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| ZUR ENTSTEHUNGSGESCHICHTE DES BELLUM GALLICUM |
Freitag, 30. 07. 2010 |
Aus: Karl Barwick in: D. Rasmussen (Hrsg.), Caesar, Wege der Forschung 43 (Darmstadt 1967) 273-277.
Wir werden im nächsten Abschnitt ein Beispiel kennenlernen, wo Caesar den Irrtum eines früheren Buches in einem späteren, ebenfalls stillschweigend, korrigierte.
5, 24, 2 berichtet Caesar, er habe befohlen, eine Legion solle in Remis cum Tito Labieno in confinio Treverorum hiemare. In Übereinstimmung damit heißt es 5, 53, 2 von Indutiomarus, qui postero die castra Labieni oppugnare decreverat: noctu profugit copiasque omnes in Treveros reducit. Wenn hier von Indutiomarus gesagt wird, daß er copias omnes in Treveros reducit, so muß man daraus entnehmen, daß Labienus, dem Befehl Caesars entsprechend, im Gebiet der Remer überwinterte. Dagegen befand sich das Lager des Labienus, nach zwei Notizen zu Anfang des 6. Buches, im Land der Treverer: 6, 5, 6 (Caesar) totius exercitus impedimenta ad Labienum in Treveros mittit duasque ad eum legiones proficisci iubet; 6, 7, 1 Treveri magnis coactis peditatus equitatusque copiis Labienum cum una legione, quae in eorum finibus hiemaverat, adoriri parabant Man hat diese Unstimmigkeit in den Angaben Caesars auf verschiedene Weise zu erklären versucht.
Von Goeler z. B. (Caesars gallischer Krieg in den Jahren 58-53 v. Chr., 1858, S. 182) nahm an, Labienus habe während des Winters, Anfang 53, sein Lager aus dem Gebiet der Remer in das der Treverer verlegt. Aber eine so wichtige Maßnahme würde Caesar kaum verschwiegen haben. Außerdem beweist schon das Plusquamperfekt hiemaverat (6, 7, 1), daß das Lager des Labienus sich den ganzen Winter über an einer Stelle befunden hatte. Schon Köchly-Rüstow hatten in ihrer Übersetzung des BG diese beiden Gründe gegen von Goeler geltend gemacht. Freilich schrieben manche Herausgeber hiemabat t. statt hiemaverat. Aber selbst wenn Caesar hiemabat geschrieben haben sollte, bleiben auch sonst noch starke Bedenken gegen die Annahme von Goelers. Es war ganz ungewöhnlich, im Laufe des Winters das Lager zu wechseln; und man entschloß sich dazu nur aus dringenden Gründen. Solche gab es aber in unserem Falle nicht. Im Gegenteil, nach Lage der Dinge war es dringend geboten, das alte Lager nicht aufzugeben. Es war, wie es 5, 57, 1 heißt, et loci natura et manu munitissima. Zudem befanden sich die Treverer im Aufstand gegen die Römer und bedrohten den ganzen Winter über Labienus, bis es ihm schließlich im Frühjahr, nachdem 2 weitere Legionen bei ihm eingetroffen waren, durch eine List gelang, sie entscheidend zu schlagen und zur Unterwerfung zu zwingen (6, 7 f.).
Andere wollten die Unstimmigkeit durch Textänderungen im 6. Buch aus der Welt schaffen: 5, 6 wurde von Schambach (Jahrb. f. klass. Philol. 28, 1882, 220) in Treveros getilgt, und Cluverius hatte dafür in Remos geschrieben; 7, 1 änderten beide eorum in Remorum. Diese willkürlichen und unmethodischen Eingriffe in den Text wurden mit Recht allgemein abgelehnt. Thomann, in dem Züricher Programm von 1868, S. 5 f., hielt die Unstimmigkeit für eine entschuldbare Ungenauigkeit". Aber es handelt sich hier weniger um eine Ungenauigkeit als um einen klaren Widerspruch in den Angaben des 5. Buches auf der einen und des 6. Buches auf der anderen Seite. Dagegen spricht Klotz (Caesarstudium 55 f.) von einem kleinen Irrtum" Caesars, der ihm um so leichter unterlaufen konnte, weil Labienus schon am Schluß des 5. Buches es mit den Treverern zu tun hat«. Klotz betrachtet also die beiden Angaben des 6. Buches als irrtümlich. Eine solche Annahme ist bei Klotz, der an eine Abfassung des BG in einem Zuge glaubt, besonders überraschend und bedenklich: Noch 5, 53, 2 weiß Caesar, daß das Lager des Labienus im Gebiet der Treverer liegt; und ein paar Kapitel später, im 5. und 7. Kapitel des 6. Buches, soll er das bereits vergessen haben!
Nach Meusel (zu 6, 5, 6), der einer Vermutung Hellers (Philol. 22, 1864, 159f.) folgt, "befand sich das Lager wahrscheinlich in dem Gebiete einer der kleinen Völkerschaften, die zwischen jenen beiden mächtigen Stämmen (den Remern und Treverern) wohnten und sich bald dem einen, bald dem anderen angeschlossen haben mögen". Dabei handelt es sich um eine bloße Vermutung; und selbst wenn sie stimmen sollte, wäre es doch höchst unglaubhaft, daß Caesar jener vermuteten Tatsache durch widersprechende Angaben über den Standort des Lagers Rechnung getragen haben sollte.
So erwiesen sich die verschiedenen Versuche, den Widerspruch zwischen den Angaben des 5. und des 6. Buches zu erklären, als durchaus unzulänglich. Sie gingen alle von der stillschweigenden Voraussetzung aus, daß das BG in einem Zuge entstanden sei. Eine plausible Erklärung des Widerspruchs ist aber nur möglich bei der Annahme, daß das BG sukzessiv, am Ende eines jeden Kriegsjahres je ein Buch, geschrieben und veröffentlicht wurde. Als Caesar Labienus den Befehl gab, im Remerland, in confinio Treverorum, zu überwintern (5, 24, 2), hatte er von dem Gebiet der Treverer nur eine sehr oberflächliche Kenntnis. Zum ersten Mal betraten römische Truppen, unter der Führung des Labienus, im 3. Kriegsjahr das Land. Es handelte sich dabei offenbar um einen flüchtigen Streifzug der Reiterei; und Caesar äußert sich darüber nur in 2 Sätzen: Titum Labienum legatum in Treveros, qui proximi flumini Rheno sunt, cum equitatu mittit. huic mandat Remos reliquosque Belgas adeat atque in officio contineat, Germanosque qui auxilio a Gallis arcessiti dicebantur, si per vim navibus flumen transire conentur, prohibeat (3, 11, 1 f.). Caesar selbst kam erst zu Beginn des 5. Kriegsjahres, vor seiner Expedition nach Britannien, in das Trevererland, aber nur ganz kurz (5, 2-4).
Bei der geringen Kenntnis, die Caesar also noch im 5. Kriegsjahr von dem Gebiet der Treverer hatte, ist es durchaus verständlich, wenn er irrtümlich glaubte, daß die Stelle, die er im Herbst 55 im Grenzgebiet zwischen Remern und Treverern Labienus für sein Winterquartier anwies, noch zum Remerland gehöre; und diese irrige Meinung hatte er auch noch, als er am Ende des 5. Kriegsjahres das 5. Buch schrieb und veröffentlichte. Dann hatte er im 6. Kriegsjahr Gelegenheit, das Trevererland genauer kennenzulernen. Damals, zu Beginn dieses Jahres, brachte er zunächst die Nervier und Senonen zur Ruhe. Hierauf schickte er 2 Legionen und das Gepäck des ganzen Heeres zu Labienus. Er selbst marschierte mit 5 Legionen in das Land der Menapier (6, 5, 6). Während seines kurzen Aufenthaltes daselbst gelang es Labienus, nachdem die 2 Legionen mit dem Gepäck bei ihm eingetroffen waren (vgl. 6, 7, 4), die Treverer in der Nähe seines Lagers entscheidend zu schlagen (6, 7 f.). Dann erschien Caesar im Gebiet der Treverer und beschloß, von dort aus den Rhein zu überschreiten (6, 9). Welchen Weg er ex Menapiis in Treveros (6, 9, 1) eingeschlagen hatte und welches sein erstes Ziel im Trevererland war, wird nicht gesagt. Aber alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß Caesar zunächst sich zum Lager des Labienus begab, wo ja 3 Legionen und das Gepäck des ganzen Heeres sich befanden. Aber wie dem auch sei, jedenfalls traf Caesar nach seiner Ankunft bei den Treverern Labienus und hatte Gelegenheit, von diesem Genaueres über die politische Zugehörigkeit der Gegend, wo dessen Lager sich befand, zu erfahren und festzustellen, daß es nicht, wie er früher angenommen hatte, in Remis in confinio Treverorum lag, sondern in Treveris in confinio Remorum20. Dem hat er bei der Abfassung des 6. Buches (5, 6 7, 1) Rechnung getragen und damit seine irrigen Angaben im 5. Buch, die er, weil dieses Buch schon veröffentlicht war, nicht mehr ändern konnte, stillschweigend verbessert.
So ß; hiemaverat a. Es besteht kein Grund, die Lesung der besseren Handschriftenklasse a zu verschmähen. hiemare, von Truppen gesagt, bedeutet in der Regel »den Winter zubringen«; und so auch hier. Daher ist das Plusquamperfekt ganz in der Ordnung, da der Winter, wie 6, 3, 4 ausdrücklich betont wird, bereits vorüber war. hiemabat wäre allerdings auch möglich. Denn einmal, 1, 10, 3, gebraucht Caesar hiemare etwas anders als gewöhnlich ipse ... tres (legiones), quae circum Aquileiam hiemabant, ex hibernis educit. Da der Winter damals bereits vorüber war, muß hiemare hier etwa bedeuten »in den Winterquartieren sich befinden«. Aber diese Bedeutung wird hier durch das daneben stehende hiberna erleichtert.
Das Winterlager des Labienus war, nach 6, 7, etwa 14 m. p. von einem schwer zu überschreitenden und steilufrigen Fluß entfernt. Jenseits des Flusses hatten die Treverer ein Lager bezogen. Labienus war ihnen, von seinem Winterlager aus, entgegengezogen und hatte auf dem diesseitigen Ufer ein Lager aufgeschlagen, 1 m. p. von dem Feinde entfernt. Offenbar hatte nun Caesar ursprünglich angenommen, der Gebietsstreifen zwischen dem Fluß und dem Winterquartier des Labienus gehöre zu dem Gebiet der Remer (so daß der Fluß also die Grenze gebildet hätte), während er in Wirklichkeit wie er sich später überzeugte, noch ein Teil des Trevererlandes war.
Auch Hecker, a. a. O. 45 f., gründete seinen Erklärungsversuch auf die Voraussetzung einer sukzessiven Abfassung und Publikation des BG. Er nahm an, Labienus habe von vornherein, entgegen Caesars Befehl, nicht im Gebiet der Remer, sondern in dem der Treverer ein Lager bezogen; das sei Caesar aber erst im 6. Kriegsjahr bekanntgeworden. Das ist an sich möglich, aber durchaus unwahrscheinlich. Wenn Labienus eigenmächtig aus irgendwelchen Gründen, sein Winterquartier im Land der Treverer aufschlug, so hatte er zum mindesten die Pflicht, dies seinem Oberfeldherrn zu melden, was für ihn um so leichter gewesen wäre, da er ohnehin bald, nachdem er sein Lager bezogen hatte, veranlaßt wurde, Caesar zu schreiben (5, 46, 4). Gleichwohl ist aber eine solche Meldung offenbar nicht erfolgt.
Aus: Caesar Detlef Rasmussen 1967 Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt


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