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DAS JAHRZEHNT DER EROBERUNGEN UND ERSCHÜTTERUNGEN, 60 - 50 V. CHR. Freitag, 30. 07. 2010

Aus: Illustrierte Vor- und Frühgeschichte Europas, Campus Verlag 1996, Barry Cunliffe, Der Einfluss Roms auf die barbarischen Gesellschaften 140 v.Chr. – 300 n.Chr.

Etwa ab 60 v. Chr. mehren sich die Anzeichen, daß die Verhältnisse im barbarischen Europa an Stabilität verlieren. Im Osten verwüsten die Daker das von den Bojern in Ungarn besiedelte Gebiet, während im Westen Stämme vom Rhein - die Cäsar für Germanen hält - wieder Vorbereitungen treffen, ihre südlichen Nachbarn anzugreifen. Auch unter den Stämmen in den Grenzgebieten der römischen Provinz brechen Streitigkeiten aus. Die Häduer, die, wie Cäsar berichtet, lange Zeit das Privileg genossen hatten, über eine Reihe von tributpflichtigen Stämmen zu gebieten, gerieten in Konflikt mit ihren Nachbarn, den Sequanern. Diesen gelang es wiederum, einige den Häduern verpflichteten Stämme zu ihren Verbündeten zu machen. Das schwächte die restlichen Stämme der Häduer und zwang sie zur Unterwerfung, als deren Zeichen sie den Sequanern die Söhne ihrer Häuptlinge als Geiseln ausliefern mußten. Im Jahr 61 v. Chr. wurde ein Mitglied des Adels nach Rom gesandt, wo er um Hilfe bat - allerdings vergeblich. Drei Jahre später wurden die Häduer durch einen von Ariovist geführten germanischen Stamm bedroht, und ihre Lage verschlimmerte sich weiter. Zur gleichen Zeit beschlossen die Helvetier, ins westliche Frankreich auszuwandern, weil ihr Gebiet zu klein geworden war. Ihr Weg führte sie durch das Gebiet der Häduer. Es läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob diese Spannungen in der keltischen Welt eine normale Erscheinung waren oder ob es sich um eine außergewöhnlich zugespitzte Krise handelte; die Einzelheiten dieser Entwicklungen verdanken wir ausschließlich Cäsars Bericht, der mit seiner Darstellung persönliche Ziele verfolgte.

Julius Cäsar befand sich an einem entscheidenden Punkt seiner Laufbahn. Er bemühte sich verzweifelt, eine Situation zu schaffen, in der er seine militärischen Fähigkeiten beweisen und entsprechende Triumphe feiern konnte. Nur so würde er mit der konservativen Oligarchie Roms, die ihn haßte und fürchtete, fertig werden. Er sah seine Chance in Gallien. Im Jahr 59 v. Chr. brachte er ein Sondergesetz durch den Senat, das ihm für die Dauer von fünf Jahren das Oberkommando über die Gallia Cisalpina einräumte. Und es gelang ihm auch, diesen Auftrag um weitere fünf Jahre zu verlängern. In dieser Machtstellung konnte er eine große, ihm treu ergebene Streitmacht aufbauen. Ein Argument, das er für seine Sache anführte, war, daß die germanischen Barbaren begonnen hätten, verbündete Staaten zu bedrohen. Gallien, so behauptete er, werde entweder römisch oder aber von den Germanen überrannt werden. Ein drohender Angriff der Germanen auf Italien, nur knapp fünfzig Jahre, nachdem die Kimbern und die Teutonen so nahe herangerückt waren - das war eine schreckliche Aussicht für das römische Volk. Cäsar erhielt das Kommando, das er wünschte.

Die Eroberung Galliens begann 58 v. Chr. und war 51 v. Chr. abgeschlossen, auch wenn in den darauffolgenden Jahren noch etliche Aktionen und Gefechte notwendig waren, bis das riesige Territorium vom Mittelmeer bis zum Rhein als gänzlich unterworfen bezeichnet werden konnte. Cäsars Feldzüge verliefen mit blitzartiger Geschwindigkeit. Im Jahr 58 v. Chr. gelang es ihm, Ariovist zurückzudrängen und die Helvetier zur Heimkehr zu zwingen. Während der nächsten drei Jahre setzte er sich mit den Stämmen der nördlichen Randgebiete von der Bretagne bis zum Rhein auseinander. Auf dem Höhepunkt dieser Kämpfe im Jahr 55 v. Chr. kam es zu zwei wichtigen Überquerungen - der Überquerung des Ärmelkanals nach Britannien und des Rheins hinüber nach Germanien. Nach derart wagemutigen Expeditionen konnte Rom ihm die Verlängerung seiner Amtszeit unmöglich verweigern. Im Laufe des nächsten Jahres war Cäsar in der Lage, seine Macht über die belgischen Stämme zu festigen und eine genauere Erkundung Britanniens vorzunehmen.

Im Jahr 53 beschloß er, auch im Gebiet jenseits des Rheins Fuß zu fassen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ein Großteil der militärischen Anstrengungen den Stämmen der Balgae zwischen Seine und Rhein gegolten - im übrigen Teil Frankreichs fanden bis auf einen entschlossenen Feldzug gegen die rebellierenden bretonischen Stämme keine Kämpfe statt. Im Jahr 53 v. Chr. kam es jedoch unter den Senonen und Carnuten südlich der Seine zu Unruhen, und bis zum Jahr 52 v. Chr. befand sich ein großer Teil Mittelfrankreichs in offener Revolte. Die rebellischen Stämme hatten sich für kurze Zeit unter der charismatischen Führung des Vercingetorix zusammengeschlossen. Damit war die Lage für Cäsar sehr ernst, doch die Kriegsmacht der Römer triumphierte auch hier über den Kampfgeist der Kelten. Dieser Abschnitt des gallischen Kriegs fand seinen Höhepunkt in der langwierigen Belagerung von Alesia, wo sich Vercingetorix unklugerweise hatte einschließen lassen; sie endete schließlich mit der Kapitulation der Gallier. Im folgenden Jahr mußte Cäsar nur noch einzelne Widerstandsherde beseitigen, bevor er sagen konnte, daß nun »ganz Gallien« unterworfen sei.

Die Eroberung Galliens war in jeder Hinsicht eine bemerkenswerte Leistung. In nur acht Jahren wurde ein riesiges Gebiet unter römische Herrschaft gezwungen, und im Zuge der Eroberungen wurde die keltische Gesellschaft vernichtet. Einige wenige Beispiele mögen genügen, um das Ausmaß der Zerstörung deutlich zu machen. Im Kampf gegen die rebellierenden Veneter ließ Cäsar 59 v. Chr. alle älteren Menschen töten und verkaufte die übrigen als Sklaven. Gegenüber den Nerviern in Nordbelgien war er etwas nachsichtiger; in einer schweren und blutigen Schlacht überlebten von der ursprünglich 60.000 Mann starken Streitmacht nur 500 Männer, und der aus 600 Mitgliedern bestehende Rat war auf drei Mitglieder geschrumpft. Damit der Stamm nicht gänzlich ausgelöscht wurde, forderte Cäsar alle, die erreichbar waren, vor allem die alten Männer, Frauen und Kinder, die sich in in den Wäldern und Sümpfen in Sicherheit gebracht hatten, auf, in ihr Oppidum zurückzukehren. Den benachbarten Stämmen verbot er, sie im Zustand ihrer Schwäche anzugreifen. Die Atuatuker hatten weniger Glück; ihr Oppidum wurde belagert und eingenommen. Ungefähr 4.000 Menschen kamen bei dem Angriff ums Leben, und von den übrigen, etwa 53.000, sagt Cäsar, er habe alle, die er drinnen finden konnte, auf einmal verkauft.

Noch unnachsichtiger wurden die Carnuten behandelt; dieser Stamm hatte die römischen Händler getötet, die in seinem Gebiet lebten. Das Oppidum der Carnuten bei Cenabum wurde daraufhin belagert, und als die Stadt der Belagerung nicht mehr standhalten konnte und fiel, wurden die römischen Soldaten aufgefordert, an der gesamten Bevölkerung Rache zu üben: Von den insgesamt 40.000 Männern, Frauen und Kindern blieben 800 am Leben, alle anderen wurden erschlagen. Die Bewohner der belagerten Stadt Uxellodunum waren nur wenig besser dran - wer die Waffe gegen die Römer erhoben hatte, dem wurden die Hände abgehackt.

Der achtjährige Krieg war für viele keltische Stämme Galliens verheerend. Es dauerte Generationen, bis die psychischen Wunden verheilt waren und die zerstörte Wirtschaft wieder auflebte. Dies mag ein Grund sein, warum sich die Römer in die inneren Angelegenheiten der Gallier kaum einmischten, bis Augustus im Jahr 27 v. Chr. eine umfassende Neuorganisation begann.


Das gute Buch:
Illustrierte Vor- und Frühgeschichte Europas
Barry Cunliffe
Sonderausgabe 2000 Parkland Verlag Köln
ISBN 3-88059-979-3



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