufgetragen hat und das ihm auch kein Mensch abnehmen kann. Wie viel liegt in den paar Worten 5, 53, 5: . . . neque ullum fere totius hiemis tempus sine sollicitudine Caesaris intercessit! So bleibt er menschlich - gewiß nicht im Sinne irgendwelcher humanitas; aber dies ist ja nicht der einzig mögliche Sinn von Menschlichkeit I , so auch bleibt er römisch: der Mann des labor, der pietas und der disciplina, nobel und einsam, als echter Nachfahr des Aeneas, diskret und von bedeutendem, klarem Kontur.
5.
Auf die zuletzt besprochene Stelle (o. Nr.3: . . . quare nec sine pericalo maneatur et languore militum et vigiliis periculum augeatur) folgt unmittelbar folgender Satz (5, 31, 6): prima luce sic ex castris proficiscuntur at quibus esset persuasum non ab hoste sed ab homine amicissimo Ambiorige consilium datum, longissimo agmine maximisque impedimentis. Das Ambiorige wird nur von Constans im Text geboten; Tittler hat es als erster getilgt, und ihm haben sich fast alle Herausgeber so etwa Meusel, Klotz und Fuchs angeschlossen. Man wird sich dabei nicht groß aufhalten wollen; auf den sachlichen Inhalt ist es ganz ohne Einfluß, ob man den Namen hier läßt oder nicht; und zweifellos gibt es Fälle, in denen irgendwelche Namensmarginalien offensichtlich in den Text hineingeraten sind- etwa das ganz sinnlose Haedui 1,11, 4 , daß die Möglichkeit eines solchen Einschubes nicht erst bewiesen zu werden braucht. Wenn der Name hier unnötig ist, oder gar, wenn er stört - und eben dies scheint die Meinung der Herausgeber zu sein: daß nämlich die knappe und klare Antithese ab hoste ... ab homine amicissimo durch die Beifügung des Namens verdorben werde , braucht man keine allzugroßen Skrupel zu haben, ihn zu tilgen. Gewiß ist die Nennung des Ambiorix an dieser Stelle leicht zu entbehren: bisher war er fünfmal genannt (24,4. 26,1. 27,1.11. 29,5), er ist zudem durch Wort und Tat, durch perfidia und schlaue Hinterhältigkeit so profiliert, daß keinerlei Gefahr besteht, der Leser könne vergessen haben, wer dieser hostis und vorgebliche homo amicissimus war, dessen Rat zu befolgen Sabinus verblendet genug war; dies umso weniger, als die letztvorhergegangene Stelle, 29, 5 nur 35 Zeilen zuvor! - auch im Wortlaut 'motivisch' anklingt; denn dort sagt Cotta: ... quis hoc sibi persuaderet sine certa spe Ambiorigem ad eiusmodi consilium descendisse?
Ja sogar die verbleibenden fünf Nennungen schienen noch zu viel: Fuchs zumindest hat auch das am Ende von Kapitel 27 stehende Ambiorix getilgt. Warum? Offenbar aus ähnlichen Gründen; natürlich ist auch hier nicht zu gewärtigen, der Leser könne vergessen haben, wer der Sprecher dieser Trugrede gewesen war, zudem und gerade deshalb! ist die Wortstellung befremdlich: hac oratione habita discedit Ambiorix. Warum nicht Ambiorix discedit? Warum diese betonte, ja emphatische Stellung für ein überflüssiges Wort?
Aber was sachlich überflüssig ist, kann emotional, als Oberton und Stimmungsvalenz, von erheblicher Bedeutung sein. hac oratione habita discedit Ambiorix. Punkt ... Es ist, als wenn ein Vorhang fiele, eine Tür zuschlüge. Ambiorix hat das Stelleisen seiner Ränke ausgelegt jetzt verschwindet er, wird unsichtbar, undurchsichtig, die Szene wechselt; asyndetisch, ohne Übergang folgen die Namen der zwei kleinen römischen Funktionäre, Arpinius und Iunius, ex Hispania quidam (27,1), ein sonst namenloser Verbindungsmann . . .: Man erlebt jetzt die törichten Debatten der Römer, aber man ahnt dabei ständig, daß sich draußen etwas Unheimliches und Schreckliches zusammenbraut. Was, das erfährt man erst am Anfange des Kapitels 32, das mit dem scharfen At hostes... beginnt. Die Römer sind zunächst nur Opfer, erst mit Kapitel 33 tritt Titurius in 'Aktion': tum demum Titurius . . .; um was zu tun? Es folgen die 'historischen' Infinitive auch sie stimmungsbedingt trepi er wirklich tut, selbst dies, haec tamen ipsa timide.
Dabei haben wir den zwischen Titurius und trepidare eingeschobenen Relativsatz übersprungen (5, 33, 1): Tum demum Titurius ut qui nihil ante providisset, trepidare...; dazu in Gegensatz steht der Anfang von § 2: at Cotta qui cogitasset haec posse in itinere accidere atque ob eam causam profectionis auctor non fuisset ... Die Überlieferung ist einwandfrei, nur fehlt das von der Klasse ß gebotene ut vor qui in der Klasse a. Meusel folgt in diesem Punkte a,, stellt aber richtig ein korrelatives Verhältnis des providisset zum folgenden, von Cotta gesagten cogitasset (und fuisset) fest und läßt die Wahl zwischen einem kausalen oder adversativen Verständnis des qui nihil providisset, um sich selbst schließlich für das kausale zu entscheiden; übrigens erscheint mir dies einer der Fälle, wo eine zurhandene grammatikalische Terminologie durch ihre ausschließenden Alternativen den Interpreten des geschmeidigen und elastischen Verständnisses zu entheben scheint: Wenn das Ding erst seinen Namen hat, dann ist alles getan . . .
In Wahrheit ist nämlich der Satz weder kausal noch adversativ, sondern ganz anders zu verstehen, nämlich so, wie ihn jeder, der nur halbwegs Latein kann, auf Anhieb ganz naiv verstehen wird; nur darf man sich dabei nicht kopfscheu machen lassen dadurch, daß dabei ein handfester Widersinn herauskommt; es ist nämlich ein höchst sinnvoller Widersinn. Der Satz heißt doch natürlich: m i t dem ut vor qui zu lesen! : ,Titurius, so als ob er bisher ganz und gar nichts vorausgesehen hätte...', oder anders: ,er stellte sich an wie einer, der rein gar nichts geahnt hätte'. Aber, und das ist das Widersinnige: Titurius hat ja doch wirklich nichts geahnt. Jedoch: der Leser hat 'geahnt'! Es ist ja, so empfindet er, gar nicht ernstlich ausdenkbar, daß ein Mensch so borniert sein kann, hier nichts geahnt zu haben, das gibt es doch gar nicht, daß nicht auch Titurius etwas hat ahnen müssen I Der Himmel mag wissen, aus welcherlei Narretei er tat, was er tat, wirkliche Ahnungslosigkeit konnte es doch nicht sein, denn daß, nach allem, Hinterhalt und Überfall nicht ausbleiben konnten, das mußte doch auch Titurius wissen. Wobei übrigens zu beachten ist, daß ohnehin das notwendigerweise zu Könnende und zu Müssende, auch wo es uns als Irrealis der Vergangenheit erscheint, dem Römer regulär als Realis begegnet: potuit, debuit ,er hätte können, hätte müssen': dieses Verhältnis schlägt hier reziprok um: 'wahrhaftig' er gebärdete sich wie einer, der tatsächlich nichts gewußt hätte'!
Mit anderen Worten: Was hier vorliegt, ist die direkte und genaue Fortsetzung des omnia excogitantur von 31, 5; es ist die verkehrte Welt schlechthin, man ist genial im Ersinnen des eigenen Verderbens, man handelt, als wüßte man nicht, was zu wissen doch keiner, er sei denn em vollendeter Narr, umhin konnte, und so rennt man sehenden Auges in den Abgrund! Aber: Daß der Leser selber weiß, und zwar aufs Genaueste weiß, das wird bewirkt nicht etwa durch ein direktes Beiseitesprechen des Autors, nicht durch ausdrückliches Aussagen, Aufklären und Bewerten, sondern mit der Technik der von Georg Misch so genannten ,indirekten Darstellung', nämlich durch ein Minimum an psychagogisch-emotionalen - Mitteln. Eines, nur eines, aber kein unwichtiges solches Mittel ist das betont gestellte: discedit Ambiorix.
Genau dasselbe aber gilt von dem zweiten verdächtigen Ambiorige, 31,6, von dem wir ausgegangen sind. Und wieder haben wir dabei die soeben geklärte Irrealisierung einer Realität: ... proficiscuntur ut quibus esset persuasum non ab hoste... consilium datum. Also wiederum genau das gleiche ut vor Relativum: ,so als ob', die notwendige Relation geht natürlich völlig verloren, wenn man, wie Meusel, an der ersten Stelle das ut wegläßt. Wenn nun aber Meusel paraphrasiert: »in der Weise, wie es natürlich war be&Mac245; Leuten, die die Überzeugung hatten", so ist wiederum durch quasi-grammatikalische Redensartlichkeit Sinn und Nüance vernebelt. Vielmehr handelt es sich, zum dritten Male, um den gleichen sinnvoll-unsinnigen Sarkasmus: Sie benahmen sich wahrhaftig so, als wären sie überzeugt, nicht von einem Feind. sondern vom besten Freund beraten worden zu sein: in einer unsinnig in die Lange gezogenen Kolonne - statt im kompakten, schlagfertigen Karree und mit einem extrem schwerfälligen Troß, man beachte die affektiven Superlative! : Das ganze so absurd, daß es zum Lachen wäre, wenn nicht die Folgen so fürchterlich sein müßten!
Und nun also das Ambiorige. Freilich wird, wenn es wegbleibt, die Antithese non ab hoste, sed ab homine amicissimo . . . formal glätter; aber gerade deshalb wird sie zugleich allzu glatt, gedanklich, spielerisch: das Ambiorige bildet erst, und zwar gerade durch die Störung der antithetischen Balance, den Gipfel; vor allem aber: die einträchtige Kopulierung von Ambiorix und amicissimus will als schneidendes Oxymoron begriffen sein: ,Nur zu, wir brauchen ja keine Sorge zu haben, wir sind ja beraten von unserem lieben guten Ambiorix. . .'.
Es gibt, bei solchen Gefühlsobertönen, oft mehrere Möglichkeiten, den Effekt zu paraphrasieren; so kann man hier auch etwa so umschreiben: ,... als wären sie überzeugt, nicht von dem notorischen und bekannten Feind, Ambiorix, beraten zu sein, sondern von einem guten Freund, der nun zufällig ebenfalls Ambiorix hieße': so also, als wäre der Feind, den sie kannten, und der Ratgeber, dem sie trauten, gar nicht ein und dieselbe Person, trotz desselben Namens: Ambiorix; zu entscheiden braucht man hier nichts, denn so oder so kommt - der hirnverbrannte Widersinn dieses Zutrauens zum Klingen. Aber eben nur dann, wenn die Antithese in dem verhaßten Namen kulminiert.
Und dann zerreißt also der Vorhang: At hostes . . .: auch dies gewinnt seine schneidende Schärfe erst, wenn das homine amicissimo Ambiorige vorausgeht: da steht nun nicht mehr der bieder-zutunliche Freund vor der Tür, sondern: Hostes.
6.
Aus 33,2 bleiben noch zu erklären die auf Cotta bezogenen; Konjunktive cogitasset und fuisset. Zwar hat sich ergeben, daß das Titurius ut qui nihil ante providisset (33,1) an das vorausgegangene (31,5) ut quibus esset persuasum gebunden ist. Aber das schließt nicht aus, daß auch die folgenden Konjunktive damit in irgend einer korrelativen Verbindung stehen: Titurius . . . - providisset . . .: Cotta . . . cogitasset; freilich darf nach einer präzisen gedanklichen Beziehung nicht gesucht werden: daß im Cotta-Zusammenhang kein ut (vor dem Relativum) steht, hebt das zweite Glied sachlich deutlich ab. Aber gleichviel: Was besagen und bedeuten diese Konjunktive cogitasset und fuisset überhaupt? Meusel, bemüht um eine gemeinsame Erklärung des providisset und cogitasset, faßt beide ,kausal'; aber das führt weder im einen noch im anderen Falle zum Ziel, weder grammatisch noch sachlich; vor dem mit cogitasset doch völlig gleichlaufenden fuisset kapituliert Meusel völlig: ,den Abzug nicht hatte genehmigen wollen, gegen den Abzug gewesen war', wie 3,17, 3 quod auctores belli esse nolebant": Aber da steht eben der Indikativ I ;
Es hilft nichts: Auch hier haben wir zwei echte Irreale der Vergangenheit am Text selbst rüttelt hier ja niemand, es fragt sich nur, wie sie formal und nach ihrer Aussagewirkung zu verstehen sind. Zunächst: In scharfem Gegensatz zu Sabinus wird Cotta mit at eingeführt. Jetzt ist er wieder auf dem Plan, läßt es an nichts fehlen, ist Feldherr und Soldat zugleich: so steht es da! Und an dieser Stelle also ist vorweg eingeschoben: qui cogitasset haec posse... accidere atque... profectionis auctor non fuisset. Aber hat er denn das nicht wirklich gedacht; und ist er denn wirklich der auctor profectionis gewesen, so daß die Aussage, dies nicht gewesen zu sein, sinnvoll im Irrealis stehen kann ? Man sieht, es ist immer wieder die gleiche Aporie, in die der Modusgebrauch Caesars den Interpreten versetzt.
Tatsächlich ergibt sich die Erklärung auch hier so zwingend wie zwanglos, und zwar aus unserer Interpretation der Worte 31, 3 tandem dat Cotta permotus manus, superat sententia Sabini: Cotta resigniert, er überläßt dem anderen das Feld - dat manus! , und von nun an ist er nur noch Objekt fremden Handelns und so gut wie: überhaupt nicht mehr vorhanden. Wäre er noch vorhanden, nämlich im Kommando gewesen: ihm wäre das alles nicht passiert, er hätte an die Möglichkeit des Hinterhaltes gedacht, er hätte den Abmarsch überhaupt nicht, und schon gar nicht in dieser gefährlichen Marschordnung zugelassen. Er hätte nicht aber er hatte mit dem Akt des manus dare sich selbst eliminiert: Was er als der miles gregarius, der er jetzt nur noch war, wirklich gedacht hat, ist SQ gleichgültig wie was die anderen primi ordines dachten, denn es wirkt sich nicht aus. Also bedeutet das ,er wäre nicht Urheber gewesen' natürlich nicht: ,so aber war er es doch' sondern nur: ,so aber war er Urheber von gar nichts'.
Jetzt dagegen ist er auf einmal wieder da. Aber zu spät, und sein Wirken, richtig an sich denn offenbar war es sein consilium, daß die Römer sich nun einigelten, wovon Caesar sagt, daß es in eiusmodi casu reprehendendum non est, kann die gemachten Fehler nicht ungeschehen machen, zumal er die Truppe nicht sofort-und schlagartig von ihrem languor abzubringen vermag; es fand sich doch eine ganze Anzahl, die nun nach ihrem Gepäck rannten; das steht in dem Satz 33,6, den Fuchs auch wieder getilgt hat, auch ihn gewiß zu Unrecht. Allmählich freilich finden die Soldaten zu sich selber zurück; Caesar gibt sich Mühe, dem nicht mehr aufzuhaltenden Schaden wenigstens nicht noch die Schande hinzuzufügen und die Truppe, wenn schon untergehen, so doch mit der Ehre des braven Soldaten zugrundegehen zu lassen (34, 2): nostri tametsi ab duce et a fortuna deserebantur, tamen omnes spem salutis in virtute ponebant, bis hin zu der Aristie des aquilifer L. Petrosidius, der das Feldzeichen rettet und selber fällt, und bis zu dem großgesinnten Selbstmord der wenigen, die ins Lager zurückgelangt waren, aber nicht mehr hoffen durften, es halten zu können.
Eine letzte Bestätigung dieser Auslegung darf in dem tametsi ab duce . . . descrebantur gesehen werden. Dieser dux ist selbstverständlich Sabinus; wenn er nicht mit Namen genannt wird, so deshalb, weil es in diesem Augenblick keinen anderen dux gab. Wenn Cotta nun wieder die imperatoris officia praestabat, so wurde er damit nicht wieder zum für das Ganze mitverantwortlichen, gleichgeordneten dux. Erst im Augenblick seiner Verwundung wird auch er wieder mit seinem militärischen Rang bezeichnet gerade dies ist ein Zeichen für den hohen Grad von Bewußtheit und Selbstkontrolle des Autors! (35, 8): L. Cotta legatus omnes cohortes ordinesque adhortatus adversum o, funda vulneratur. Jetzt, aber erst jetzt, erkennt auch Sabinus wieder die Kollegialität an und sucht den Cotta an der Verantwortung zu beteiligen (36, 2) cum saucio Cotta communicat... ut... cum Ambiorige una conloquantur . . .; Cotta se ad armatum hostem iturum negat . . . So bleibt Sabinus der dux geht zu Ambiorix und wird niedergehauen, Cotta dagegen pugnans interficitur; das Schlußbild ist grausig, aber nicht unrühmlich.
Wie man sieht, hängt das tiefere Verständnis dieses ganzen erregten Dramas weithin von Stellen ab, welche von einer rationalistischen und formalistischen Kritik als korrupt betrachtet und deshalb entstellt wurden.
Freilich, unsere Rechnung würde eher unglaubwürdig, wenn alles gar zu glatt aufginge. So gestehe ich? daß ich den 34, 2 überlieferten Satz erant et virtute et numero pugnandi pares weder zu verteidigen noch durch Konjektur deren es eine Menge gibt - zu verbessern wage, weshalb ich ihn zwischen cruces setze: ob Caesar selbst hier mit einer improvisierten Formulierung nicht zu Ende kam, ob ein Überlieferungsschaden vorliegt und, wenn dies, welcher, ist m. E. nicht auszumachen.
7.
Dagegen ist der nicht minder vielgequälte Satz 34,3 m.E. richtig überliefert: Ambiorix ... iubet ut procul tela coniciant neu propius accedant, et quam in partem Roman, impetum fecerint cedant: levitate armorum et cotidiana exercitione nihil his noceri posse; rursus se ad signa recipientes insequantur; es handelt sich um die Worte levitate... posse: - man hat sie durch Annahme einer Lücke vor nihil, welche man mit <confidant> oder mit <non> oder anderem zu füllen suchte oder für unüberbrückbar groß erklärte, in Ordnung zu bringen versucht oder sie einfach wieder getilgt... Verständlich werden sie aber, wenn man nur einmal begriffen hat, was Caesar auch sonst seinen Lesern hinsichtlich der richtigen gedanklichen Zuordnung formal gleichartiger Glieder zuzumuten wagt; das gilt vor allem für die oft bis zur DunkeIheit waghalsigen Reihungen ungleichartiger Ablative, wobei es der Intelligenz des Lesers überlassen bleibt, die jeweils richtige und gemeinte Beziehung zu finden. Genau darum handelt es sich nun auch hier. 'Übersetzbar' sind die fraglichen Wörter ja ohne weiteres: ,Infolge der Leichtigkeit der Waffen und infolge der täglichen Übung könne jenen kein Schaden zugefügt werden'. Ist hier die sinnvolle Zuordnung und gedankliche Determination leistbar, d.h.: ist sie für den antiken Leser zumutbar?
Dabei ist zuerst einmal festzuhalten, daß keineswegs gefordert werden darf, daß, was für das eine Glied gilt, auch für das andere gelten müsse. Ebendies zeigen die erwähnten Ablativreihungen. Es ist also keineswegs so, daß damit, daß die Beziehung des einen Teiles der Aussage feststeht, auch der andere Teil festgelegt wäre. Genau dieser Fehler ist aber immer wieder gemacht worden; so sagt etwa Klotz a.O. (praef.S.XXXIX): nam verba levitate... exercitatione ad Eburones pertinent"; für die Worte levitate armorum gilt das ganz unzweifelhaft; aber gilt es darum auch schon für das cotidiana exercitatione? Sehen wir näher zu:
Daß levitate armorum keinesfalls auf die Römer weisen kann, ist offenbar: In einem Heer, in dem levis armatura geradezu terminus technicus ist für die extra ordinem stehenden Hilfstruppen, kann levitas armoranz nicht für die Kerntruppe kennzeichnend sein, und man braucht kaum noch auf 4,24,2 zu verweisen, wo es heißt militibus... megno et gravi onere armorum pressis. Umso gewisser gilt es für die Gallier und hier für die Eburonen. Im Zusammenhang ist ohnehin jeder Zweifel ausgeschlossen: Ambiorix weist die Seinen an, den Nahkampf weder von sich aus zu suchen (neu propius accedant) noch sich im Falle eines gegnerischen Vorstoßes zu stellen (. . . cedant); ,denn' das Folgende gibt die Begründung dieser Anweisung! ,infolge der' d.h.: ihrer eigenen -, leichten Bewaffnung könne diesen ja doch kein Schaden getan werden', womit sich die Beziehung des his auf die Römer zwangsläufig ergibt. Soweit ist alles klar.
Nun tritt aber das cotidiana exercitatione hinzu. Ist auch dessen Beziehung entweder ohne weiteres klar oder doch durch Überlegung zu klären, also zumutbar? Es ist schwer, etwas Erstaunlicheres sich auszudenken! als Meusels Bemerkungen zu der Stelle, deren schon von Lipsius und Paul vertretene Unechtheit er dadurch zu erweisen sucht, daß er, statt nach ihrem möglichen vernünftigen Sinn zu suchen, ihr den horrendesten Unsinn unterstellt: ... ist cot. ex. unklar worin hatten denn die Eburonen täglich Übung, im Zurückweichen? im Fliehen also? . . . sie hatten ja doch, solange Caesar in Gallien war, jedenfalls überhaupt nicht, geschweige denn täglich gekämpft"! Hier wird ein wichtiger Unterschied in der Sehweise des zeitgenössischen Lesers und des modernen Kritikers deutlich: für jenen hat der Text als etwas Endgültiges, hinsichtlich der Authentizität nicht in Frage Gestelltes zu gelten; so wird er sich mit grundsätzlicher Verstehenswilligkeit bemühen, den vorgefundenen Worten einen vernünftigen Sinn abzugewinnen, und, sofern sich beim ersten Formalverständnis etwas Sinnwidriges ergibt nach einem möglichen besseren Sinne zu suchen; und gerade der Römer war auf diese Anforderung seiner eigenen Aktivität zu sinngerechtem Verständnis in viel höherem Grade eingeübt und vorbereitet, als es eine landläufige. Überzeugtheit von der starren, definitorischen und kasuistischen Exaktheit der lateinischen Sprache wahrhaben möchte; gewiß ist das Lateinische die präzise Sprache des Rechtes, des Staats- und Heerwesens, der rituellen Formeln; aber sie ist nicht nur dies; sondern umgekehrt hat die Struktur des Lateinischen überraschend viele Fälle von Unterdeterminiertheit, wobei es also weithin in die Beliebigkeit und Klugheit des Lesers gelegt ist, ob er etwas Sinnvolles oder etwas Sinnloses heraushören mag. Das gilt für die zahllosen - das logische Verhältnis offenlassenden Partizipialkonstruktionen, das gilt für den absoluten Ablativ, zumal dann, wenn er sich mit anderen Ablativen vergesellschaftet, es gilt für die oratio obliqua, in der jede Personalbeziehung, sogar fast jedes Subjekts-Objektsverhältnis schwebend bleibt, und gilt besonders für das Reflexivpronomen in jedem subordinierten Satz, und dies sogar in potenzierter Form, wenn es sich um Subordination zweiten Grades handelt; um bei unserem Falle zu bleiben: Wie viel offene, erst vom Leserverständnis zu leistende Beziehung liegt in den letzten Worten unserer strittigen Stelle: rursus se ad signa recipientes insequantur!.
Dagegen ist für den modernen Textkritiker und zumal für die Skeptiker unter diesen! der Text etwas, das hinsichtlich seiner Echtheit erst zu prüfen ist. So wird er, umgekehrt, mit einer Art von prinzipiellem Argwohn, ja manchmal mit einem geflissentlichen Willen zum Mißverstehen, ständig fragen, ob das Vorgefundene den schärfsten analytischen Säuren rationalistischer Form- und Sachkritik standhält, und wo immer sich eine Ritze zeigt, in der die Verdächtigung einsetzen kann, wird er mit allem Eifer statt des Sinnes den Unsinn suchen und mit arglos-bösem Willen oft auch finden. In Wirklichkeit ist, zumindest in unserem Falle, genau umgekehrt zu argumentieren: Gerade weil die Beziehung des cotidiana exercitatione auf die Eburonen in baren Widersinn führt, braucht mit ihr erst gar nicht gerechnet zu werden, brauchte Caesar sie auch nicht durch eine zusätzliche Bestimmung erst auszuschließen und die selbstverständliche, einzig mögliche Beziehung auf die Römer ausdrücklich festzulegen. Tägliche Übung in dem von Ambiorix den Seinen widerratenen - Nahkampf hatten eben nun einmal die Römer und niemand so sehr wie sie: das lag so auf der Hand, daß es keiner näheren Bestimmung bedürftig war.'.
Aber selbst wenn man die Aussage sehr gegen Caesars Willen und Stil ganz aus der konkreten Situation und aus ihrer lebendig bezogenen Funktionalität herausnähme und sozusagen in den luftleeren Raum bloßer Form versetzte, ließe sich schon von daher ein notwendiger Wechsel der Bezogenheit feststellen; denn gesagt ist in jedem Falle nihil his noceri posse; also ihnen gleichviel wem könne kein Schaden zugefügt werden" ; die vorausgegangenen Ablative müssen diese Unmöglichkeit der Schadenszufügung begründen; also: 1. levitate armorum; unterscheiden wir ganz indifferent einen, der Schaden antun will und einen, dem Schaden angetan werden soll; ,leichte Bewaffnung' kann nie die Ursache sein, weshalb einem kein Schaden geschehen, sondern nur, weshalb einer keinen Schaden tun kann. Mit cotidiana exercitatio steht es aber offensichtlich genau umgekehrt: ,tägliche Übung', welcher Art auch immer, kann in keinem Falle die Ursache sein, daß jemand einem anderen einen Schaden, den er ihm ohne diese Übung zufügen könnte, nicht zufügen kann: das wäre reiner Unsinn; wohl aber kann tägliche Übung bewirken, daß jemand einen ihm zugedachten Schaden nicht zu erleiden braucht. Das ist so simpel, daß man's auszusprechen sich scheut; aber es lohnt auszusprechen, daß sich das ohne jede Rücksicht auf die tatsächliche Situation sagen läßt. Um wieviel mehr, wenn man es nun in die gegebene, und deutlich genug vorbereitete, Gegebenheit einordnet! Es geht doch darum, daß den schon siegesgewissen und beutelüsternen Germanen von ihrem Anführer klargemacht wird, daß und warum sie den sicheren Sieg langsam reifen und nicht durch fruchtlose; aber für sie riskante Nahkampfunternehmungen forcieren sollten. Daß das nihil his noceri posse nur cum grano salis im Hinblick auf den zu vermeidenden Nahkampf gesagt ist, also die geringe, aber doch zermürbende Schädigung der Römer durch den Distanzkampf ut procul tela coniciant, was natürlich auch auf das rursus se ad signa recipientes insequantur weiterwirkt nicht ausschließt, würde nicht gesagt zu werden brauchen, wenn nicht tüftelnde Kritik sogar daran Anstoß genommen hatte.
Die inkonzinne Fügung hat aber noch eine besondere Prägnanz dadurch, daß jedes der beiden Glieder seine eigene, wenngleich unausgesprochene Antithese enthält, das heißt, daß, indem die formale Korrelation vom Inhalt her nicht gedeckt wird, eigentlich in zwei Gliedern vier Aussagen eingefangen werden: das levitas armorum der Gallier weist gleichzeitig auf die schwere Bewaffnung der Römer hin. Die cotidiana exercitatio der Römer deutet, taktvoll und schonsam, auf die mangelnde Übung der Gallier im Nahkampf hin; all dies ist, wenn nicht ausgesprochen, so doch dem Leser durch die zwei simplen Ablative vergegenwärtigt. Wenn dasselbe so hätte ausgedrückt werden sollen, daß die moderne Kritik damit zufriedengestellt worden wäre, dann wäre tatsächlich etwas herausgekommen, wogegen Meusel mit Recht so wie jetzt mit Unrechtden Einwand hätte erheben können, daß eine so wortreiche Begründung im harten Kampf unmilitärisch, auch kaum möglich" gewesen wäre. Dann gingen unvermeidlich Stil, Duktus und Ponderation des Kapitels verloren. Zu verzichten ist jedoch auf diese Begründung durchaus nicht, weil ohne sie das ... cedant in der gegebenen Kampfsituation widersinnig hätte erscheinen müssen und, bei dem ungestümen Siegeswillen der Germanen, auch kaum befolgt worden wäre. Das alles wird einwandfrei durch die angefochtenen Worte, die überdies eine sublime Rühmung römischer Legionstaktik einschließen, nur umso wirksamer, weil sie aus Feindesmund kommt und aus überlegener Situation gesprochen ist; schließlich liegt gerade in diesen Worten die eigentliche Pointe und Bestätigung dessen, womit das Kapitel beginnt: At barbaris consilium non defuit - für römische Ohren nach der üblichen Barbarentaktik natürlich ein Paradoxon! : ein consilium, das umso eindrucksvoller ist, als es im Kontrast steht gegen die dunkle Folie der Narrheit und Feigheit des römischen dux Sabinus.
Damit dürfte sich auch diese crux editorum erledigt haben: Es hat sich gezeigt, daß die angebliche Sinnlosigkeit und ebenso die scheinbare formale Unkorrektheit der kleinen Perikope allein und höchstensfalls den Verdacht auf eine punktuelle Überlieferungskorruptel, keinesfalls aber die Annahme einer das ganze syntaktische Gefüge umfassenden Interpolation glaubhaft machen könnte. Denn als Ganzes ist der Satz zweifellos nicht nur sinnvoll, sondern notwendig und unentbehrlich. Jedoch gerade auch die, wenngleich etwas robuste, so doch durch zahlreiche ähnliche, nicht weniger unbequeme Fälle aus ,echtem' Caesar zu stützende Fügung, diese energisch-komprimierte, herrisch-prägnante Form ist keinem Interpolator das waren meist sehr brave, korrekte und ängstliche Leute zuzutrauen; so daß der Satz und das ganze Kapitel nach Inhalt und Form die Handschrift und Denkweise Caesars selbst ausweist.
III. Gestalt und Deutung
Caesar gilt als ,leichter' Autor. Der Fernerstehende, der ihn nur gelegentlich als Quelle heranzuziehen hat, wird nicht erwarten, daß dieser Text hinsichtlich der Konstitution der Lesarten oder hinsichtlich der elementaren Interpretation noch besondere Probleme und Attraktionen zu bieten habe, nach einer so langdauernden und minutiösen philologischen Detailarbeit und nach so vielen gelehrten oder Schulausgaben. So mag er sich wundern, wie überraschend vieles noch durchaus kontrovers, und wie fern noch heute eine communis opinio über sehr handfeste Fragen des Textverständnisses ist. Das ist ein Sachverhalt, der, soferne man ihn nicht geradezu als beschämend bewerten will, immerhin zu großer Bescheidenheit mahnt. Aber vielleicht ist die Sache gar nicht so sehr erstaunlich; erstaunlich mag eher dies sein, daß man bislang meist ganz arglos annahm, einem Mann von der geschichtlichen Bedeutung und dem unbestreitbaren Persönlichkeitsformat eines Caesar sei dort, wo er selbst und über sich selbst schreibt, mit einem simplen und simplifizierten Quintanerverständnis wirklich nahezukommen und gerecht zu werden. Wenn der Satz »le style c'est l'homme" gilt und mir scheint, gegenüber Caesar gilt er -, dann muß wieder gelernt und eingesehen werden, daß uns hier in der Tat eine einzigartige 'quelle' in die Hand gegeben ist, deren Bedeutung tiefer reicht als nur dahin, ein amorpher Steinbruch für irgendwelches geschichtliche Rohmaterial zu sein.
Das Bellum Gallicum ist vielmehr die zu geistiger Form und Gestalt erhobene Selbstrepräsentation eines der geprägtesten und prägendsten Römer. Sein Bericht ist gewiß alles andere als eine naive Reportage; sicherlich hat er die erlebte Wirklichkeit auf sich selber und, was ihm das gleiche galt: auf Rom zugeordnet; sein gestaltender Wille verfährt mit dem Geschehenen nicht weniger schöpferisch, eigenwillig und hart als mit dem, was er selbst erst zum Geschehnis gemacht hat. Trotzdem ist es, wie mir scheint, nicht nur unangemessen, sondern geradezu sachlich falsch, von gröblicher Fälschung, tendentiöser Propaganda und barer Lüge zu reden. Nicht aus moralischen Skrupeln wäre dagegen Einspruch zu erheben, noch weniger aus erbaulicher Heldenverehrung: Caesar ist kein ,Held', sondern etwas, das zum Herioischen in einem ausschließenden Gegensatz steht, nämlich: Römer, und Verehrung setzt Vorbildlichkeit und Nachahmbarkeit voraus, und es sei ferne, daß wir Caesar als Vorbild anpriesen: dazu gellt uns der von Cicero beschworene clamor militum auf beiden Seiten, Hunger und Versklavung, Verstümmelung und Schändung, Tränen und Blut auch von Frauen und Kindern hinzu! zu schrill in den Ohren; sondern aus einem Bewußtsein personalen Ranges und gestalterischen Formates. Nicht weil Caesar dazu zu ,edel', zu ,sittlich', zu ,makellos' gewesen wäre, sondern weil damit eine Struktur verzerrt, ein Niveau unterschritten wurde, meinen wir, ein allzu kritischer Skeptizismus und eine allzu selbstvertrauende Respektlosigkeit gegenüber den Wertmarken einer zweitausendjährigen Geschichte gerate hier in die Gefahr, vor lauter Scharfsinn das eigentlich Wesentliche zu verfehlen.
Die außerordentliche Divergenz der Werturteile über Textüberlieferung, Echtheitskritik, Quellenrichtigkeit und Persönlichkeit deutet dabei auf das eigentliche Problem allen Interpretierens: daß nämlich das Ganze immer nur vom Einzelnen her aufgebaut, das Einzelne selbst aber nur von einem Ganzen her richtig zuzuordnen ist. Das sieht fast nach einem circulus vitiosus aus, und so bewegt sich jeder Interpret in seinem eigenen Kreis, und des Aneinander-Vorbeiredens ist kein Ende, hier nicht und anderwärts auch nicht. Und doch gibt es, meine ich, Kriterien, welche Vergleich und Wahl ermöglichen; es wäre ja auch schlimm, wenn es sie nicht gäbe, denn dann wäre alle Arbeit und alles Gespräch um solche Dinge ohne Sinn.
Eines dieser Kriterien, und vielleicht das wichtigste, ist die innere Evidenz des Ganzen und die Stimmigkeit des Details dazu. Im Falle Caesars aber heißt das ,Ganze' nicht nur Iiterarische Form, nicht nur Sachrichtigkeit, Wirkung, Proportion, Noblesse der Commentarien; sondern dazu gehört und dazu muß ,stimmen' das geschichtliche Werk, die Suggestion und Faszination der Person auf Mit- und Nachwelt, wozu denn auch zu rechnen ist der Name und das Charisma, das ihn, den Kaisernamen, fünfzehn Jahrhunderte hindurch umgibt, zu rechnen auch die Romanitas des Abendlandes, die Kontinuität der materiellen und geistigen Kultur, vom Wein- und Hausbau bis zur Rechtssprache und Hymnendichtung...: All dies gehört dazu, und daran darf denn auch die ,Stimmigkeit' der Textinterpretation gemessen und geprüft zu werden fordern.
Mit Bedacht wurde dieser Aspekt bis zum Schluß aufgespart: die vorausgegangene Auslegung sollte nicht dadurch präjudiziert werden. Im Tieferen ist sie es natürlich doch. Aber vielleicht kann jetzt ohne Mißverständlichkeit gesagt werden: sie darf es sein; sie muß es sein.
Was hier, an einem willkürlichkeit, freilich aus gegebenem Anlaß nicht unbedacht, gewählten Beispiel gezeigt werden wollte, war dies: Daß ein Autor nehmen wir ihn noch einmal bloß als Autor! -, der den Dingen mit solcher Souveränität die Beleuchtung zu geben vermochte, die seinen Intentionen entgegenkam, des kleinen Schwindels und subalternen, krummen Betruges gar nicht erst bedurfte. Seine psychagogische Kunst bringt den Leser ohnedies dahin, wohin er ihn haben will. Selbst seine Kritiker, ja sogar die nörglerischsten Mäkler stehen unbewußt noch tief in seinem Bann und können zumeist nichts anderes tun, als ihrem Widerspruch von seinem Spruch die Richtung angeben und oktroyieren zu lassen.
Das Gespräch mit diesem so nüchtern-vordergründigen und doch zugleich so vibrierend-hintersinnigen Text könnte, wie man sieht, ein unendliches sein. Wir haben aus einem nur wenige Druckseiten umfassenden Zusammenhang nur diejenigen Stellen ausgelöst, an denen die Textrezension bis heute strittig geblieben ist, und selbst diese keineswegs alle; davon, was zwischendurch an textlich unproblematischen Stellen noch alles zu interpretieren wäre, wurde nicht einmal geredet. Dennoch steht zu hoffen, daß, wer am einzelnen einmal Struktur und Duktus dieser Darstellung vernommen hat, davon auch einen Gewinn für das nichtberedete Einzelne, und für das Ganze haben könne.
Ob dem Germanisten, dem diese Betrachtung zugeeignet ist, damit etwas gedient ist, wage ich kaum zu fragen. Möge es ihm nicht als vertane. Zeit gelten zu lesen, wie etwa Caesar zu lesen sei, damit man Caesar lese und nicht ein Sammelsurium von mehr oder minder fragwürdigen, anfechtbaren und durch die Methodik moderner Geschichtswissenschaft zu prüfenden Fakten. In meinem ersten philologischen Semester, vor 33 Jahren, habe ich in Frankfurt ein Kolleg von Hans Naumann, und kurz darauf eines in München von Carl von Kraus gehört, beide über Tacitus' "Germania". Damals war bei den klassischen Philologen auch gegenüber Tacitus eher die Skepsis als die Gutgläubigkeit in Schwange: da war alles Topik der Primitiven, Schema der Barbarendarstellung, und wo Germanen" stand, konnte man je nach Belieben auch Skythen oder Massageten oder Gott weiß was substituieren. Damals stärkten die Germanisten das Zutrauen des angehenden Lateiners in ,seinen' Autor. Vielleicht darf ein kleiner Teil des Dankes hier der Germanistik zurückerstattet werden.
Gewiß sind die Schattierungen, die Bewertungen, die Akzente Caesars nicht ,objektiv' im Sinne der Teilnahmslosigkeit oder eines subalternen Naturalismus. Die Tatsachen dagegen sind immerhin so ,richtig', wie sie dem Mitlebenden aus Quellen und eigener Erfahrung eben erkennbar waren. Caesar war, wenn irgendjemand, ein kühler, klarer Realist; das bloß Fiktive und Illusionäre verfing bei ihm wenig, wenn es von anderen auf ihn zukam; es ist nicht denkbar, daß er es gegenüber seinen eigenen Fiktionen grundsätzlich anders gehalten habe. Zudem: Der Realismus sprach nicht gegen, sondern für ihn. Er hatte es nicht nötig, die Wirklichkeit zu verfälschen, denn das, was auch der engagierte Negativismus ihm unzweifelhaft lassen muß als Tat und Leistung, reicht aus, auch ohne Retouchen. Er selbst hat die Wirklichkeit so gestaltet, daß er sie vor anderen nicht zu verstecken brauchte. Die Approbation durfte er von der Geschichte erwarten. Sie ist sie ihm nicht schuldig geblieben.
Der Bericht des Kampfes der cisrhenanischen Germanen, der Eburonen, und ihres Anführers Ambiorix aber gehört zu den erregendsten und bedeutendsten Episoden seiner linksrheinischen Landnahme. Wenn Caesar dabei von perfidia spricht, so ist das nicht so zu verstehen, als wäre es mit echter, affektgebundener moralischer Entrüstung gesagt: dies gehört offensichtlich zu jener sekundären Schicht ethischer Selbstrechtfertigung, die sich an die Adresse der ehrenwerten, aber tatfernen stadtrömischen Moralistik richtet. Im Hintergrund steht - und gerade dies zeigt die psychagogische Kunst der Darstellung, ein Maß von Achtung, von Ernstnehmen, von Würdigung, das den vordergründigen und ein bißchen billigen Zweckmoralismus weit übertönt: At barbaris consilium non defuit . . .
Aus: Caesar Detlef Rasmussen 1967 Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt


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