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DIE HISTORISCHE FIGUR AMBIORIX Freitag, 30. 07. 2010

Ambriorix 1866-1966 · Tongeren · Königlich Limburgische Geschichts- und Archäologische Genossenschaft 1966. Dr. Herman VAN LOOY geassoc.-docent Rijksuniversiteit Gent

Es wird immer eine feinfühlige Sache bleiben, die Figur des Ambiorix und die Rolle, die er während der Eroberung von Gallien gespielt hat, in historischer Hinsicht zu beleuchten. Die Quellen, die uns zur Verfügung stehen sind sehr begrenzt, obendrein sehr einseitig und nicht ohne jede Voreingenommenheit.

Da waren die Voraussetzungen für eine Figur, wie Vercingetorix es war, anhand handfester Beweise um die Geschehnisse um Alesia wie Münzfunde, Waffen, Grabsteine, Festungsbauten, Wolfkulen etc. schon günstiger.

Es fehlt jeglicher archäologischer Hinweis auf Ambiorix. Keine Spur in der Erde erinnert an ihn und trotz aller akademischer und anderer Bestätigungen bleibt die Lokalisierung des Atuatuca von Cäsar und damit zusammenhängend, vom Kesseltal wo 15 Cohorten ausgerottet wurden, ein ungelöstes Problem. Wir verfügen nur über geschriebene Quellen, hauptsächlich über die ausführlichen Texte von Cäsar, der die Ereignisse von anderen vernahm und dessen historische Glaubwürdigkeit sehr unterschiedlich beurteilt wird. Aber auch wenn wir - etwas naiv - Cäsar völlig vertrauen, bleibt die Figur Ambiorix von Geheimnissen umhüllt. Er ist zweifelsfrei ein Feind, den Cäsar am meisten gehasst hat und doch können wir nur einige Tage seines Bestehens rekonstruieren. Er verschwindet im Nebel und in den Wäldern der Ardennen ebenso plötzlich wie er erschienen ist.

Laut den spärlichen Angaben aus Cäsars Commentarii spielen die Eburonen bis zum schicksalhaften Herbst im Jahre 54 vor Christus, eine sehr untergeordnete Rolle. Als die Stämme im Norden der Seine-Marne Linie während des Winters, welcher auf die Niederlangen der Helvetiers und des Germanen-Anführers Ariovist folgte, Kontakt aufnahmen und geheime Verbände schlossen um Cäsars Eroberungen zu strotzen, versprachen die Erburonen zusammen mit den Mannschaften von Condrusi, Caerosi und Paemani ein Kontingent von 40.000 Mannschaften. Durch das schnelle Auftreten Cäsars kam vom großem Bundeslager, dass 296.000 Krieger zählen sollte, nichts zustande.

Die Suessiones, Bellovaci und Ambiani ergeben sich; die Nervii, Viromadui und Atrebates werden geschlagen und kurz darauf wird die Verstärkung der Atuatuci durch Cäsar eingenommen und werden die Bewohner als Sklaven verkauft. Nirgendwo ist hier die Rede von den Eburonen. In seiner Rede erwähnt Ambiorix, dass sein Volk während einer bestimmten Zeit zahlpflichtig an den Atuatuci war und als Unterpfand Geiseln stellen musste, unter wem auch sein Sohn und sein Neffe. Die Niederlage der Atuatuci bedeutete also für die Eburonen eine Befreiung aus der schweren Zahlpflicht und die Rückgabe der Geiseln.

Wie wir urteilen können, brachten also die ersten Jahre der römischen Herrschaft eine Verbesserung ihres Status, ohne sie zu Gegenleistungen zu verpflichten. Die Gründe hierfür sind nicht in Cäsars soviel gepriesenen Clementia und Misericodia zu suchen, wohl aber in deren strategischer Lage, nämlich als Damm gegenüber den aufdringlichen rechtsrheinischen Germanen.

Aus diesem oder anderem Grund haben sie Annäherung zu den Treveren gesucht oder waren in den Einfluss dieses mächtigen Stammes gekommen. Sie unterhielten regelmäßige Kontakte mit Cäsar, dessen Abgesandter Q. Iunius, ein Spanier, der angeblich der keltischen Sprache mächtig war, regelmäßig Ambiorix besuchte.

Zwei "Könige" regierten über die Eburonen: Ambiorix, der reiche König und der ältere Catuvolcus, schnell im Kampf. Wie ihr Verhältnis zueinander war und wie ein gemeinsames Auftreten der beiden geregelt war, wissen wir nicht. In der Geschichte des Aufstandes nimmt Ambiorix die Iniative, derweil Catuvolcus ihm – nach Cäsar zumindest – zögernd folgt.

Wahrscheinlich gab es bei den Eburonen, ebenso wie in allen anderen Stämmen, eine Anti-Romische Partei, die jedoch schwer nach außen treten konnte. Die Kontakte, welche Ambiorix unzweifelhaft mit den Anti-Römischen Treveren-König Indutiomarus unterhielt, waren derweilen strikt geheim geblieben: darum hatte Cäsar auch das bestehende doppelte Königreich anerkannt.

Der Sommer 54 bedeutet für Cäsar ein Wendepunkt in der Eroberung Galliens. Er hatte gehofft in einigen Jahren Gallien, Aquitanien, Belgien, ein Teil Germaniens und Brittaniens zu erobern. Die Gallier sahen die römische Herrschaft jedoch nicht als ein unabdingbares Schicksal an und viele waren sich bewusst, dass diese Herrschaft lediglich verstärkt wurde durch die bereitwillige Mitarbeit der römisch gesinnten Partei innerhalb jeden Stammes. Die politischen Verhältnisse waren überall unterschiedlich – hier Monarchie, da Oligarchi – und Spannungen waren unvermeidlich.

Die Niederlagen der Helvetier (58), von Ariovist (58), der Nervier (57), der Veneten (56) und so vieler anderen bewiesen den Willen jedes einzelnen Versuchs auf Widerstand. So reifte langsam der Plan zum allgemeinen Widerstand und wartete man nur noch auf günstige Umstände.

Das vierte Kriegsjahr (55) war für Cäsar ein Jahr von Machtsdemonstrationen und Bluffs gewesen: die Abschlachtung zweier germanischer Stämme, die Brücke und die Tour über den Rhein sowie die erste Überfahrt nach Britannien. Vor dem Einschiffen fiel er noch mit vier Legionen und 800 Reitern in das Land der Treveren ein, um - augenscheinlich zumindest - die Ruhe in diesem Gebiet wieder herzustellen und um eine angebliche Versöhnung zwischen dem älteren Indutiomarus und seinem römisch gesinnten Schwiegersohn Cingetorix herbeizuführen.

Die zweite, groß aufgesetzte Expedition nach Britannien trug in Rom hohe Erwartungen. Bei seiner Rückkehr hat Cäsar ungezweifelt die Spannungen gefühlt, die in Gallien herrschten und er war deshalb verfrüht aus Britannien zurückgekehrt. Der Winter stand vor der Tür und alarmierende Gerüchte erreichten Cäsar. So auch schlechte Neuigkeiten aus Rom. Als er den Fuß an Land setzte erreichte ihn die Nachricht des Todes seiner Tochter, die Ehefrau von Pomeius. Der Tod dieser jungen Frau war viel mehr als ein gewöhnliches Familiengeschehen: es war eine politische Tatsache, die letztendlich, wie Seneca und Lucanus schon angemerkt hatten, den Untergang der Republik zur Folge hatte. Denn beide Männer, Vater sowie auch der ältere Schwiegersohn, verloren hierdurch das einzige Band, das sie noch zusammenhielt.

Mehr denn je schien es Cäsar eine dringende Angelegenheit, den Winter in Nord-Italien zu verbringen, um die Geschehnisse von nahem verfolgen und kontrollieren zu können. Um in Nord- und Zentral Gallien sicher zu gehen, beschloss er, seine Legionen in gut verstärkten Winterquartieren über ein ausgestrecktes Gebiet zu verteilen, in der Hoffnung jeden Versuch des Aufstandes unverzüglich im Keim zu ersticken. Cäsar hatte gehofft, dass eine Demonstration von Macht - ein Winterquartier in oder auf der Grenze eines jeden verdächtigen Gebietes – ausreichend sein würde, um die Ruhe zu wahren. Er zählte dabei zu viel auf sein Prestige, welches trotz des Bluffs der letzten zwei Jahre einige Dellen verzeichnete, sowie auf die Uneinigkeit der Gallier.

Auf dem allgemeinen Landtag in Amiens machte Cäsar seine Pläne für die Winterquartiere bekannt: C. Fabius sollte mit der 10. Legion bei den Morinern überwintern, Q. Cicero, der jüngere Bruder des Redners und Politikers Marcus Tullius Cicero, bekam die 11. Legion zugewiesen mit dem Standort im Gebiet der Nervier. Die 13. sollte den Winter in der Normandie bei Esuvii unter der Leitung von L. Roscuis verbringen. T. Labienus, Cäsars bester Unterbefehlshaber und erster Offizier wurde wieder einmal mehr mit der Bewachung der lästigen Treveren beauftragt, von denen Cäsar Schwierigkeiten erwartete. Sein Winterquartier befand sich auf der Grenze von Remern und Treveren.

Eine Legion und 5 Cohorten mussten unter der Leitung von Quintus Titurius Sabinus und Lucius Aurunculeius Cotta den langen Weg nach Atuatuca, einer Festung der Eburonen, unternehmen.

Die betreffende Legion ist die XIV. Cäsar will den Anschein wahren, als bestehe diese Legion aus noch unerfahrenen Soldaten, daher auch der Nachtrag "quam procime trans padum conscripserat": so will er die später aufgetreten Panik erklären.

Auch wenn es so ist, dass diese Legion oft mit Bewachungsaufträgen versehen wurde, so stand sie doch schon seit mehr als drei Jahren auf dem Feld und darf sicher nicht als eine Legion von Rekruten betrachtet werden. Diese Entschuldigung zusammen mit dem des schwachen und unerfahrenen Befehlshabers, ist verrückt. Das Winterquartier von Atuatuca war der weiteste vorgeschobene Vorposten um u.a. den Rhein und die Treveren zu kontrollieren und Cäsar soll diesen Auftrag an einen unterfahrenen Leiter und einer unerfahrenen Legion anvertraut haben!

Bis jetzt hatte Cäsar die Eburonen verschont. Jetzt bekamen sie plötzlich die Last eines sehr schweren Winterquartiers zu tragen: mit spanischer Reiterei, den Hilfstruppen etc. und insgesamt darf man die gesamte Quartiersbesetzung auf 11.000 Mann schätzen (Sollstärke). Reich an Getreide war ihr Land nicht unbedingt, wohl aber an Wäldern, Sümpfen und Venn. Die Gründe waren politisch und strategisch: Kontrolle aus dem Norden über die Treveren, vom Süden über die Menapier und über die Eburonen selbst, von denen Cäsar vernommen hatte, dass diese unter den Einfluss der Treveren und vor allem des Indutiomarus gekommen waren.

Die Leitung des Quartiers ruhte auf zwei Gesandte, Quintus Tituruis Sabinus und Lucius Aurunculeius Cotta. Der Erste spielt im Gallischen Krieg eine nicht unbedeutende Rolle.

In 57 wird er beauftragt mit der Überwachung der Brücken an der Aisne bei Berry-au-Bac. In 56 unterwirft er die Venellen auf der Halbinsel Contentin (Normandie), die unter der Leitung von Viridovix, sein Lager angreifen. In 55 wird er zusammen mit Cotta beauftragt eine Expedition gegen die Menapier und Morinen zu führen, die nur teilweise gelingt. Die Fakten beweisen, dass Cäsar ihn als guten Anführer sah: gegen die Venellen verfügte er über 3 Legionen und in 54 bekam er die Leitung über das meist exzentrisch gelegene Winterquartier bei einem Stamm, die mit den Treveren kontaktierten.

Cotta begegnen wir zum ersten Mal als Gesandter Cäsars während des zweiten Kriegsjahres. Gemeinsam mit Quintus Pedius, Cäsar’s Neffen, führt er die Reiter an, die die Verfolgung der Belgier aufnehmen nach dem Debakel der Aisne-Überquerung. In 55 begleitet er Quintus Titurius Sabinus auf der Expedition gegen die Menapiers und die Morinen. Aus dem weiteren Verlauf scheint, dass sie nicht ganz in ihren Absichten erfolgreich waren. Nach der Rückkehr aus Britannien wird Labeinus belastet mit der Unterwerfung der Morinen, derweil vergnügen sich Sabinus und Cotta mit der Verwüstung aller Acker und mit dem Verbrennen der Bauernhöfe. Warum Cäsar beide Gesandten auch im nächsten Jahr gemeinsam versendet, wissen wir nicht. Auch ihr Verhältnis untereinander ist uns nicht klar. Aus keinem Text geht hervor, wer der Anführer der Legion war. Obwohl Sabinus sich stets als erster meldet, kann er Cotta scheinbar nicht befehlen, derweil Cotta sich weigern kann ihm zu folgen. Ambiorix richtet sich andererseits nur zu Sabinus. Die ganze Geschichte von Cäsar weckt jedoch den Eindruck, dass Sabinus Vorrang hat vor Cotta.

Kaum hatte Cäsar die Legionen über die Winterquartiere verteilt, töteten die Carnuten Tasgetius, einen Spross aus einem alten Königsgeschlecht, den Cäsar drei Jahre vorher zum König eingestellt hatte. Cäsar, der in dem Moment noch im hauptquartier in Samarobriva verweilte, reagierte sofort und sandte L. Munatius Plancus mit einer Legion (die VIII.) in ihr Gebiet um jeden weiteren Aufstand zu verhindern und um eine Untersuchung vor Ort einzuleiten.

Cäsar wartete inzwischen auf Berichte aus diversen Kamps und speziell auf den Bericht von Plancus. Erst danach konnte er nach Norditalien ziehen, so wie er es jeden Herbst zu tun pflegte.

Ist er tatsächlich abgereist? Aus seinem Commentarii scheint, dass er nicht abgereist ist, sondern zum Zeitpunkt der Bestürmung des Lagers von Atuatuca durch Ambiorix und das des Cicero, noch im Hauptquartier in Amiens verweilte. Dem gegenüber steht die explizite Mitteilung von Plutarchus, Dio Cassius und Appianus, die sehrwohl von seiner Abreise Meldung machen. Man darf an der Meldung dieser drei nicht zweifeln und ist Cäsar einige Tage nach dem Empfangen der beruhigenden Berichte abgereist, um später durch einen Eilboten zurückgeholt zu werden. Unmittelbar nach dem Bericht seiner Abreise beginnt der eigentliche Aufstand.... aber lassen wir jetzt das Wort an Cäsar selbst.

de bello gallico V26
"Ungefähr 15 Tage nach der Ankunft im Winterquartier ging eine unerwartete Bewegung von Ambiorix und Catuvocus zum Aufstand aus. Unsere Soldaten griffen jedoch schnell zu den Waffen und bestiegen den Wall; als die spanischen Reiter an einem Tor ausgerückt waren und in einem Gefecht gesiegt hatten, zweifelten die feindlichen Anführer am Gelingen ihres Unterfangens und zogen sie ihre Mannschaften zurück. Daraufhin verlangten sie gewöhnlicherweise unter lauter Berufung, dass jemand von uns nach draußen kommen sollte, um zu verhandeln. Zu ihnen wurde Gaius Arpinius gesandt, ein römischer Ritter und vertrauter Freund von Titurius, sowie Quintus Iunius, ein Spanier der bereits früher im Auftrag von Cäsar oft Ambiorix besucht hatte."

Ambiorix sprach ungefähr wie folgt zu ihnen:
"Er bekannte, dass er Cäsar im Tausch für die empfangenen Wohltaten sehr viel schuldig war; durch sein Tun wurde er erlöst von der Zahlpflicht, die er den Atuatuci gegenüber hatte. Auch wurden ihm durch Cäsar sein Sohn und Neffe zurückgegeben, die als Geiseln in Sklavenketten durch die Atuatuci gehalten wurden. Demzufolge hatte er die Erstürmung des Kamps nicht auf eigene Initiative und freiem Willen unternommen, sondern gezwungenermaßen durch seine Stammesgenossen; seine Autorität war immerhin von der Art, dass das Volk nicht weniger Recht geltend machen konnte gegenüber ihm, wie er gegen das Volk. Für den Stamm war des weiteren die Hauptursache für den Krieg, dass er sich nicht gegen die plötzliche Zusammenschwörung der Gallier versetzen konnte.

Er bestand aber auf einen gemeinsamen Plan für Gallien; dieser Tag war festgelegt um alle Winterquartiere von Cäsar zu bestürmen um so zu verhindern, dass die eine Legion der anderen zu Hilfe eilen würde. Als Gallier konnten sie schlecht nein zu Galliern sagen, vor allem da der Plan scheinbar aufgenommen worden war um die gemeinsame Freiheit zu erobern. Er gab Titurius den Rat, im Namen der Gastfreundschaft, für sein eigenes leben und das seiner Soldaten zu sorgen. Eine große Bande Germanen war im Anmarsch und schon über den Rhein gezogen; binnen 2 Tagen sollten sie vor Ort sein. Die Entscheidung lag in ihren Händen (nämlich in Sabinus’s und Cotta’s ), ob sie die Soldaten aus dem Winterquartier wegführen und nach Cicero oder Labienus bringen würden. Dies ganze versprach er und verstärkte dies durch einen Eid, dass er ihnen eine sichere Durchreise durch sein Gebiet genehmigen würde. So würde er für den Stamm sorgen und bedankte er sich für Cäsars Wohltaten."

Arpinius und Iunius bringen Ambiorix Worte an die zwei Gesandten. Diese sind ziemlich verunsichert durch die Tatsache, dass es kaum zu glauben ist, dass ein Volk ohne jegliche Bedeutung als das der Eburonen, es wagen würde aus eigener Initiative Rom anzugreifen.

Der Vorschlag von Ambiorix wird vor den Kriegsrat gebracht, wo es schnell zu einem peinlichen Debakel zwischen Sabinus und Cotta kommt. Cotta, die meisten Tribunen und Centuriones wollen nichts vom Abziehen der Truppen hören ohne den ausdrücklichen Befehl von Cäsar. Sabinus rädt zum sofortigen Abzug und befürchtet, dass man, im Falle einer Verzögerung, zu spät kommen könnte.

Cäsar ist ohne Zweifel abgereist, sonst ist der Mord an Tasgetius und das Auftreten der Eburonen nicht zu erklären. Ferner liegen sie nah am Rhein und bei den Germanen, die den Tod von Ariovistus noch nicht vergessen haben. "Der Plan von Ambiorix war in beiden Fällen sicher; wenn alles gut ging, dann würden sie ohne Gefahr das nächst Kamp erreichen; Würde sich ganz Gallien allerdings mit den Germanen verbünden, so war Schnelligkeit ihre einzige Chance auf Rettung."

Cotta und die anderen Offiziere wiedersetzen sich immer noch und inzwischen haben sich die Soldaten vor dem Hauptquartier versammelt. Cotta wiedersetz sich immer noch, aber schließlich kurz vor Mitternacht, lenkt er ein. Der Befehl zum Aufbruch bei Sonnenaufgang wird gegeben. So viel zu Cäsar.

Dieser Abschnitt stellt mögliche historische Probleme dar, sei es denn, dass man die Geschichte von Cäsar so nimmt, wie er sie schildert – ist ihm zu trauen?

Fakt ist: Ambiorix ist es auf die ein oder andere Art gelungen, aber vor allem durch persönliches Auftreten, Sabinus und Cotta aus ihrem Lager zu locken und einige Kilometer weiter die 15 Cohorten vollständig auszurotten. Die Beschreibung selbst ist ein Vorbild dramatischer Erzählkunst und die Fakten dringen sich an uns auf, wie die einer griechischen Tragödie. Alleine konnte Cäsar nicht auftreten als deux ex machina und war die Katastrophe unvermeidlich: daher seine große Wut und der maßlose Hass auf Ambiorix. Vor allem wünscht er zu vermeiden, dass der römische Leser – er schrieb für ihn, und nicht für uns – den Eindruck erlangt, dass der Aufstand gut organisiert und allgemein war. Durch die Mitteilung des allgemeinen Aufstandes in den Mund von Ambiorix zu legen, will Cäsar gerade erreichen, dass der römische Leser es nicht glauben wird.

Wer jedoch alle Fakten zusammen betrachtet, der kann der Realität des allgemeinen Aufstandes und des in Wirklichkeit vorbereiteten und geplanten Auftretens nicht zweifeln: Der Aufstand der Carnuten und der Mord auf Tasgetus, die Erstürmung des Lager von Sabinus und Cotta durch die Eburonen, der Angriff auf das Lager Cicero durch die Nervier, die Vertreibung von Cavarinus durch die Senonen, die Bedrohung der Lager von Roscius in Aremorica, die Verjagung von Cingetorix und der Angriff der Treveren gegen das Kamp von Labienus...

Die Rede selbst, in der Form wie Cäsar sie uns überliefert, ist historisch gesehen vollkommen unglaubwürdig, aber verblüffend praktisch und nach allen Regeln der Redekunst ausgearbeitet. Nach der captatio benevolentiae und dem Akzentuieren der Pflicht zur Dankbarkeit, folgt die Erklärung und die Entschuldigung für die Erstürmung. Die Schuld wird von Ambiorix abgewiesen auf seinen Stamm, vom Stamm auf die Verantwortlichen für den allgemeinen Aufstand. Die kleinen, unansehnlichen Eburonen konnten schlichtweg nicht anders.

Das Debakel Sabinus – Cotta ist ein Meisterstück dramatischer Kunst. Die Gegenüberstellung der beiden Anführer ist bis ins kleinste Detail so ausgearbeitet, dass das Ziel Cäsars klar wird: die Ehre des römischen Legers und das seines Offizierscorps wahren durch die ganze Verantwortung der Ereignisse auf Sabinus abzuwälzen. Er ist das schwarze Schaf, das zahlen muss für die Fehler aller, inklusiver die von Cäsar selbst. Sabinus hat panische Angst vor den Germanen, bezeugt aber, wie alle Menschen die Angst haben, dass er sich von allen am wenigsten fürchtet.. Wie und warum der Beschluss zum Abzug genommen wird, kann man wohl nie sagen, jedoch tragen beide Abgesandten eine große Verantwortung. Sie handeln beide in panischer Angst vor der Ankunft der Germanen auf der einen Seite, und andererseits voll blindem Vertrauen in Ambiorix.

Die weitere Geschichte ist einfach: einige Kilometer vom Lager entfernt wird die Kolonne überfallen in einer Art Kesseltal. Sabinus ist vollkommen verblüfft und reagiert unnormal, Cotta tut seine Pflicht als Soldat und als Anführer und befiehlt den Soldaten sich im Carré (Kreis) aufzustellen. An beiden Seiten wird heftig gekämpft. Den römischen Soldaten sind die Eburonen in punkto Ausrüstung und Geübtheit nicht gewachsen. Ambiorix weiß, das er die Römer müde machen muß. Er muß verhindern, dass sie durchbrechen und ihr Lager wieder erreichen. Jeder Ausfall aus der römischen Cohorte im Carré kostet den Eburonen schwere Verluste.

Heldenhaft kämpfen die Römer weiter. Der Offiziersveteran T. Balventius wird schwer getroffen, Q. Lucanius wird getötet. L.Cotta selbst wird verwundet. Warum die Legionen und vor allem Cotta mit seiner Mannschaft nicht zum Lager durchdrangen, bleibt ein Rätsel. Was Sabinus als letzte Rettung ansah, war in Wirklichkeit die Beschleunigung des vollständigen Untergangs: er will mit Ambiorix verhandeln. Dieser stimmt zu und garantiert ihm seine Sicherheit. Da Cotta sich weigert, ihn zu begleiten, befiehlt er den Offizieren seiner Legion mitzugehen. Ambiorix bittet sie, ihre Waffen abzulegen... er tut es und gibt gleichzeitig einen Befehl an sein Gefolge. Kurz danach werden sie umzingelt und getötet.

Da die Legion durch Sabinus unverständliche Leichtsinnigkeit der Offiziere beraubt wurde, ist der Kampf verloren. Die meisten Soldaten sowie auch Cotta werden getötet.

Eine komplette Legion und fünf Cohorten, 6 bis 7.000 Soldaten, spanische Reiter, Hilfstruppen, ein Adler und ein Winterkamp werden somit auf einen Schlag vernichtet: den schwersten Verlust den Cäsar je in Gallien erlitt. Schuld daran ist nicht nur die Leichtsinnigkeit Sabinus sondern auch Cäsar, der sich in Ambiorix getäuscht hatte. Diese Niederlage erfüllte Cäsar mit einem gewaltigen Hass gegen die Eburonen und gegen Ambiorix. Er schwor seinen Bart so lange wachsen zu lassen, bis er sich gerächt hätte. Den Haß Cäsars kann man durchaus messen an den Maßnahmen die er in den nächsten Jahren unternahm um Ambiorix tot oder lebendig zu finden und die Eburonen auszurotten. Das Erste gelang ihm nie, das Zweite wohl.

Durch diesen Erfolg angetrieben, begibt sich Ambiorix unmittelbar auf den Weg, um mit den Nachbarvölkern, vor allem mit den Atuatuci und den Nerviern, einen Aufstand anzuzetteln. Sein Enthusiasmus wirkt ansteckend; die Nervier mobilisieren sich sofort und greifen das Lager von Cicero an, noch bevor der Bericht von Sabinus Niederlage durchgedrungen war.

Welche Rolle Ambiorix bei diesen Ereignissen gespielt hat, können wir aus Mangel an Angaben nicht sagen.

Gallien schien noch nicht reif für einen allgemeinen Aufstand unter der Leitung eines geeigneten Anführers. Dieser war da, Ambiorix, aber er war lediglich ein Eburone, Mitglied eines kleinen Stammes, der im Schatten des mächtigen Nachbars lebte. Seine Stimme war nicht groß genug, um ganz Gallien zum Kampf aufzurufen.

Überrascht durch Cäsars Schnelligkeit gaben sich auch die Senonen und die Carnuten geschlagen. Aus dem Süden kommend – da von den Carnuten und Senonen keine Gefahr mehr drohte – richtete Cäsar seine Energie auf den Mann, den er von allen Galliern am meisten hasste: Ambiorix.

Um ihn und sein Volk zu isolieren, unternahm Cäsar als erstes einen Raubzug gegen die Menapier. Danach war es an der Reihe der Oberrheinischen Germanen, die den Treveren Hilfe geschickt hatten und bei denen Ambiorix eine Zuflucht finden könnte. Die Jagt auf Ambiorix wurde eröffnet und das Gebiet der Ebruonen auf systematische Art und Weise geplündert. Ambiorix, der einsah, dass er machtlos dem römischen Heer gegenüberstand, gab den Befel an seine Landsgenossen, sich in Sicherheit zu begeben, jeder für sich. Der eine Teil flüchtete in die Wälder der Ardennen, die anderen in die Sümpfe des Peel oder in das hohe Venn. Catuvolcus nahm sich selbst das Leben, indem er sich vergiftete.

Daraufhin besetzte Cäsar das Lager des Sabinus vom Vorjahr, Atuatuca, und lies Cicero mit der neuen XIV. Legion dort stationiert, dieses mal mit echten Rekruten. Er teilte die Legionen in drei Teile, sodaß jedes Gebiet und jede Ecke beobachtet werden konnte. Die benachbarten Volksstämme lud er ein, um an den Plünderungen teilzunehmen. Aber auch dies milderte noch nicht Cäsars Rachegelüste. In 51 v.Chr. begannen wieder die Strafexpeditionen und der Versuch wurde erneut aufgenommen, Ambiorix zu finden (88). Wieder ohne Ergebnis, aber er tröstet sich mit der zynischen Bemerkung: da er zweifelte, den aufgescheuchten Mann je zu fassen zu kriegen, pflegte er dessen Grundgebiet so gründlich zu plündern und zu entvölkern, dass Ambiorix auf Grund des Hasses seiner Untertanen gegen ihn keine Möglichkeit mehr sehen würde, je in sein Land zurückzukehren. So verschwindet dieser Mann nach kurzer Zeit, für uns ebenso wenig greifbar wie er es für Cäsar war.

Durchgängig finden wir in den Texten von Cäsar Ambiorix als eine starke Persönlichkeit, versehen mit einem scharfen und berechnendem Verstand. Skrupel kennt er nicht: auch das hat er von den Römern und von Cäsar gelernt. Er gehört zur gallischen "neuen Schule", der die römischen Regeln zum eigenen Vorteil verwendet. Ambiorix hatte nur ein Gebrechen: Er war nur ein Eburone.


Gaspard de Cort
Ambiorix - Roi des Èburons
Roman historique
1843 Anvers - Imprimerie de L.J. de Cort, Èditeur-Libraire



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