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Mittwoch, 10. 03. 2010 |

Nach archäozoologischen Befunden leiten sich die ältesten europäischen Hauspferde von autochthonen Wildpferdpopulationen ab, wobei sich bisher mindestens drei Domestikationsgebiete unterscheiden lassen, das osteuropäische Steppengebiet sowie Mittel- und Südwesteuropa. Die Größen- und Wuchsformunterschiede zwischen den Wildpferden dieser Regionen setzten sich bei den aus ihnen abgeleiteten Hauspferden fort und haben sich noch bis in die Eisenzeit hinein formbildend auf den Phänotyp ausgewirkt. So waren die bronze- und eisenzeitlichen Pferde in Osteuropa in der Regel groß- und breitwüchsiger als die Hauspferde Mittel- und Westeuropas. Diese Unterschiede im Phänotyp hatten wohl vor allem nahrungsökologische Ursachen. So bestanden in den Steppengebieten Osteuropas grundsätzlich bessere Ernährungsbedingungen für Pferde als in den Waldländern des atlantisch beeinflußten Europas. Auch schuf die Haltung großer Herden, wie sie nur in der osteuropäischen Steppenzone möglich war, bessere Bedingungen für die züchterische Beeinflussung des Pferdes als bei kleinen Bestandsgrößen, die für die frühe mittel- und westeuropäische Pferdehaltung typisch waren. Die insgesamt ungünstigeren Haltungs- und Zuchtbedingungen führten hier teilweise zu Verzwergungserscheinungen beim Hauspferd. So erreichten die latenezeitlichen Pferde im Alpenvorland nur noch eine mittlere Widerristhöhe von 124 cm. Insgesamt entsprachen die eisenzeitlichen Pferde Mitteleuropas größenmäßig rezenten Ponypferden, ihr Knochenbau war jedoch kräftiger und die Schädelform plumper.
Erst unter dem Einfluß der römischen Landwirtschaft erfuhr die Pferdezucht in Mittel- und Westeuropa einen spürbaren Aufschwung, der von einem deutlichen Anstieg der mittleren Widerristhöhe bei den Hauspferden im Vergleich zur vorhergehenden Eisenzeit begleitet war. Jene Größenentwicklung blieb im wesentlichen auf das provinzialrömische Gebiet beschränkt, während für das germanische Siedlungsgebiet weiterhin kleinwüchsige Pferde mit breiter Variabilität in der Wuchsform typisch waren. Die Römerpferde hatten Widerristhöhen zwischen 125 und 161 cm, wobei die mittlere Widerristhöhe in der Regel zwischen 140 und 145 cm lag. Grundlage der römischen Pferdezucht war ein entwickeltes Gestütswesen. Für die Zucht der einzelnen Gebrauchsformen des Pferdes (z. B. Militärpferd, Zirkuspferd, Rennpferd) bezogen die Römer Pferde aus verschiedenen Gebieten ihres großen Reiches. So galten z. B. Persien, Armenien, Epirus, Sizilien und Libyen als wichtige Importgebiete für gute Reitpferde. Inwieweit es in der römischen Pferdezucht bereits zu einer Rassenbildung unter den Hauspferden kam, ist eine Frage, auf die weder die Schriftquellen noch die archäozoologischen Befunde eine eindeutige Antwort geben. Die Widerristhöhe der germanischen Pferde variierte zwischen 113 und 147 cm, wobei in der mittleren Körperhöhe einzelner Populationen die Funde von Rislev mit 127 cm und die von Eketorp II (Öland) mit 134 cm die Eckpunkte des bisher bekannten Variationsbereiches bilden. Eine Ausnahme stellen die Pferde aus der spätkaiserzeitlichen Siedlung Hildesheim-Bavenstedt mit einer mittleren Widerristhöhe von 137 cm dar. Hier besteht allerdings der Verdacht, daß das Fundmaterial einige Knochen großer Pferde provinzialrömischer Herkunft enthält. Wie Funde vor allem aus Siedlungen im limesnahen Raum Süddeutschlands (z. B. Wittislingen, Kr. Dillingen an der Donau) sowie in Thüringen (z. B. Dienstedt und Haarhausen, beide Kr. Arnstadt) zeigen, gelangten römische Pferde immer wieder einmal in die Germania libera. Nach Angaben in römischen Schriftquellen (Tacitus, Germania 6 und Caesar, De bello Gallico IV, 2) waren die germanischen Pferde weder schön, noch übermäßig schnell; sie sollen sich aber durch große Ausdauer, Widerstandsfähigkeit und Futtergenügsamkeit ausgezeichnet haben.
Wie Skelettfunde aus Pferdebestattungen des 5. - 6. Jh. in Sachsen-Anhalt und Thüringen zeigen, treten im Ubergang zur Völkerwanderungszeit bemerkenswerte Veränderungen im Phänotyp der hier verbreiteten Pferde auf. Im Vergleich zu den älteren, kaiserzeitlichen Populationen sind die Pferde jetzt signifikant größer und breitwüchsiger. In Merkmalen des Schädels sowie des Postcranialskeletts weisen sie weitgehende Ubereinstimmungen mit osteuropäischen Hauspferden auf, insbesondere mit awarischen Pferden. Diese Befunde sind offenbar ein Indiz dafür, daß während der Hunnenherrschaft in der ersten Hälfte des 5. Jh. sowie über enge Kontakte zu den Ostgoten im nördlichen Schwarzmeer-Gebiet Pferde östlicher Abstammung in größerer Zahl nach Thüringen gelangt sind und Einfluß auf die Phänotyp-Entwicklung der germanischen Hauspferde genommen haben. Eine besondere Erwähnung der Thüringer Pferde ist durch einen Brief Cassiodors aus dem ersten Jahrzehnt des 6. Jh. überliefert (Cassiodor IV, 1). Darin werden die Pferde der Thüringer als ausdauernde Tiere von ruhigem Temperament beschrieben, die den Reiter nicht durch unsinnige Bewegungen ermüden.
Auch im frühen und hohen Mittelalter bestimmten überwiegend mittelgroße Tiere den Phänotyp der Hauspferde. Die Knochenfunde weisen auf große regionale Unterschiede in der Körpergröße früh-und hochmittelalterlicher Pferdepopulationen hin. Bemerkenswert ist z. B. die Kleinwüchsigkeit der Hauspferde im Ostbaltikum mit einer mittleren Widerristhöhe von nur 125 cm. Im Durchschnitt 10-15 cm größer waren zeitgleiche Pferde in Friesland, Dänemark und Schonen. Wie Knochenfunde u. a. aus Bad Salzuflen und Czchuchow (Woj. Slupsk) zeigen, setzte im Spätmittelalter ein allgemeiner Größenanstieg bei den Hauspferden ein. In dieser Zeit traten auch erstmals schwere, kaltblutartige Pferde als neuer Pferdetyp auf, so z. B. im Fundmaterial von Utrecht. Damit war offensichtlich der Übergang zur neuzeitlichen Rassenbildung eingeleitet.
Siehe auch auf dieser Webseite: >>Der Eburonen kleine Pferde
Die Illustration stammt von dem Belgier Benoit Clarys
aus dem Buch Préhistoire et Protohistoire au Luxembourg,
Musée National D`Histoire et d'Art, Luxembourg 2005 ISBN 2-87985-060-6
Der Bericht stammt aus dem Buch:
Norbert Benecke Der Mensch und seine Haustiere Theiss 1994 ISBN 3-8062-1105-1


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