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| DIE DARSTELLUNG DES AMBIORIX BEI CAESAR |
Freitag, 30. 07. 2010 |
Aus: Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Fakultät für Orientalistik und Altertumswissenschaft der Ruprecht-Karl-Universität zu Heidelberg. Vorgelegt von Demetrios E. Koutroubas/Griechenland 1972
In der vorliegenden Arbeit wird versucht, wie Caesar seine großen Gegner und die Völker in seinen Kommentarien über den Gallischen Krieg (1) darstellt.
Bei unserer Darstellung werden wir nicht nur immer wieder bestimmte Züge feststellen, sondern es wird auch ein latenter Vergleich zwischen den feindlichen Führern und Caesar einerseits und anderseites zwischen den barbarischen Truppen und Völkern und den Römern zutage treten. Es ist ein stillschweigender Vergleich, den Caesar seinen Lesern nahelegt (2).
Weil Caesar dabei die Wertungen seines Publikums immer gegenwärtigt hat, schreibt dieses Publikum gleichsam an seiner Darstellung mit. Eindeutig ist, dass Caesar mit der Darstellung seiner Gegner ein Stück Selbstdarstellung treibt.
Wir greifen damit eine Anregung auf, vertiefen sie und stellen sie in größere Zusammenhänge, die Otto Seel in seinem Ambiorix gegeben hat. Es sagt da (S. 334): "Das Bellum Gallicum ist vielmehr die zu geistiger Form und Gestalt erhobene Selbstpräsentation eines der geprägtesten und prägensten Römer. Sein Bericht ist gewiß alles andere als eine naive Reportage; sicherlich hat er die erlebte Wirklichkeit auf sich selber - und, was ihm das gleiche galt: auf Rom - zugeordnet.
Die einzelnen Gegner stellen sich Caesar im Verlauf der Feldzüge entgegen. Das Bild aber, das Caesar von Ihnen entwirft, soll jeweils gewisse Züge an Caesar und den Römern illustrieren, in denen sie den Gegner überlegen sind. Die Darstellung der Feinde ist somit indirekte Bestätigung von Caesars und der Römer Überlegenheit. Die Fähigkeiten, dei Caesar bei seinen Gegnern anerkannte, sind ein Hinweis auf die Überlegenheit Caesars und der Römer. Denn Caesar hat alle diese sehr fähigen Gegner überwunden. Auch die Fehler der Feinde sind der Kontrasthintergrund, vor dem sich die römische Disziplin und Überlegenheit abhebt. Denn jeder Fehler und jeder Mangel an Fähigkeiten beim Gegner weist auf eine entspechende virtus bei Caesar und seinen Soldaten. So wird Caesars Darstellung indirekt auch zu einem Lobe Caesars und der Größe Roms.
Obwohl nun, wie gesagt, die Gegner über große Fähigkeiten verfügen, sind sie doch auch als tyrannisch, barbarisch, maßlos, übermütig und großmäulig dargestellt. Wegen ihres Übermutes und ihres Prahlens werden sie endlich von der göttlichen Nemesis bestraft und erniedrigt. Ähnliche Züge haben auch die gegnerischen Truppen und Völker.
Diese Darstellung der Feinde ist dann zugleich auch eine moralische Rechtfertigung der römischen Unternehmungen in Gallien, die einerseits als bella iusta stilisiert werden, andererseits als ein Sieg der Disziplin und Zivilisation über die Barbarei verstanden werden sollten.
In ähnlicher Weise hat Herodot die Völker Asiens und Griechenlands dargestellt. Wegen ihrer Überlegenheit konnten die Perser die Völker Asiens besiegen. Die Perser aber unterliegen schließlich den Griechen, die ihnen in Disziplin, Tapferkeit und Zivilisation überlegen waren. Heutzutage (Frühjahr 2003) hat die aktuelle Supermacht diese Einstellung unternommen und posaunt lauthals ihre Überlegenheit und Macht durch den Äther.
Caesar folgt der Tradition der historischen Synkrisis (vor allem der des Herodot), wenn er in seiner historischen Schrift zu diesem latenten Vergleich zwischen Rom und dem Barbarentum kommt.
Im den folgenden Kapitel wird die Darstellung von Ambiorix und von dem Volk, zu dem dieser Heerführer (den Eburonen) gehört, behandelt.
Ambiorix. Der listige Gegner.
Der Fürst der belgischen Eburonen, Ambiorix, nimmt einen vorrangigen Platz unter den Gegnern Caesars ein, die im Bellum Gallicum erwähnt werden. Ambiorix ist der erste Barbarenführer, der durch die vollständige Vernichtung der Truppen der Legaten Q. Titurius Sabinus und L. Aurunculeius Cotta (1,1/2 Legionen) den ersten großen gallischen Sieg gegen die Römer errang (vgl. V, 37 f.). Deshalb zog Ambiorix den biitersten Groll Caesars auf sich. Caesar wollte sich um jeden Preis rächen; und sein Groll gegen die Eburonen und Ambiorix (vgl. VI, 34, 5 ff.) beherrschten das VI. Buch der Kommentarien (3).
Die Person des Ambiorix wird zu einer dominierenden Figur in der zweiten Hälfte des 5. Buches und im ganzen 6. Buch des BG. Es ist interessant zu sehen, wie Caesar diesen Todfeind darstellt und welche Pinselstriche im einzelnen er diesem Portrait abgibt.
Der Name Ambiorix kommt zum ersten Mal in V, 24, 4 vor. Dort sagt Caesar, dass 15 Cohorten im Land der Eburonen überwinterten, ein Stamm, der unter der Herrschaft des Ambiorix und Catuvolcus stand. In V, 26, 1 f. wird berichtet, dass eine unvermutete Empörung gegen die Römer begann, deren Anstifer Ambiorix und Catuvolcus waren (4): ... initium repentini tumultus ac defectionis ortum est ab Ambiorigi et Catuvolco; qui, cum ad fines regni sui Sabino Cottaeque praesto fuissent ... Indutiomari Treveri nuntiis impulsi auos concitaverunt subitoque oppressis lignatoribus magna manu ad castra oppugnanda venerunt.
Schon durch die Wörter tumultus (5), defectio, regnum wird die Person und das Unternehmen des Gegners negativ gekennzeichnet. Ambiorix, war ein rex (also ein Despot) und ein gefährlicher Rebell, der einen plötzlichen Aufstand gegen die römischen Legionen genau in diesem Moment führte, als er die Rolle eines Freundes der Römer spielte.
Ambiorix wird also als ein hinterlistiger Mensch und als ein heimtückischer und gefährlicher Feind dargestellt. Seine Klugheit und Beredsamkeit machen ihn noch gefährlicher.
In V, 27 wird Ambiorix als ein geschickter Redner und Diplomat geschildert. Wo er sich den Weg mit den Waffen nicht öffnen kann (vgl. V,26,3 f.), benutzt er Klugheit und List. Er stellt sich freundlich und verhandlungsbereit: habere sese quae de re communi dicere vellent, quibus rebus controversias minui posse sperarent (V, 26, 4).
Ambiorix verteidigt mit Beredsamkeit seine Position und rechtfertigt seinen Aufstand. Seine Fähigkeit liegt darin, daß er auch die Schwäche seines Stammes zu einem starken Argument für sich macht: civitati porro hanc fuisse belli causam, quod repentinae Gallorum coniurationi resistere non potuerit. Id se facile ex humilitate sua probare posse, quod non adeo sit imperitus rerum, ut suis copiis populum Romanum superari posse confidat (V, 27, 4). Der Eburonenstamm sei so klein und schwach, dass er sich weder der gallischen Verschwörung entziehen könne, noch die Römer zu besiegen hoffe. Dieses Argument erscheint dem einen der römischen Legaten glaubwürdig und ist der Ursprung des verderblichen Streites, der im römischen Lager entstand (V, 28, 1 f.) (6)
Ambiorix versucht auch durch Schmeichelei (er sei überzeugt, dass er mit seiner kleinen Macht keineswegs das große römische Volk überwinden könne) das Vertrauen des Gegners zu gewinnen. Seinen Aufstand und seinen Angriff auf das römische Lager stellt er als einen Zwang von seiten seines Stammes und der übrigen Gallier dar (V, 27, 3 ff.) (7)
Damit will Ambiorix sagen, dass er nur gezwungen an dem Angriff auf das römische Lager teilgenommen hatte. Seine Seele und seine Gesinnung blieben immer den Römern ergeben. Er sei Caesar für die ihm erwiesenen Dienste immer verbunden und dankbar: sese (Ambiorigem) pro Caesaris in se beneficiis plurimum ei confiteri debere (V, 27, 2). Bei dem Aufstande seines Stammes befände sich Ambiorix in einem moralischen Dilemma: Sollte er dem Befehl des Vaterlandes gehorchen (V, 27, 3) oder seinen Freund Caesar treu bleiben? Jetzt aber habe er einen Ausweg aus diesem Dilemma gefunden: Nachdem er seine Patriotenpflicht voll erfüllt habe, könne er auf die Freundschaft mit Caesar Rücksicht nehmen (V, 27, 7). Er ermahne also und bitte als Gastfreund den Titurius, die Legion innerhalb von zwei Tagen (denn dann kämen die Germanen) entweder zu Cicero oder zu Labienus zu führen. Das sollte möglichst schnell geschehen, damit die Nachbarvölker den Verrat des Ambiorix nicht bemerken (V, 27, 7 ff.). Endlich verspreche er und garantiere mit einem Eid, dass er ihnen freien Durchzug durch sein Land gewähren werde (V, 27, 10).
So wird Ambiorix als ein Meister der Psychologie und der Argumentation geschildert. Er versucht Vortäuschen von Furcht und Schwäche (V, 27, 3 f.; 7 u. 9) und durch Beteuerung von Treue (V, 27, 2; 7; 10 f.) das Vertrauen seines Gegners zu gewinnen und ihn in die Falle zu locken. Dieselbe Methode versucht Ambiorix auch gegenüber Q. Cicero, hat da aber keinen Erfolg (V, 41).
Gleichzeitig wird Ambiorix durch diese Darstellung als listig, undankbar, untreu und moralisch schlecht bezeichnet. Der Gebrauch von Listen ist natürlich im Krieg erlaubt, wie man aus Caesars Verhalten schließen kann. (8). Die Undankbarkeit aber, die Untreue, die Verletzung der Freundschaft und der Gastfreundschaft (V, 27, 2; 7 u. 10; V, 36, 2) sind Eigenschaften (9), die die Persönlichkeit des Gegners in ein schlechtes Licht setzen.
Ambiorix ist gegenüber seinem Wohltäter Caesar undankbar, der seinen Sohn und seinen Neffen von der Gefangenschaft, und seinen Stamm von der Tributpflicht gegenüber den Atuatukern befreit hat (V, 27, 2). Genauso verurteilungswert ist die Treulosigkeit des Ambiorix gegenüber seinem Gastfreund Titurius Sabinus (V, 27,7; V,36,2). Ambiorix hält sein Wort nicht und er ist meineidig: illum se polliceri et iure iure iurando confirmare, tutum iter per fines darurum (V,27,10). Ipsi vero hihil nocitum iri, inque eam rem se suam fidem interponere (V,36,2).
Ambiorix hat also kein Ehrenwort, keine Zuverlässigkeit und keine fides (10). Da die fides zu den wichtigsten römischen Wertbegriffen gehörte, wird Ambiorix durch seine perfidia als moralisch minderwertig gezeichnet. Seine Treulosigkeit und sein Meineid machen Ambiorix zu einer unheimlichen Figur, die den göttlichen und menschlichen Abscheu hervorruft. Genau das ist die Absicht Caesars: Ambiorix und die Eburonen, die Caesar mit bitterem Haß und Groll verfolgt hat, müssen als moralisch schlecht und verhaßt dargestellt werden.
So wird die Rache Caesars an den Eburonen (vergl. VI,34,5; si negotium confici stirpemque hominum sceleratorum interfici vellent ... ; VI,34,8: ... ut magna multitudine circumfusa pro talli facinore stirps ac nomen civitatis tollatur) als eine Rache und göttliche Strafe an einem grausamen und unmenschlichen Feind gerechtfertigt.
Auch Ambiorix wird als superbus dargestellt, wie die meisten Barbarenfürsten: Hac victoria aublatus Ambiorix ... (V,38,1). Die Barbaren haben nicht die römische continentia und Mäßigung. Sie können sich nicht zurückhalten und beherrschen. So werden sie übermütig und ziehen die göttliche Nemesis und Bestrafung auf sich (11).
So ist der Erfolg, den der Gegner erreicht hat, nur ein vorläufiges Dulden der Götter, die die Bestrafung einiger Menschen, die Strafe verdienen, verschieben und diese Strafe durch einen plötzlichen Wechsel des Schicksals schmerzlicher machen, wie früher Caesar bei den Helvetiern behauptet hat (I,14,5). Der Sieg, mit dem Ambiorix prahlte (V,38,1), endet mit einer Katastrophe für die Eburonen, während der hochmütige, treulose, undankbare und eidbrüchige Barbarenfürst versucht, sich durch die Flucht in die tiefen Wälder zu retten (VI,43,4 ff.).
Der römische Verlust, den man nur der Schuld und Unbesonnenheit des Titurius Sabinus zuzuschreiben habe, sei durch die Gnade der unsterblichen Götter und durch die römische Tapferkeit wieder gutgemacht worden: quod detrimentum culpa et temeritate legati sit acceptum, hoc aequiore animo ferendum docet, quod veneficio deorum immortalium et virtute eorum expiato incommodo neque hostibus diutina laetitia neque ipsis longior dolor relinquatur (V,52,6). Nur die Herrführer und Völker (12), die iusti und pii sind (das gilt natürlich vor allem für die Römer), genießen die dauernde Gnade der Götter, und sie sind für eine ewige Herrschaft über die Welt bestimmt.
In Caesars Bericht über diese Ereignisse (im 5. und 6. Buch) ist wieder eine Selbstdarstellung und Synkrisis versteckt. Ambiorix, der die Kohorten des Sabinus vernichten konnte, ist ein klügerer und fähigerer Heerführer als der Legat Caesars (13). Q. Cicero, der nicht in die Falle des Ambiorix ging (vergl. V,41,7 f.) und ihm Widerstand leisten konnte (V,42 ff.), hat als Truppenführer denselben Rang wie Ambiorix. Caesar, der die zahlenmäßig überlegenen Truppen der Gallier besiegen (V,49,6 ff.) und Eburonen vernichten konnte (VI,34,8 f.), ist also der fähigste und klügste Truppenführer.
Das bedeutet natürlich, dass Caesar dem Ambiorix, wie schon oben gesagt, auch Fähigkeiten zuschreibt. So wird der Sieg Caesars über einen fähigen Gegner größer.
Ambiorix war ein kluger Truppenführer und ein Meister der Kriegskunst und der psychologischen Kriegsführung. Nachdem er im feindlichen Lager Zwietracht gesät hatte, konnte er durch überlegte Entschlüsse, Befehle und Manöver die Kampfkraft seiner Truppen erfolgreich benutzen und ein der Zahl nach genauso starkes römisches Heer besiegen (V,38 f).
Die Worte Caesars: At barbaris consilium (14) non defuit (V,34,1) und: erant et virtute et numero pugnandi pares (V,34,2) sind ein großes Lob für die Heerführung des Ambiorix und die Tapferkeit seiner Belger.
Zum ersten Mal im BG spricht Caesar von einem Zusammenstoß zwischen dem römischen Fußvolk und den Barbaren, wobei die Gallier nicht zahlenmäßig überlegen waren und dennoch den Sieg erlangten (15). Caesar erklärt diesen feindlichen Erfolg mit der falschen Taktik des Sabinus (V,52,6), der strategischen Überlegung des Ambiorix (V,32, ff.), und der Tatsache, das die römischen Truppen zum großen Teil aus Rekruten bestanden (V,24,4). Da aber auch die gallischen Truppen nicht aus Soldaten bestanden, die jahrelang im Lager verbrachten, verkleinert diese Tatsache den Erfolg von Ambiorix nicht.
Nach seinem Sieg zeigt Ambiorix eine für Barbarenführer ungewöhnliche Schnelligkeit, durch die er die Nachbarstämme gegen die Römer und für den Freiheitskampf mobilisierte (V,38, f.). Das ist ein Zeichen der großen politischen und militärischen Fähigkeit des Eburonenkönigs. Bei der Belagerung des Winterquartiers von Cicero wurde klar, dass die belgischen Truppen unter Ambiorix auch die Belagerungstechnik der Römer imitieren konnten (V,42; 52,2) (16).
Im 6. Buch erweist sich Ambiorix als ein Meister des Partisanenkrieges. Als er überzeugt war, dass ein direkter Zusammenstoß bei den damaligen Machtverhältnissen ungünstig für ihn sien würde, entschied er sich für den Partisanenkrieg (VI,31,1 ff.). Caesar sagt, dass es unsicher sei, ob Ambiorix mit Vorbedacht oder aus Irrtum und Schwäche zu diesem Entschluß kam. Vielleicht wurde er durch die plötzliche Ankunft der römischen Reiterei getäuscht, weil er geglaubt hatte, dass die Legionen unmittelbar folgen würden und dass er keine Zeit mehr für die Versammlung seiner Truppen haben.
Gegen Ende des 6. Buches wird Ambiorix als en Phantom geschildert, das sich immer der unerhörten und wilden Verfolgung durch die Römer entziehen konnte (VI,30 u. 43; vgl. auch VIII, 24 f.). Caesar berichtet mit Bewunderung von der Tapferkeit und Kühnheit seines Gegners, der einer Bedeckung von nur vier Reitern sein Leben anzuvertrauen wagte: (17) ... non maiore equitum praesidio quam quattuor, quibus solis vitam suam commitere audebat (VI,43,6).
Ambiorix wird also als ein fähiger, kluger und mutiger Gegner dargestellt. Obwohl er gegen die Legaten Caesars Erfolge aufweisen konnte, konnte er doch gegen Caesar selbst keinen Erfolg erringen. Denn Caesar war in allen diesen Fähigkeiten weit überlegen. Ambiorix ist wie die anderen Gegner Caesars als ein großes Gestirn am Himmel Galliens geschildert. Es verliert aber seinen Glanz, wenn die große Persönlichkeit Caesars auftritt.
Schließlich konnte Ambiorix sein Volk nicht retten und den Krieg nicht gewinnen. Bemerkenswert ist aber, dass er mit seiner relativ schwachen Macht gegen einen überlegenen Feind mit Leib und Seele für die Freiheit seines Landes gekämpft hat und einen nennenswerten Sieg errungen hat. So wurde Ambiorix zu einem Vorgänger des Vercingetorix, der ein Jahr später den tapfersten und härtesten Kampf der Gallier für die Freiheit ihres Landes führte.
Seinen Widerstand gegen die Römer setzte Ambiorix auch nach dem Fall des Vercingertorix fort. (vgl. BG (Hirtius) VIII, 24,4 f.), obwohl er nach den römischen Rachefeldzügen gegen sein Land viel von seiner Macht verloren hatte. So bewies sich Ambiorix als der hartnäckigste Gegner Caesars in Gallien, mit dem Caesar nie ganz fertig werden konnte. Ohne Zweifel war Ambiorix der klügste und der listigste von den Gegnern Caesars während der Gallischen Kriege und der einzige gallische Gegner, der in seiner Person der Rache Caesars entfliehen konnte.
Jullian (18) glaubt mit Recht, dass es ein Unglück für Gallien war, dass sein bester Vorkämpfer des Jahres 54 eine Eburone war. Er gehörte nämlich einem kleinen und unbedeutenden Stamm an, der unter der Klientel der Treverer stand. So konnte er die Gallier unter seiner Führung nicht vereinigen.
1) Der richtige Titel seines Werkes hieß wahrscheinlich: C. Iuli Caesaris commentarii rerum gestarum Galliae (oder Gallici belli), wie man aus HIRTIUS (BG VIII, praef. 2), SUETON (Iul. 56, 1) und CICERO (Brut. 262) schließen kann. Vgl. auch U. KNOCHE, Caesars Commentarii ... 140. CICERO läßt im Brutus (§262) die Ansicht zu Worte kommen, dass Caesars commentarii als eine Vorstufe zu künftigen Geschichtswerken gedacht seien, dass sie aber durch Caesars Kunst in den Rang von historia erhoben worden ist. Vgl. auch HIRT. BG VIII, praef. 5, H. OPPERMANN, Caesarforschung, 501 ff., F. BÖMER, Der Commentarius, 250 und H.-A. GÄRTNER, a. O. 89 ff.
2) Auch im Bellum Civile gibt es immer diesen latenten Vergleich zwischen Caesar, der als mild, bescheiden und vorsichtig dargestellt ist, und seinen Gegnern, die grausam, übermütig und leichtsinnig seien (vergl. z. B. BC III, 71 f. und 82 f.). Besonders betont Caesar die acerbitas und crudelitas (vgl. BC I, 2, 8; 32, 6; 76,5; 85,3; III, 28,4; 32,3) und den spiritus (vgl. BC III, 72, 1) seiner Gegner. Aus diesem Vergleich kann man sich leicht vorstellen, welche Gefahren Rom bedrohten, wenn nicht Caesar der Sieger im Bürgerkriege wäre. Diese Darstellung ist gleichzeitig eine Begründung des Sieges Caesars.
(3) SUETON (Iul. 67,2) und POLYAEN (8,23,23) berichten, dass Caesar sich nach dieser Katastrophe Haar und Bart wachsen ließ, bis seine Soldaten gerächt wurden. Vgl. auch BG VIII (Hirtius), 24,4 f. Die Rache (ultio) für widerfahrenes Unrecht ist ein wichtiges Motiv in der römischen Politik und Religion. Mars, der nach Jupiter der größte Gott Roms war, war mit dem Kognomen Ultor (Rächer) bekannt. Dem Mars Ultor, der bei Philippi die ERmordung Caesars gerächt hatte, ließ Augustus einen Tempel auf dem Forum Augusti errichten. Caesar erwähnt auch in anderen Fällen das Motiv der Rache: I,12,5 f. (Helvetier); VII,28,4 (Avariacum). Die sterbende Dido wünscht, dass ein Rächer aus ihrer Asche entspringe, der die Trojaner bestrafe: Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor (VERG. Aen. 4,625). Vorher hatte sie Sol, Juno, Hekate und die Dirae ultrices (Furiae) angerufen (4,607-610). sie sollten das Unrecht sehen und ihr Flehen erhören.
Die ultio als Motiv des römischen Vorgehens erwähnt TACTITUS: Infensus miles memoria laborum et adversum eludentis optatae totiens pugnae se quis (que) ultione et sanguine explebant (ann. 4,25,3; vgl. auch 2,13,1) LIVIUS erwähnt, dass die Götter und die Römer Rächer von perfidia, periurium und fraus der Gegner sind: ultionemqueeam fraudis (Gallorum) in deorum ac populi Romani potestatem fore (23,25,4); Quorum (Aequorum) id perfidia et periurio fiat, deos nunc testes esse, mox fore ultores (3,2,4). Vgl. auch CIC. rep. 3,35 und S.27;83;199. HAFFTER (a.O.42) schreibt darüber: "Verübtes Unrecht, sei es den Römern selbst oder ihren Freunden zugefügt, kann Rom nicht ungeahndet lassen. Auch innenpolitisch spielten ultio und vindicatio eine wichtige Rolle, und waren die Basis des römischen Zivil- und Strafrechtes. (Vgl. A. LINTOTT, Violence in Republican Rome, 49).
(4) Aus VI,31,5 kann man schließen, dass nur Ambiorix und nicht Catuvolcus der Urheber dieses Aufstandes war. Drahtzieher war der Treverer Indutiomarus.
(5) die Begriffe tumultus und seditio werden für die Charakterisierung des Aufstandes gegen die staatliche und magistratische Gewalt und die Störung der öffentlichen Ruhe gebraucht. Vgl. auch die Artikel der R.E. segitio (IIA) und tumultus (VIIA). Eine Definition des tumultus gibt CICERO am Anfang seiner 8. philippischen Rede (1,2, f.): ... potest enim esse bellum, ut tumultus non sit, tumultus esse sine bello non potest. quod est enim aliud tumultus nisi perturbatio tanta, ut maior timor oritur? Eigentlich charakterisiert man als tumultus kritische Situationen wie die Invasion der Gallier oder des Hannibal, als Rom in größter Gefahr schwebte. Vgl. A.LINTOTT, Violence ... 154.
(6) Ambiorix wird also als ein Meister der Trugrede und als der listigste Gegner Caesars dargestellt. Man kann an die Trugreden im Epos und in der Tragödie denken. Vgl. S.79 Anm.1.
(7) Der Name Galli wird hier für die Belger gebraucht; vgl. I,1,2.
(8) Vgl. z. B. V,49,6 ff., wo Caesar durch Vortäuschen von Schwäche und Furcht seinen Feind in eine ungünstige Lage brachte und vernichtete. Ähnlich verhielten sich oft die Legaten Caesars, wie z. B. Labienus (V,57,4 ff.; VI, 7 f.) und Sabinus (III,17,5, ff.) . Solche Listen sind nach dem ius belli erlaubt, wie man aus dem Verhalten Caesars gegenüber den Usipetern und Tenkterern wie auch aus der Bezeichnung des Erfolges des Ambiorix als victoria (V,38,1) vermuten kann. Vgl. unsten S.00 ff.; 157 f.
(9) Über die Untreue des Ambiorix schreibt O.SEEL (Ambiorix, 338): "Wenn Caesar dabei von perfidia spricht, so ist das nicht so zu verstehen, als wäre es mit echter affektgebundener Entrüstung gesagt: dies gehört offensichtlich zu jener sekundären Schicht ethischer Selbstrechtfertigung, die sich an die Adresse der ehrenwerten, aber tatfernen stadtrömischen Moralistik richtet.
(10) Eine sehr gute Definition des Begriffes fides gibt R.HEINZE: "Fides ist das im Menschen, was seine gegenüber einem anderen eingegangene Bindung oder Verpflichtung zu einer sittlichen Bindung macht und so das Vertrauen des anderen begründet! (R.Heinze, Fides, 149). E.FRAENKEL (Zur Geschichte des Wortes fondes, 187) definiert den Begriff fides so: "Sonst heißt fides in der republikanischen Literatur durchaus: Gewähr, Bürgschaft, Versprechen; Zuverlässigkeit, Treue, Glaubwürdigkeit; bezeichnet also alles, worauf man sich verlassen kann, Garantie im weitesten Sinne, sei es dass sie in einem Akte, einer Versicherung, einem bestimmten rechtichen Verhältnis von Personen zueinander, oder einer Eigenschaft von Menschen oder Dingen gegründet. HAFFTER (a.O.24 f) schreibt darüber: "Wir übersetzen fides mit Treue, Glaubwürdigkeit, Zuverlässigkeit, ohne den Sinn des Wortes auszuschöpfen. Die fides ist die Gesinnung, die eine geschäftliche Abmachung, eine Freundschaft, eine Klientel, zu einer sittlichen Bindung macht, und nur aus dieser sittlichen Bindung kann das entspringen, was eine res publica braucht, das unbedingte Vertrauen der Bürger zueinander. Kein Zwang, kein Gesetz schreibt diese fides vor; dennoch kann sich keiner der fides entziehen, denn über die Einhaltung der fides wacht die Gemeinschaft, die schnell bereit ist, einen Mitbürger zu diffamieren, ihn moralisch aus dem Kreis der Zugehörigen auszuschließen.
(11) Vgl. S.33 ff.; 83 f. u. 106 f.
(12) Vgl. das Gebot CICEROS: iustitiam cole et pietatem, quae cum magna in parentibus et propinquis, tum in patria maxima est (rep. 6,16).
(13) Sabinus wird als leichtsinnig und ängstlich hingestellt. Sein Kollege L.Aurunculeius Cotta wird vernünftiger und klüger als er bezeichnet (V,28,3 ff; 30,1; 33,2; 36,3). Cotta gab dem Sabinus nach, um die Eintracht im römischen Lager zu retten. (V,31,2 f.).
(14) Die Begriffe consilius und ratio sind als Kennzeichen Caesars und der Römer dargestellt (vgl. z. B. I,40,9: Caesar und das römische Heer,; V,28,3: Cotta und viele Offiziere; VIII,59,3: Labienus) und bezeichnen den Gegensatz zu temeritas (vgl. V,52,6: quod detrimentum culpa et temeritate legati-Sabini-sit acceptum. Die temeritas ist vor allem Kennzeichen der Barbaren: I,31,13: Ariovist; VI,20,2: alle Gallier; VII,42,2: Haeduer; VII,77,9: Gallier. Consilium und ratio bezeichnen aber auch einige Barbaren, wie Ariovist (I,40,8), Ambiorix (V,34,1) und Vercingetorix (VII,14,2). Vgl. auch D.RASMUSSEN, Caesars Commentarii, 163.
(15) Das gilt natürlich nur, wenn er erste Satz von V,34,2 in dieser Form von Caesar stammt. Die meisten Herausgeber und Kommentatoren (Du Pontet, Holmes, Constans, Seel, Neusel) halten die Stelle für verderbt.
(16) Die listige Taktik des Ambiorix hatte wahrscheinlich keinen Erfolg gegen Cicero, weil der vielleicht schon von Flüchtlingen über die Katastrophe des Sabinus unterrichtet war (vgl. V,37,7). Wenn die Gallier selbst diese Informationen gaben, wie es in V,41,4 berichtet wird, war es ein gallischer Fehler, der sich für sie negativ auf die Entschlüsse Ciceros ausgewirkt hat (V,41,7 f.).
(17) JULLIAN charakterisiert Ambiorix zusammen mit dem britannischen König Cassivellaunus als den besten Barbarenführer seiner Zeit. Er liebte die Einfachheit und lebte wie ein einfacher Kämpfer im Arduennerwald. Anfänglich schmeichelte er den Römern in der Absicht, seine Armee geheim zu organisieren, Caesar zu überraschen und die erwünschte Freiheit seines Landes zu gewinnen. So entwickelte sich Ambiorix durch seine große Fähigkeit und Aktivität zu einem der größten Hindernisse, die auf Caesars Weg standen (Gaulle, III, 369 f.).
(18) JULLIAN, Gaule, III,392
Die ganze Doktorarbeit: Demetrios E. Koutroubas Die Darstellung der Gegner in Caesars "Bellum Gallicum" 1972 Werner Blasaditsch Augsburg (Antiquariat)


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