Ereignisgeschichte  Atuatuca  Quellenkritik  Archaeologie  Infos  Keltenkerl 
Sitemap   Impressum
Bellum Gallicum   Kontakt
 

SO EINE MISTEL! Donnerstag, 11. 03. 2010



Kaum eine Pflanze der heimischen Flora ist von so vielen Legenden und Mythen umrankt und gleichzeitig botanisch und medizinisch so interessant wie die Mistelpflanze, die als Halbschmarotzer auf vielen unserer Bäume wächst. Auf unsere Vorfahren wirkte die immergrüne Pflanze geheimnisvoll, da sie so hoch oben in den Bäumen wuchs. Und weil sie so geheimnisvoll war, sollte die Mistel auch über zauberhafte Kräfte verfügen. Man glaubte, dass sie vor Feuer schützen könne und hängte sie an die Hauswand, auch damit sie Hexen und böse Geister am Eintritt hindere. Die gegabelte Form der Zweige machte sie zum Vorbild der Wünschelrute.

Die älteste mythologische Charakterisierung der Mistel stammt aus der >>Aeneis<<, einem römischen Heldenepos. Darin zeigt der Dichter Vergil (70-19 v. chr.), wie die Mistel als >>goldener Zweig<< den nach Erkenntnis strebenden Aeneas auf seinem gefahrvollen Weg durch die Unterwelt schützen kann.

In der altnordischen >>Edda-Sage<< wird die Mistel zum Mordwerkzeug. So heißt es, der Lichtgott Baldur habe Träume von seinem bald bevorstehenden Tod gehabt und deshalb habe die Göttermutter Freya allen Erdenwesen das Versprechen abgenommen, Baldur nicht zu verletzen. Nur ein Wesen, welches kein richtiges Erdenwesen war und als zu jung erschien, wurde nicht in Eid genommen: die Mistel. Der Feind der Asen, Loki, bemerkte dieses Versehen. Er gab dem blinden Gott Hödur einen Mistelzweig in die Hand und wies ihm die Richtung Baldurs und Baldur stürzte, von Hödurs Mistelzweig tödlich getroffen, zu Boden.

Für die Druiden-Hohepriester in Gallien und Britannien war die Mistel die heiligste aller Pflanzen. Sie schnitten sie deshalb nur irn Rahmen eines Gottesdienstes und nur mit einer goldenen Sichel ab. Damit die Mistel nicht auf die Erde fiel, wurde sie in einem weißen Tuch aufgefangen. Besonders verehrt haben sie die seltene Eichenmistel. Sie erklärten die nach ihrer Ansicht für alle erdenklichen gesundheitlichen Bedürfnisse der Menschen nützliche Mistel zur unverzichtbaren Zutat ihres kräftestärkenden >>Zaubertranks<<. Und wer kennt heute nicht Miraculix Zaubertrank, der in den berühmten Asterixgeschichten dem kleinen zähen Gallier übermenschliche Kräfte verlieh?

Als Symbol des Friedens versöhnten sich Feinde unter der Mistel und gaben sich den Friedenskuss. Heute hängen in vielen Wohnräumen um die Weihnachtszeit Misteln über den Türrahmen. Sie sollen Gesundheit, Fruchtbarkeit und Wohlergehen im neuen Jahr sichern. Wenn sich ein Paar darunter küsst, werde es viele Kinder bekommen, heißt es. In der Kunst taucht die Mistel im Jugendstil sehr oft als Motiv auf.

Im Mittelalter gehörte die Mistel zu den wichtigsten Heilpflanzen. Jahrzehntelang verteufelt, bestätigt die moderne Medizin - auch die Schulmedizin - heute die Wirksamkeit der Mistelpflanze. In der Volksmedizin galt sie als heilsam bei Menstruationsstörungen, Epilepsie und Bluthochdruck. Ihre Einsatzmöglichkeit als Heilpflanze in der Krebstherapie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von Rudolf Steiner, dem Begründer der anthroposophischen Geisteswissenschaften, entdeckt.

Misteln sind Blütenpflanzen, die nicht in der mineralischen Erde, sondern im Holz anderer Pflanzen wurzeln. Auf der ganze Welt existieren rund 1500 Mistelarten Die weißbeerige Mistel (Viscum album L.) verdankt ihren Namen den weißen Früchten, die im Winter einen reizvollen Kontrast zu den frostharren dunkelgrünen Blättern bilden. Ihre kugelige Gestalt, die immergrünen Blätter und die Blütezeit und Fruchtreife im Winter hebt sie von der übrigen Pflanzenwelt auffallend ab.

Die Mistel ist zweihäusig, das heißt, männliche und weibliche Blüten wachsen getrennt voneinander auf zwei Pflanzen. Ihr zu Rindensaugsträngen umgebildetes Wurzelsystem, der sogenannte Senker, entzieht dem Wirtsbaum Wasser und Nährsalze. Die pflanzliche Photosynthese kann die Mistel als Halbschmarotzer selbst ausführen. Trotzdern bezieht sie einen großen Teil der organischen Nährstoffe zusätzlich von ihrem Wirtsbaum, merkwürdigerweise vor allem im lichtreichen Frühling.

Misteln sind sehr langsam wachsende Pflanzen. Erst im zweiten Jahr treiben sie zwei kleine Blättchen aus, und frühestens nach fünf bis sieben Jahren blüht eine Mistel zurn ersten Mal. Ihre Blütenstände sondern eine Art Nektar mit orangenähnlichem Duft ab, der Ameisen und Fliegen anlockt, die sie willig bestäuben. Nach der Befruchtung ruhen die weiblichen Blütenstände ungefähr bis Ende Juni. Dann entwickeln sich langsam die Früchte mit dem innen liegenden grünen Embryo. Zu Advent sind sie endlich reif und leuchten als weiße Scheinbeeren auf. Wie beim Menschen dauert es insgesamt neun Monate, bis der Keim ausgereift ist.

Der in den Mistelbeeren bereits fertig angelegte Embryo kann allerdings nicht von selbst austreiben, sondern ist darauf angewiesen, dass die ledrige Beerenhülle von einem Vogel geöffnet und durch den zähen Beerenschleim an Ästen und Zweigen des Wirtsbaumes angeheftet wird. Mistel Embryonen sind sehr langlebig und bleiben monatelang keimfähig - vorausgesetzt, sie erhalten genügend Licht.

Die weißbeerige Mistel wächst auf Laub- und Nadelbäumen. Besonders häufig kommt sie auf Pappeln und Apfelbäumen vor, nur sehr selten ist sie auf UImen und Eichen anzutreffen. Bei den Nadelbäumen bevorzugt sie Kiefern und Tannen.

Die ersten Hinweise auf die Mistel als besondere Pflanze mit einer >>heilenden Giftqualität<< gab Rudolf Steiner 1904 im Zusammenhang mit dem Baldur-Mythos. Im Jahr 1917 empfahl er dann erstmals der damals in Zürich praktizierenden Ärztin Ita Wegman die Injektionvon Extrakten aus der Mistelpflanze zur Behandlung der Krebserkrankung. Ita Wegman nahm diese Empfehlung auf und entwickelte zusammen mit einem Apotheker das erste Mistelpräparat, mit dem sie dann, zum Teil mit überraschendem Erfolg, ihre Krebspatienten behandelte.

Heute ist die Therapie mit Mistelgesamtextrakten die am häufigsten angewandte komplementärmedizinische Methode, die in Ergänzung der drei konventionellen Krebstherapien Operation, Bestrahlung- und/oder Chemotherapie eingesetzt wird und zu einer biologischen Standardtherapie geworden ist.

Die streng nach Wirtsbäumen getrennte Ernte der Mistel erfolgt zweimal im Jahr. Im Sommer, wenn die Pflanze auf dem Höhepunkt ihrer vegetativen Entfaltung steht und im Winter, wenn ihre Entwicklung in Knospen und Früchten zur Ruhe gekommen ist. Bei der Ernte werden die zu verarbeitenden Pflanzenteile vorsichtig aus den Mistelbüschen herausgepflückt und gekühlt schnellstmöglich zum Ort der Verarbeitung gebracht. Dort werden die Pflanzenteile unter qualitativen Gesichtspunkten sortiert und verlesen. Hierbei handelt es sich um die ein- bis zweijährigen Blätter, Stängel, Blüten und Fruchtanlagen und bei der Winterernte zusätzlich um die separat gepflückten reifen Beeren. Die Pflanzen werden mittels einer Walze zerquetscht und damit für den nachfolgenden Auszug (Extraktion) mechanisch aufgeschlossen.


Text: Dr. Bettina Arnold-v.Versen in Weleda Nachrichten 12/2006


©2010 | Atuatuca | Si non è vero, è ben trovato!