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DAS HIMMELFAHRTSKOMMANDO DES SABINUS Freitag, 30. 07. 2010

aus: Dissertatiunculae criticae
Königshausen&Neumann 1998

Joachim Dalfen, Salzburg

Das Himmelfahrtskommando des Q. Titurius Sabinus (b. G. V 24-37)
Wie auch kritische Interpreten Caesar auf den Leim gehen

Der Bericht über die Vernichtung der 15 Kohorten und über den Tod der beiden Legaten Q. Titurius Sabinus und L. Aurunculeius Cotta, unter deren Kommando diese Kohorten standen, gehört zu den erregendsten und spannendsten Episoden des Gallischen Krieges. Dieser Abschnitt ist der erste im bellum Gallicum, innerhalb dessen dramatisierende Darstellungsmittel in dichter Häufung zu beobachten sind. Die Interpreten haben deshalb diesem Abschnitt, genau genommen den Kapiteln V 26-37, große Aufmerksamkeit gewidmet und für seine literarisch-stilistische Interpretation sehr viel geleistet.

In die Analyse von Caesars Erzähltechniken, seiner Darstellungsmittel und der sprachlich-stilistischen Gestaltung dieser Episode flossen weitere Gesichtspunkte und Fragestellungen ein: die suggestive Beeinflussung des Lesers durch den Autor Caesar; die Charakterisierung der beiden Legaten, vor allem des Sabinus, den Caesar als den Schuldigen und für die Katastrophe Verantwortlichen zeichnet; das Verhältnis dieser Episode zum unmittelbar folgenden, offensichtlich ganz parallel dargestellten Bericht über den Angriff auf das Winterlager des Q. Cicero (V 38-52); die Fragen, woher Caesar so viele Einzelheiten über den Ablauf der Katastrophe wußte, wo er selbst sich zu diesem Zeitpunkt aufhielt) ob er nicht der eigentliche Schuldige an dem Tod der beiden Legaten und der 15 Kohorten ist, welche Absichten er mit diesem "Bericht" verfolgt und welche Wirkungen er bei seinen Lesern erreichen wollte. Auch jede literarische Interpretation sieht sich letztlich mit der Frage konfrontiert, wie sich Caesars Darstellung dieser Ereignisse und seine Zeichnung der Personen zur historischen Wirklichkeit verhalten mögen.

Die Analysen und Interpretationen der letzten Jahrzehnte sind getragen von einer kritischen Einstellung zum Autor und zum Politiker Caesar. Es werden nicht nur seine Darstellungsmittel auf die mit ihnen beabsichtigte Wirkung durchleuchtet, es wird auch gefragt, wie es um die Faktizität dessen steht, was er berichtet. Und hier macht man eine überraschende Feststellung. Trotz der Einsicht, daß Caesar seine Leser präjudiziert, daß er eine "Gefühlsregie" führt und durch eine emotionale Darstellung das rationale Urteil des Lesers verhindert, und trotz der Einsicht, daß man ihm genau auf die Finger schauen muß, weil er nicht immer alle Fakten nennt und wenn, dann nicht immer zusammenhängend, unterliegen auch kritische Interpreten der Art, wie Caesar seinen "Bericht" präsentiert, und übersehen manches, was für die Deutung wichtig wäre. Deshalb suchen sie, wie in dem hier zu besprechenden Fall, auf eine an sich richtige Frage, wie z.B. auf die nach der Verantwortung Caesars für die Katastrophe des Sabinus, die Antwort an der falschen Stelle. Die Schilderung der Katastrophe ist offenbar so eindrucksvoll und die Interpretation von V 26-37 so interessant und ergiebig, daß die Vorgeschichte nur oberflächlich und deshalb mit vielen handgreiflichen Fehlurteilen gelesen und das entscheidende Kapitel V 24 überhaupt nicht berücksichtigt wird.

Zuerst soll Caesars Darstellung der Katastrophe in den Kapiteln V 26-37, ihrem bloßen Inhalt nach, rekapituliert werden.

Nachdem die 15 Kohorten unter dem Kommando des Sabinus und Cotta in ihr Winterlager gekommen sind, bricht plötzlich ein Aufstand der Eburonen unter Ambiorix und Catuvolcus aus. Das Lager wird angegriffen, die Römer schlagen die Feinde zurück. Da bietet Ambiorix ein Gespräch de re communi an, zwei Unterhändler werden zu ihm geschickt. Ambiorix spricht wortreich davon, wie sehr er Caesar gegenüber verpflichtet ist; er habe das Lager nicht angreifen wollen, habe es aber unter dem Druck seines Stammes tun müssen, der sich wiederum dem gesamtgallischen Aufstand nicht entziehen konnte. Die Gallier haben für diesen Tag einen Angriff auf alle Winterlager Caesars angesetzt Ambiorix habe seine Verpflichtung den Galliern gegenüber erfülIt, jetzt denke er an seine Verpflichtung Caesar gegenüber: er bitte Sabinus, für seine und der Soldaten Sicherheit zu sorgen. In zwei Tagen würden angeheuerte Germanen vor seinem Lager stehen. Sabinus solle seine Truppen zum Winterlager des Cicero oder des Labienus führen, Ambiorix sagt ihm unter Eid freien Abzug zu. Das liege auch im Interesse der Eburonen, weil sie dadurch von der Belastung durch die überwinternde Truppe befreit würden (V 26-27).

Die Unterhändler berichten den Legaten. Diese sind repentina re perturbati, nehmen die Worte aus dem Mund des Feindes ernst, vor allem weil sie nicht glauben können) daß ein so unbedeutender Stamm wie die Eburonen von sich aus Krieg mit Rom wagen könnte. Sie bringen die Sache vor den Kriegsrat, dort gibt es eine große controversia. Cotta und mehrere Offiziere glauben, man dürfe nicht ohne Befehl Caesars das Lager verlassen, man könne munitis hibernis jeder Menge Germanen standhalten; inzwischen könne aus den nächsten Lagern und von Caesar Hilfe kommen; was ist schließlich leichtsinniger und schändlicher, als sich vom Feind den eigenen Entschluß vorgeben zu lassen.

Dagegen schreit Sabinus: wenn die Germanen erst einmal da sind, ist es zu spät. Caesar sei wohl schon nach Italien aufgebrochen, sonst hätten die Eburonen den Angriff nicht gewagt. Der Rhein ist nahe, die Germanen tragen den Tod des Ariovist und die letzten römischen Siege noch als Stachel in sich, und auch die Gallier schmerzt der Verlust ihrer Freiheit. Seine - des Sabinus - Meinung ist nach beiden Seiten sicher: wenn nichts Schlimmeres los ist, kommen sie ohne Gefahr zur nächsten Legion, wenn ganz Gallien mit den Germanen gemeinsame Sache: macht, liegt Rettung nur in der Schnelligkeit. Uberdies sei bei längerer Belagerung mit dem Hunger zu rechnen (V 28-29).

Auf den Widerstand Cottas und der primi ordines sagt Sabinus so laut, daß es auch ein großer Teil der Soldaten hören kann: "Ich bin es nicht, der am meisten Angst vor dem Sterben hat. Wenn etwas Schlimmeres passieren sollte, werden sie von Dir Rechenschaft fordern. Wenn Du nicht dagegen wärest, könnten sie, übermorgen mit denen in den nächsten Winterlagern vereint, gemeinsam mit den anderen dem standhalten, was der Krieg bringt, statt weit von den anderen abgeschnitten aut ferro aut fame zugrunde zu gehen" (V 30).

Die beiden Legaten werden gemahnt, einen gemeinsamen Entschluß zu finden, die Diskussion zieht sich bis Mitternacht hin. Dann gibt Cotta nach, die Meinung des Sabinus setzt sich durch. Für den frühen Morgen wird der Aufbruch angesetzt, die Soldaten bleiben wach und halten Ausschau, was sie mitnehmen können, was sie zurücklassen müssen. Man denkt sich alle möglichen Begründungen aus, die das Bleiben gefährlich erscheinen lassen. Beim Morgengrauen zieht man so aus dem Lager aus, als ob man den Rat nicht von einem Feind, sondern vom besten Freund bekommen hätte: in einem ganz langen Zug und mit sehr großem Gepäck (V 31).

Die Feinde warten inzwischen in einem Hinterhalt, die Römer gehen in ein waldiges Tal wie in eine Mausefalle. Sabinus, der nichts vorausgesehen hatte, begann zitternd hin und her zu laufen und Anordnungen zu geben, ängstlich und wie von allen guten Geistern verlassen. Doch Cotta, der damit gerechnet hatte, erfüllte seine Aufgaben als Befehlshaber und Soldat. Aber die an sich objektiv richtigen und notwendigen Maßnahmen verringerten nur die Hoffnung der eigenen Leute, steigerten die Zuversicht der Gegner. Zudem verließen die Soldaten ihre Feldzeichen und suchten im Troß nach den Dingen, die ihnen besonders lieb waren. Alles war von Geschrei und Weinen erfüllt. Die Barbaren dagegen gingen plaumäßig vor. Die Römer, vom Feldherrn und von Fortuna im Stich gelassen, setzten alle Hoffnung auf ihre virtus und kämpften tapfer. Deshalb änderte Ambiorix seine Taktik, aber trotz der widrigen Umstände und trotz vieler Wunden hielten die Römer bis zur achten Stunde stand, ohne etwas zu tun, was ihrer Ehre nicht angemessen wäre (hier hebt Caesar zwei Offiziere und Cotta besonders hervor, V 31-35).

Sabinus schickt seinen Dolmetscher - er heißt zufällig Pompeius - zu Ambiorix und bittet um Schonung. Ambiorix läßt Sabinus zu sich kommen und verbürgt sich für seine Sicherheit. Cotta weigert sich, Sabinus zu diesem Gespräch zu begleiten: er geht nicht zu einem bewaffneten Feind. Sabinus geht mit den tribuni und centuriones, die bei ihm waren, zu Ambiorix. Sabinus muß seine Waffen ablegen, während des Gesprächs wird er allmählich eingekreist und schließlich getötet. Cotta fällt im Kampf, mit dem größten Teil der Soldaten. Der Rest zieht sich ins Lager zurück, sie wehren sich bis zum Einbruch der Nacht gegen die Belagerer, in der Nacht töten sie sich selbst, desperata salute. Nur wenige konnten sich aus der Schlacht retten und sich zu Labienus durchschlagen. Sie informieren ihn über das, was geschehen ist (V 36-37).

Auf die Schilderung dieser Katastrophe des Sabinus und seiner Truppe folgt - als Ausgleich und Kontrast - V 38-52 der Bericht über den Angriff auf das Lager Ciceros. Dieser zweite Bericht verläuft in deutlicher Parallele zum ersten. Cicero wird von Eburonen, Nerviern, Atuatukern und deren socii und clientes angegriffen, der erste Anprall wird abgefangen, Cicero schickt sofort Briefe an Caesar und läßt in den Nächten die Befestigungen fertig ausbauen. Er selbst gönnt sich trotz zarter Gesundheit keine Nachtruhe (V 39-40). Die Fürsten der Nervier machen Cicero dasselbe Angebot wie Ambiorix dem Sabinus und Cotta (deren Schicksal die Nervii Cicero mitteilen). Cicero lehnt es als echter Römer ab, von einem bewaffneten Feind Bedingungen anzunehmen. Darauf bauen die Nervier, wie sie es von den Römern gelernt haben, einen Belagerungsring und Belagerungsmaschinen (V 41-42).

Am siebenten Tag der Belagerung setzen die Feinde das Lager in Brand, aber die Römer überstehen nicht nur diesen schwersten Tag dank ihrer virtus und praesentia animi, sondern sie fügen dem Feind große Verluste zu und treiben ihn zurück (V 43, V 44 enthält eine Erzählung über einen edlen Wettstreit zweier verfeindeter centuriones).

Je schwieriger die Situation der Belagerer wurde, um so häufiger wurden Briefe an Caesar gesandt, bis sich endlich ein Bote zu Caesar durchstehlen konnte. Caesar läßt sofort die Truppen aus drei Winterlagern in Marsch setzen, bricht selbst auf und kommt in Eilmärschen ins Gebiet der Nervier. Die Gallier geben die Belagerung auf und wenden sich Caesar zu. Nach einem längeren Taktieren gelingt es Caesar, die Feinde in die Flucht zu schlagen (V 45-51). Caesar erreicht das Lager des Cicero besichtigt voll Bewunderung die Belagerungsanlagen der Feinde, sieht mit eigenen Augen, was die römischen Legionäre geleistet haben, lobt Cicero und die Legion, zeichnet einige Offiziere besonders aus. Von Gefangenen erfährt er Näheres über Sabinus und Cotta. Er tröstet und stärkt die Soldaten Ciceros: der Verlust ist eingetreten culpa et temeritate legati; man müsse ihn mit einiger Gelassenheit ertragen, denn durch die Wohltat der Götter und durch die virtus von Ciceros Legion ist der Schaden gesühnt worden, den Feinden der Grund zu langer Freude und den eigenen Soldaten der Grund zu längerem Schmerz genommen (V 52).

Culpa et temeritate legati (V S2,6): niemand zweifelt, daß Caesar Sabinus gemeint hat. Sabinus ist der Sündenbock, dem die volle Last der Schuld aufgeladen wird, er ist als dux temerarius gezeichnet, charakterisiert u. a. durch sein hysterisches Verhalten im Kriegsrat und durch die Erregung, in der er die Emotionen der Soldaten anstatt den Verstand der höheren Ränge anspricht. In der Gefahr verliert er den Kopf und ist nicht in der Lage, seine Pflicht als Kommandant zu erfüllen. Feige ist er natürlich auch. Und dumm: er hat nichts geahnt, hat sich von Ambiorix täuschen lassen, so daß man sich fragen muß, ob ein Mensch so borniert sein kann. Er ist die böse Kraft, Opfer seiner Angst und Kurzsichtigkeit.

Und Cotta? Er ist die Kontrastfigur zu Sabinus, man hat ihn als biederen Haudegen gezeichnet gefunden, als redlichen Soldaten und Repräsentanten altrömischer Disziplin. Sein Fehler soll darin liegen, daß er trotz besserer Einsicht die Initiative aus der Hand gibt, resigniert und sich dem Sabinus fügt. Dadurch eliminiert er sich selbst. Jedenfalls kämpft er tapfer und fällt ehrenvoll.

Heute herrscht die Meinung vor, Sabinus und Cotta seien weniger persönlich als typisierend-situationsbedingt charakterisiert, beide Figuren seien funktional stilisiert, wobei die Stilisierung des Sabinus als dux temerarius das eigentliche Anliegen Caesars gewesen sei, Cotta nur als Kontrast und zur Verdeutlichung dienen sollte. Sabinus ist eine creation dramatigue, bestimmt, den Verlust eines Armeekorps zu erklären.

Damit ist die Frage berührt, warum Caesar Sabinus so gezeichnet hat und welche Absichten er mit V 26-37 verfolgt hat. Hinter dieser Frage steht die nächste: hat sich Caesar selbst die Schuld und Verantwortung für den Tod von zwei Legaten und 15 Kohorten zuschreiben müssen?

Das Gefühl ist verbreitet, daß Caesar von der eigenen Verantwortung ablenken will. Man hatte den Eindruck, daß es zumindest mit Caesars Organisation des Nachrichtenwesens nicht geklappt hat, daß Caesar auch deshalb schuldig war, weil die Verantwortung für die Moral der Unterfeldherrn und der Truppe immer beim Feldherrn liegt. Deshalb habe er sich Mühe gegeben klarzumachen, daß er bei der Wahl der Winterlager für die Sicherheit der Truppe: die absolut zweckmäßige Vorsorge getroffen hat. Indem er alle Schuld auf Sabinus gehäuft hat, wollte Caesar die Sache verkapseln, die Schlappe nicht nur militärisch, sondern auch psychisch überwinden und der Mit- und Nachwelt das Bild einer an sich weiterhin intakten Ordnung suggerieren. Die Härte seines Urteils über Sabinus wird psychologisch als Überkompensation erklärt, weil Caesar sich selbst für die Niederlage verantwortlich fühlte.

Weiter reichen die Vermutungen, Caesar habe nicht erkennen lassen wollen, daß der Angriff auf das Lager des Sabinus Teil einer im Jahr 54 bestehenden Aufstandsbewegung in ganz Gallien war: Caesar wollte einerseits die Brüchigkeit seines politischen Werkes, andererseits die desaströsen Folgen seines Generalstabsplans verdecken. Seine eigenen Fehler läßt er nach seiner bekannten Darstellungstechnik Ambiorix und Sabinus, den Feind und den Versager, aussprechen, um die an sich völlig berechtigte Kritik in den Augen der Leser zu desavouieren; die Kritik des Sabinus ist von vornherein abgewertet und widerlegt durch die vorangestellten Worte Cottas und der Offiziere. Die Erhebung von ganz Gallien, die Caesar V 53,4f. als Folge der Niederlage des Sabinus in Aussicht stellt, war in Wirklichkeit schon ausgebrochen.

Das ist sehr vieI, und alles ist wohl richtig. Trotzdem fehlen in dem Bild ganz wesentliche Elemente, und das liegt an der überraschenden Tatsache, daß bisher offensichtlich niemand, der V 26-37 interpretiert hat, das Kapitel V 24 beachtet hat. Das mag daran liegen, daß Caesar V 24 nur angibt, welche Truppen mit welchen Legaten er wohin ins Winterlager geschickt hat: ein "technischer" Text, routinemäBige Angaben wie öfter im bellum Gallicum. Und niemand hat genau, wenn überhaupt, die Auftritte untersucht, die Caesar dem Sabinus und Cotta in den Büchern II-IV gibt.

V 24 erklärt Caesar, daß er nach der Rückkehr aus Britannien in diesem Jahr gezwungen war, das Heer anders als sonst auf die Winterlager zu verteilen: weil wegen der Trockenheit in diesem Jahr Getreide weniger reichlich zur Verfügung stand, mußte er die Legionen auf mehrere Stämme verteilen. Eine Legion ließ er durch den Legaten C. Fabius ins Gebiet der Moriner führen, eine durch Q. Cicero zu den Nerviern, eine dritte durch L. Roscius zu den Esuviern, der vierten befahl er, mit T. Labienus bei den Remern an der Grenze zu den Treverern zu überwintern. Drei Legionen verlegte er ins Gebiet der Belgier, ihnen gab er als Kommandanten den Praetor M. Crassus sowie die Legaten L. Munatius Plancus und C. Trebonius.

Das ist detaillierter als die bisher gewohnten Angaben über die Verlegung der Truppen in die WinterIager (I 54,2; II 35,2; III 29,2; IV 28,4), erklärt sich aber aus dem Anfangssatz. Doch nun wird Caesar wortreich und das hätte auffallen und die Interpreten stutzig machen müssen: V 24,4-5 Unam legionem, quam proxime trans Padum conscripserat, et cohortis V in Eburones, quorum pars maxima est inter Mosam ac Rhenum, qui sub imperio Ambiorigis et Catuvolci erant, misit. Eis militibus Q. Titurium Sabinum et L. Aurunculeium Cottam legatos praeesse iussit.

Caesar fährt in V 24 fort, durch diese Verteilung habe er geglaubt, dem Getreidemangel am besten beikommen zu können. Trotzdem waren die Winterlager aller Legionen - mit Ausnahme der Legion, die er durch L. Roscius in eine völlig befriedete und ganz ruhige Gegend hatte führen lassen - auf einer Strecke von nur hundert Meilen untergebracht. Er selbst, Caesar, beschloß, sich in Gallien aufzuhalten, bis er erfahren hätte, daß die Legionen untergebracht und die Lager befestigt sind.

Eines ist auf den ersten Blick klar: die angeblichen oder tatsächlichen Versorgungsschwierigkeiten sind höchstens ein zusätzlicher: Grund, wahrscheinlich nur ein Vorwand für die ungewöhnliche Verteilung der 8 1/2 Legionen. Wenn Caesar sagt, er habe Roscius in ein ganz ruhiges Gebiet geschickt, bedeutet dies, daß die anderen Gebiete weder pacatae noch quietae waren. Daß die restlichen 71/2 Legionen trotz der Aufteilung nicht zu weit voneinander entfernt lagen, ist kein logistisches Argument, sondern ein strategisches. Vollends der Schluß von V 24, die Ankündigung, daß Caesar bis zur Nachricht von der Unterbringung der Legionen und der Befestigung der Lager in Gallien bleibt, verrät ganz deutlich, daß etwas in der Luft liegt.

Bereits vor dem Aufbruch nach Britannien begründet Caesar seine Vorsichtsmaßnahmen damit, daß er einen motus Galliae befürchtete (V 5,4). Voraus geht sein Unternehmen gegen die Treverer (V 2,4ff.). Sein Versuch einer politischen Lösung durch die Einsetzung des Cingetorix als Regenten bei den Treverern führte dazu, daß er sich die Feindschaft des Indutiomarus zuzog. Indutiomarus zog sich mit seinen Truppen in die silva Arduenna zurück (V 3,4): er war vorher schon Feind der Römer, durch deren Paktieren mit Cingetorix multo gravius hoc dolore exarsit (V 4,4). Auch das klingt ganz deutlich nach einem aufziehenden Gewitter.

Caesar trennt zusammenhängende Aussagen, und er rechnet damit, daß seine Leser (und seine späteren Interpreten) in der Mitte des fünften Buches das Donnergrollen vom Anfang bereits vergessen haben. Anderes trägt er nach, so daß es der Leser erst erfährt, wenn er V 24 bereits gelesen und darin nichts Bemerkenswertes gefunden hat: daß nicht nur die unbedeutenden Eburonen, sondern die Karnuten, die Nervier, die Aduatuker und viele andere Stämme in einer gemeinsamen, vorher geplanten Aktion die römischen Lager angegriffen haben, daß ein Eingreifen der Germanen innerhalb von zwei Tagen drohte, daß Ambiorix und Indutiomarus die Häupter der Bewegung waren (V 25,1ff.; 26,1f.; 27,4f.,8; 38,1f.; 39,1,3; 41,3; 37,4f.). Seine Legaten werden allerdings die Lage gekannt und richtig eingeschätzt haben, als Caesar sie in die Winterlager in Marsch setzte.

Und damit zurück zu V 24,4f. sowie zu Sabinus, Cotta und ihren 15 Kohorten. Caesar schickt eine Legion, die er proxime in der Transpadana ausgehoben hatte, und 5 Kohorten in das Gebiet der Eburonen, die unter der Regierung des Ambiorix und Catuvolcus standen. V 26,1 trägt Caesar nach, daß diese beiden die Häupter der Aufstandsbewegung waren und daß der erste Angriff auf römische Winterlager in ihrem Gebiet stattfand (zuerst hatten sie Sabinus und Cotta an der Grenze ihres Gebietes empfangen und Getreide ins Winterlager geliefert). Caesar schickt also eine unerfahrene Truppe gerade in das Kerngebiet des Aufstandes. Um diese Tatsache richtig zu bewerten, muß man bedenken, wie Caesar selbst und seine rechte Hand Labienus neu ausgehobene Legionen einsetzen: sie setzen sie nicht in der Schlacht ein, sondern übertragen ihnen den Schutz des Trosses und des Gepäcks oder halten sie in Reserve (I 24,3; II 8,5, VI 32,6; VII 57,1; vgl. auch VII= 60,2).

Ein Blick auf die Landkarte zeigt, wohin Caesar Sabinus und Cotta mit dieser Truppe geschickt hat: in die exponierteste Lage im äußersten Nordosten, in die Nähe des Rheins, in die Nähe der Usipeter und Tenkterer, die eine Rechnung aus dem: Vorjahr zu begleichen hatten, und in die Nähe der Arduenna silva in der Indutiomarus mit seinen Truppen steckte. Und eben in das Kerngebiet des Aufstandes, in das Reich des Ambiorix. Man fragt sich, warum Caesar die Neulinge nicht dorthin geschickt hat, wohin er den Roscius verlegt hatte, in pacatissimam et quietissirmam partem.

Jetzt bekommt auch der Satz Profil: Eis militibus Q. Titurium Sabinum et L. Auruncaleium Cottum legatos proeesse iussit. Die Aussage "praeesse iussit" ist bei Caesar singulär, aber sie ist niemandem aufgefallen. Caesar mußte den beiden den Befehl geben, dieses Kommando zu übernehmen und in dieses Gebiet zu gehen. Das klingt, als ob sie sich geweigert hätten, und man könnte es verstehen, wenn sie und daß sie das getan haben. Sie haben wohl gewußt, daß sie auf ein Himmelfahrtskommando geschickt werden.

Wo war Caesar, als das Lager des Sabinus und Cotta überfallen wurde, und in welchem Zustand war das Lager zu diesem Zeitpunkt?

Man hat richtig festgestellt, daß mit dem Ende von V 25 Caesar aus dem Blickfeld verschwindet und der Leser im unklaren gelassen wird, wo Caesar wirklich ist, ob er noch in Samarobriva ist oder bereits auf dem Weg in die Gallia citerior. Sabinus glaubt, daß er bereits abgereist ist: (V 29,2), Cicero mußte wissen, wo er war, weil er ihm Nachrichten sandte. Man hat geglaubt, daß Sabinus mit seiner Folgerung aus den Tatsachen subjektiv recht hatte.

Caesar sagt am Ende von V 24, daß er in Gallien bleiben werde, bis er erfahren hat, daß die Truppen an ihrem Ort sind und die Winterlager befestigt sind. V 25,5 sagt er, daß er von allen benachrichtigt wurde, daß man in die Winterlager gekommen und daß die Stelle für die Winterlager befestigt sei: munita hiberna 24,8 - locum hibernis munitum 25,5! Vielleicht hatte es Caesar eilig wegzukommen und ist schon auf eine erste Nachricht vom Ankommen der Legionen an ihren Standorten abgereist, ohne die Nachricht abzuwarten, daß die Befestigungsarbeiten in allen Lagern abgeschlossen waren.

Nach der Ankunft in die Winterlager vergehen rund zwei Wochen bis zum Ausbruch des Aufstandes (V 26,1). Die ersten Römer, auf die die Angreifer stießen, waren lignatores aus dem Lager des Sabinus und Cotta. Auch diese lignatores in 26,2 sind bisher übersehen worden. Was hatten sie zu tun? Man wird sich gedacht haben, daß sie Brennholz zu sammeln haben. Beim Überfall auf das Lager Ciceros heißt es V 39,2 huic quoque accidit . . . ut nonnulli milites, qui lignationis munitionisque causa an salvas discessissent, repentino equitum adventu interciperentur. Ciceros Soldaten hatten also Bauholz für die Befestigungen zu holen, und daß sein Lager noch nicht fertig befestigt war, geht aus 40,2 mit aller Deutlichkeit hervor. Cicero aber wurde erst einige Tage nach Sabinus angegriffen, und Sabinus hatte zudem noch den längeren Weg zu seinem Standort zurückzulegen. Sein Lager war zum Zeitpunkt des Angriffs also noch weniger befestigt als das Ciceros.

Ist dies festgestellt, rückt V 28,4 in ein neues Licht. Cotta und einige Offiziere halten im Kriegsrat dem Sabinus vor, es könne jeder Menge Germanen standgehalten werden munitis hibernis. Man hat den ablativus absolututs kausal aufgefaßt ("weil das Lager befestigt ist"), aber der Kontext zeigt, daß er konditional zu verstehen ist ("wenn das Lager befestigt ist". Doch zur Vollendung der Befestigung blieben nur noch zwei Tage (27,8). Jetzt wird klar, warum Caesar zwischen munita hiberna 24,8 und locum hibernis munitum 25,5 so fein differenziert. Sabinus hatte guten Grund zu glauben, daß Caesar bereits aufgebrochen war. Und es ist verständlich, daß er sich mit dieser Truppe nicht einer Belagerung in einem noch nicht fertig befestigen Winterquartier aussetzen wollte.

Von 24,4 aus wird auch das von Caesar so beißend scharf gegeißelte Verhalten der Soldaten verständlich: bei der Ankündigung, daß am Morgen aufgebrochen wird, denken die Soldaten zuerst an ihren persönlichen Besitz, was sie mitnehmen können, was sie zurücklassen müssen (V 3,4); bei der befohlenen Aufstellung zum Abwehrkampf geschah, was geschehen mußte, die Soldaten liefen von ihren Feldzeichen weg und versuchten, die Dinge, die ihnen am teuersten waren, aus dem Troß zuholen (V 33,6). Es waren eben keine Soldaten, die schon lange im Krieg standen, sondern Neulinge, die bei ihrem Aufbruch ins Feld Erinnerungsstücke an die Heimat und an ihre Lieben mitgenommen hatten und die sich von diesen carissima nicht trennen konnten.

Nach dieser beißenden Schilderung der "Disziplinlosigkeit" der Soldaten wirkt das Lob für die Tapferkeit der Truppe und der heldenhafte Selbstmord des Restes (35,5; 37,6) ziemlich aufgesetzt. Auch die Darstellung der Soldaten ist nicht ein "naturalistisches Porträit", sondern funktionalisiert: die Disziplinlosigkeit soll das Versagen des Sabinus als Befehlshaber zeigen, die Tapferkeit, das Standhalten und das ehrenvolle Verhalten der Soldaten einen Kontrast bilden zu dessen Feigheit und ehrlosem Verhalten.

Wer sind die beiden Legaten, die Caesar zwingt, das Himmelfahrtskommando zu übernehmen? Caesar läßt Sabinus und Cotta in den Büchern II-IV mehrmals auftreten, und er scheint dadurch stufenweise ihren Abgang vorzubereiten.

Sabinus wird II 5,6 mit sechs Kohorten zum Schutz eines Brückenkopfes aufgestellt. Caesar berichtet, daß die Feinde planten, das castellum des Sabinus anzugreifen (II, 9,4). Von Sabinus benachrichtigt, führt Caesar sofort Truppen gegen sie (II 10,1): Caesar certior factus ab Titurio. . . traducit. . . contendit. Es mag mit der im zweiten Buch noch vorherrschenden personalen Erzählweise zusammenhängen, daß sofort Caesar als der Handelnde auftritt. Sabinus leistet aus der Sicht Caesars nicht mehr, als daß er eine Meldung erstattet. Weiter kein Wort über ihn. Kurz darauf wird Cotta erwähnt (II 11,3): zusammen mit Q. Pedius wird er den abziehenden Feinden nachgeschickt.

Im dritten Kriegsjahr, bei den Operationen im Westen und Südwesten, wird Sabinus mit drei Legionen in das Gebiet der Veneller, Kuriosoliten und Lexovier geschickt mit dem Auftrag, diese Stämme an der Konzentrierung ihrer Streitkräfte zu hindern: er soll wie Labienus und P. Crassus der gegen die Veneter gerichteten Hauptaktion Flankenschutz geben (III 11 4).

Sabinus schlägt sein Lager im Gebiet der Veneller auf, er wird dort belagert und schließlich angegriffen, er erringt aber einen völligen Sieg: alle Stämme ergeben sich ihm (III 17-19). Caesar stellt diesen Sieg auf eine Stufe mit dem Seesieg über die Veneter: sic uno tempore et de navali pugna Sabinus et de Sabini victoria Caesar certior factus est (III 19,5).

Das klingt sehr positiv und günstig für Sabinus sind auch viele Einzelheiten dieses Berichtes. Sabinus hat einen geeigneten Platz für das Lager gewählt, er nimmt die mehrmals angebotene Schlacht nicht an, weil er noch keinen Vorteil sieht (17,5; 7). Beim Angriff auf sein Lager gibt er im richtigen Augenblick den Befehl zu einem Ausfall, der zum vollen Erfolg führt (19, 2).

Den Angriff auf sein Lager hat Sabinus provoziert. Er hat dadurch, daß er sich nicht zu einer Schlacht gestellt hat, dem Feind den Eindruck gegeben, daß er Angst hat. Diese opinio timoris kann an sich in Caesars: Augen nicht negativ beurteilt werden, denn Caesar selbst und auch Labienus haben diese psychologische Pinte eingesetzt (V 50,3; 57,4). Schließlich hat Sabinus einen Gallier aus seinem Lager als falschen Uberläufer zu den Peinden geschickt und ihnen insinuiert, Sabinus werde in der Nacht heimlich aus dem Lager abziehen, um dem bedrängten Caesar Hilfe zu bringen. Die Feinde wollen sich die günstige Gelegenheit nicht entgehen lassen und beschließen, das Lager sofort anzugreifen

Auch diese Kriegslist muß kein Grund sein, Sabinus zu verachten: Themistokles hat es ähnlich gemacht. Dennoch sind; diese drei Kapitel voll von saftigen Ohrfeigen für Sabinus.

Caesar stellt gleich am Anfang fest, daß Sabinus mit Caesars Truppen operiert: cum eis copiis, quas a Caesare acceperat (III 17,1). Sabinus hat nicht nur beim Feind die opinio timoris erweckt, die eigenen Soldaten haben ihn deshalb ziemlich kritisiert (Caesar sagt nostrorum militum vocibus, 17,5, und legt damit einen Schnitt zwischen Sabinus und die Soldaten): Sabinus hat wirklich Angst gehabt. Den Erfolg im Kampf verdankt er der Dummheit seiner Gegner sie: sind in ihrer Unerfahrenheit im vollen Lauf den Anstieg zum Lager hinaufgerannt exanimatique pervenerunt, zumal sie noch Holz hinaufschleppten, um den Graben auszufüllen. Dadurch war ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt (19, 1 3; 18,8). Und überhaupt: die Truppen der Feinde setzten sich zu einem großen Teil aus Desperados, Räubern und arbeitsscheuem Gesindel zusammen, das von überallher zusammengelaufen war (17,4). Daß sich die Stämme dem Sabinus ergaben, kommentiert Caesar mit der Psychologie der Gallier: sie sind schnell bereit, einen Krieg vom Zaun zu brechen, aber sie sind weich und halten keine Rückschläge: aus (19,6).

Sabinus ist einer Schlacht zuerst auch deshalb ausgewichen, weil er glaubte, als Legat dürfe er sich ohne den Oberbefehlshaber auf keinen Kampf einlassen (17,7). Sigmund Freud hätte seine Freude daran gehabt, daß Sabinus den Feinden in seiner Trugbotschaft weismacht, er müsse zu Caesar aufbrechen. Die List des Sabinus in II 18 ist ein Gegenstück zu der List des Ambiorix, auf die Sabinus selbst hereinfällt. Und wie dort die Soldaten des Sabinus sich selbst betrügen und sich einreden, nur im Abzug liege die Rettung (V 31,5, vgl. 29,6), so betrügen die Gallier sich hier selbst mit dem Glauben, sie hätten den Sieg schon in der Tasche: was man sich wünscht, glaubt man gern (III 18,6-8).

Beim Aufbruch zur ersten Expedition nach Britannien läßt Caesar Sabinus und Cotta auf dem Festland zurück, er schickt sie mit dem Rest des Heeres, wahrscheinlich fünf Legionen, in das Gebiet der Menapier und in die Gaue der Moriner, die bis dahin noch keine Gesandten zu Caesar gesandt hatten (IV 22,5): Sabinus und Cotta führen gemeinsam ein Kommando.

Bei der Rückfahrt aus Britannien werden zwei Transportschiffe abgetrieben und landen etwas unterhalb der Häfen (IV 36,2). Die ans Land ausgeschifften Soldaten, ungefähr 300, werden von Morinern angegriffen, zuerst von wenigen, aber bald waren es 6000 Moriner. Caesar schickt die ganze Reiterei zu Hilfe (IV 37). Wo waren Sabinus und Cotta, die doch in diesem Gebiet zu operieren hatten? Caesar schickt am nächsten Tag den Labienus mit den zwei Legionen, die er aus Britannien zurückgeführt hatte, in das Gebiet der aufständischen Moriner; ziemlich alle ergeben sich (IV 38,1).

Hier schließt Caesar mit einem schneidend scharfen "at" an: "Dagegen zogen sich die Herren Legaten Sabinus und Cotta, die ihre Legionen in das Gebiet der Menapier geführt hatten, nachdem sie alle Felder verwüstet, das Getreide abgehauen und die Häuser in Brand gesteckt hatten, weil sich alle Menapier in den dichten Wäldern versteckt hatten, zu Caesar zurück".

Sabinus und Cotta haben sich gehütet, das gefährliche Gebiet der Moriner zu betreten (wozu sie den Auftrag hatten), sie waren sicher froh, daß die Menapier in die Wälder gingen, und so haben sie ohne großes Risiko mit fünf Legionen gegen Äcker, Weizenfelder und leere Häuser Krieg geführt. Und dann: zurück zu Caesar.

Man muß dieses Bild des Sabinus und Cotta, wie es Caesar zeichnet, vor Augen haben und dann, nur ca. zwölf Druckseiten nach IV 38, das Kapitel V 24 lesen. Nicht nur, daß Caesar eine neu ausgehobene Legion an den exponiertesten Posten in das Zentrum des Aufstandes versetzt, er gibt ihr auch zwei Kommandanten, von deren militärisch-strategischen Fähigkeiten, von deren Führungsqualitäten und Einsatzbereitschaft er selbst nicht überzeugt sein konnte. Er muß ihnen befehlen, auf diesen Posten zu gehen. Die Truppe wird, wie nicht anders zu erwarten war, aufgerieben, beide Legaten fallen. Caesar malt - Zeugen brauchte er nicht zu fürchten - in schwärzesten Farben ein Bild von dem katastrophalen Versagen des Sabinus. Er hört auch nicht auf, später auf Sabinus einzuhacken (V 52,6; 53,4; VI 37,8). VI 32,4f. berichtet er, daß er Cicero mit dem Troß in dieses Lager gesetzt hat: die Befestigungen aus dem Vorjahr waren noch unversehrt.

Daß Caesar mit der Anschwärzung und der scharfen Verurteilung des Sabinus sich selbst reinwaschen wollte, ist öfter gesagt worden. Als Grund ist vermutet worden, daß er die Brüchigkeit seiner politischen Maßnahmen oder die schlechte Logistik oder seine verfehlte Strategie oder seine falsche Einschätzung des Sabinus vertuschen wollte. Aber könnte es nicht auch sein, daß Caesar sich deshalb so wild gebärdete, weil er seinen gelungenen strategischen Plan und seine Zufriedenheit über dessen Gelingen hinter seiner zur Schau getragenen Entrüstung über das angebliche Versagen des Sabinus verbergen wollte?

Caesar konnte voraussehen, daß der Aufstand ausbrechen wird und wo er ausbrechen wird. Er setzt an diese Stelle die schlechteste, weil unerfahrenste Truppe und zwei Legaten als Kanonenfutter. Der Verlust ist einkalkuliert, strategisch genügt es, wenn diese Truppe den Feind einige Tage aufhält und ihm einige Verluste zufügt (das geschah auch: V 34,2). Uber den Verlust von 1 1/2 Legionen hat Caesar sich schnell getröstet, er konnte ihn innenpolitisch ausnützen, indem er sich von Pompeius dafür zwei neue geben ließ. Eine dritte ließ er noch dazu ausheben, und der Verlust war überkompensiert, wie er befriedigt feststellt (VI 1).

Gab es für Caesar vielleicht auch einen politischen Grund, Sabinus und mit ihm Cotta abschießen zu lassen? Leider ist zu wenig über beide bekannt, doch das, was bekannt ist, und das, was sich vermuten läßt, ist interessant.

Der Vater des Q. Titurius Sabinus stand, wahrscheinlich 87 v. Chr., im Dienste Sullas. Politisch stand er also, von Caesar aus gesehen, auf der anderen Seite. In einem Fragment aus den Historien Sallusts (II 94 M) wird ein Titurius als Legat des Pompeius in Spanien genannt: Titurium legatum cum cohortibus quindecim in Celtiberia hiemem agere iussit ... Das war im Jahr 75, auch im Legaten des Pompeius sieht man den Vater von Caesars Titurius Sabinus. Hinter Titurius Sabinus kommt Pompeius in den Blick.

Pompeius hat sich durch seine vielen imperia einen festen Stamm von Lega ten geschaffen. Einige davon soll er im Jahr 58 Caesar geliehen haben, bevor dieser seit 56 selbst zehn Legaten ernennen konnte. 58 hatte Caesar fünf Legaten: Labienus, seinen Neffen Pedius, Sabinus, Cotta und Galba. Sabinus, Cotta und Galba sind wahrscheinlich diejenigen, die Pompeius Caesar "geliehen" hat. 54 setzte Pompeius das erste Signal für den Kampf um die Macht in Rom. er ging als Prokonsul nicht in seine Provinz, sondern blieb in Italien. Caesar konterte zu Beginn des Jahres 53, indem er sich von ihm 2 Legionen geben ließ, natürlich aus Freundschaft und aus gemeinsamem Interesse am Staat (VI 1,3f.): es war der Ersatz für die unter Sabinus im Jahr 54 verlorenen 1 1/2 Legionen!

War Sabinus ein Mann des Pompeius im Heere Caesars? Hatte Caesar Grund, Sabinus zu mißtrauen? Was er IV 38 zum Jahr 55 von ihm und Cotta berichtet, sieht nach Obstruktion aus. 54 mußte ihn das Verhalten des Pompeius sehr beunruhigen, und es mußte für ihn ein unangenehmes Gefühl sein, einen Mann (vielleicht auch zwei) des Pompeius als Legaten bei sich zu haben. Vielleicht hatte Caesar einen politischen Grund, Sabinus auf ein Himmelfahrtskommando zu schicken.



(Es wird andere Wege gegeben haben, unbequeme Legaten loszuwerden und gleichzeitig mehrere wertvolle Cohorten zu opfern. Es hätte die Ermordung des Q. Sabinus genügt, A. Cotta wäre linientreu geblieben. Zudem befand sich T. Labienus in seinem Standort bei den Treverern in einer noch prekäreren Situation als Sabinus. Anm. des Webmasters)



Antiquarisch:
Dissertatiunculae criticae
Königshausen&Neumann 1998
ISBN 3-8260-1496-0



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