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DAS BARBARISCHE EUROPA, 140 - 60 V. CHR. Freitag, 30. 07. 2010

Aus: Illustrierte Vor- und Frühgeschichte Europas, Campus Verlag 1996, Barry Cunliffe, Der Einfluss Roms auf die barbarischen Gesellschaften 140 v.Chr. – 300 n.Chr.

Während der römische Staat eine Zeit der sozialen Konflikte und wirtschaftlichen Umstrukturierung durchmachte, fanden auch in dem Teil Europas, der sich der direkten Kontrolle Roms entzog, bedeutende Veränderungen statt. Der Einfachheit halber beginnen wir in Südgallien, wo Rom bereits stark engagiert war. Bereits 14o v. Chr. war deutlich, daß dieser Küstenstreifen früher oder später an Rom fallen würde. Im Jahr 125x v. Chr. war es soweit; die Stadt Massalia rief die Römer zu Hilfe gegen die Feindseligkeiten der Saluvier, eines benachbarten Stammes, der unter dem Druck der Arverner die Küste plünderte. Der mächtige Stammesverband der Arverner siedelte im Gebiet des französischen Zentralmassivs. Als die römischen Legionäre in dieses Gebiet einmarschierten, stießen sie auf heftigen Widerstand, erst nach fünf Feldzügen und einer großen Schlacht, bei der dem 20 000 Mann starken römischen Heer 200 000 Krieger der vereinten Arverner und Allobroger gegenüberstanden, konnte diese Region einigermaßen befriedet werden. Die Schlacht fand am Zusammenfluß von Isere und Rhone statt; die Römer hatten ihr Interessengebiet damit um rund 200 Kilometer die Rhone aufwärts ins Landesinnere ausgedehnt.

Bis zum Jahr 120 v. Chr. stabilisiert sich die Lage, und die Römer beginnen mit dem Aufbau einer Infrastruktur mit Städten und Straßen. Die Gründung einer Bürgerkolonie in Narbo Martius (Narbonne) um 118 v. Chr. war ein bedeutender Schritt, der ein neu erwachtes Interesse am Westen bekundete. Narbo war ein Mittelmeerhafen nahe der Mündung der Aude, die einen natürlichen Handelsweg in den Westen bot. Bei Carcassonne auf dem Landweg nach Westen gelangte man zur gallischen Stadt Tolosa (Toulouse), die wegen ihrer Lage den Zugang zur Garonne und damit zum Atlantik kontrollierte. Auf diesem Weg war jahrhundertelang Zinn aus der Bretagne und von den Britischen Inseln in den Mittelmeerraum gebracht worden. Mit der Gründung von Narbo setzte Rom ein klares Zeichen für seine Absicht, die Kontrolle über den Handel zu übernehmen, doch erst einige Jahre später gelang es, Tolosa militärisch zu unterwerfen und den direkten Zugang zur Garonne zu gewinnen. So haben die Expeditionen in Südgallien Rom innerhalb eines Jahrzehnts die uneingeschränkte Herrschaft über die beiden wichtigsten Handelswege nach Westeuropa verschafft - über die Aude und die Garonne nach Nordwesten und die Rhone aufwärts nach Norden.

Inzwischen ergab sich weit im Norden eine Situation, die die Römer in Angst und Schrecken versetzte. Um 120 V. Chr. beschloß ein von Kimbern und Teutonen angeführter Stammesverband, der in Jütland und an der Nordseeküste gelebt hatte, nach Süden zu wandern. Zunächst zogen sie durch Mähren und Ungarn ins mittlere Donaugebiet, wo sie den keltischen Stamm der Skordisker angriffen und zwangen, in südlicher Richtung nach Makedonien und nach Westen entlang der Save auszuweichen. Im Jahr 113 v. Chr. zogen die Kimbern und Teutonen schließlich nach Westen und griffen das Königreich Noricum an, das enge und lukrative Beziehungen zu Rom unterhielt. Ein römisches Heer wurde entsandt, doch vernichtend geschlagen. Angesichts einer riesigen, nur wenige Tagesmärsche von Italien entfernten wilden Germanenhorde, werden sich wohl viele Römer an die schrecklichen Geschichten erinnert haben, die über den Angriff der Kelten auf Rom vor knapp drei Jahrhunderten erzählt wurden. Aus unerfindlichen Gründen jedoch zogen die barbarischen Horden nicht nach Italien weiter, sondern in Richtung Westen nach Gallien. Sie zogen plündernd und mordend durch den westlichen Teil der Provinz Gallia Transalpina und brachten den römischen Streitkräften, die sie aufhalten sollten, 109 und 107 V. Chr. vernichtende Niederlagen bei. Als dies im Jahr Io, v. Chr. bei Arausio an der Rhone zum dritten Mal geschah, wurde das römische Italien von einer neuen Schreckenswelle erfaßt. Schließlich stellte sich Rom der Herausforderung. Im Jahr 102 V. Chr. stand Marius mit einem modernisierten Heer bei Aquae Sextiae (Aix-en-Provence) den Teutonen gegenüber und gewann die Schlacht. Im nächsten Jahr wurden die Kimbern bei Vercellae in der Po-Ebene vernichtend geschlagen, und die Bürger Italiens konnten wieder aufatmen. Die verheerenden Auswirkungen dieser Jahre auf die Psyche der Römer sind kaum zu überschätzen. Seit der keltischen Völkerwanderung im 4. Jahrhundert v. Chr. hegten sie eine tiefe Furcht vor den Barbaren aus dem Norden, und nun war das Befürchtete zum zweiten Mal Realität geworden. Von nun an mußte ein ehrgeiziger Feldherr nur das Schreckgespenst weiterer Bedrohungen aus dem Norden heraufbeschwören und sofort wurde er von der verängstigten Bevölkerung mit allen Vollmachten ausgestattet. Gaius Julius Cäsar verstand es, diese Angst zu seinem Vorteil zu nutzen.

Die germanischen Horden mochten kommen und gehen, der Handel mit Gallien wurde unvermindert fortgesetzt. Ganze Flotten von Handelsschiffen legten in den Häfen des südlichen Gallien an, und ihre Fracht, die vornehmlich aus Amphoren mit Wein bestand, wurde auf Schleppkähne verladen und weit ins Landesinnere gebracht. In Orten wie Tolosa und Chalon-sur-Saone wurde der Wein zum Weitertransport über Land in Fässer oder Häute umgefüllt. Die leeren Amphoren wurden, wie in Tolosa, einfach zerschlagen oder, wie in Chalon, in den Fluß geworfen. Doch brachten die römischen Händler auch Amphoren über Land in die einheimischen Oppida, z. B. nach Montmerlhe, Essalois, Joeuvres und Bibracte, wo sie gegen Sklaven und andere Waren eingetauscht wurden. Es ist gut möglich, daß römische Händler in diesen Oppida auch Niederlassungen gegründet haben. Mit Sicherheit war dies in Chalon (Cabillonum) der Fall, denn Cäsar erwähnt sie im Jahr 52 v. Chr. als Siedler. Und von diesen bedeutenderen Oppida in Gallien aus gelangten die Amphoren vermutlich über einheimische Handelssysteme in die Siedlungen, in denen der Wein dann Abnehmer fand.

Ausgehend von der Verbreitung der Weinamphoren aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. in Gallien läßt sich vermuten, daß die Flüsse die bedeutendsten Transportwege waren, eine Beobachtung, die von Strabon bestätigt wird. Von besonderer Bedeutung scheint der Handelsweg auf den Flüssen Aude und Garonne gewesen zu sein. Auf dieser Route waren die Erzvorkommen der Montagne Noire und der Pyrenäen zu erreichen. Sie führte aber auch zu den Seewegen des Atlantik. Wie weit nach Norden italischer Wein im frühen 1. Jahrhundert v. Chr. gelangte, zeigen die zahlreichen Amphorenfunde in der Bretagne, besonders entlang der Küste von Morbihan und Finistere, und bei Hengistbury Head an der Küste und im Hinterland von Solent im südlichen Mittelengland. Es gibt mittlerweile genug Funde, die belegen, daß der wichtigste Handelsweg dorthin die französische Westküste entlang hinauf zur Bucht von Quiberon führte, wo die Fracht gelöscht wurde. Ein Teil wurde auf kleinere Schiffe der dort ansässigen Veneter verladen und weiter nach Westen um die bretonische Küste herum transportiert, ein anderer Teil die Flüße Vilaine und Rance aufwärts quer durch die Bretagne zur Nordküste bei Alet, wo sich bis zum 1. Jahrhundert v. Chr. im Schutz eines wahrscheinlich befestigten Felsvorsprungs ein bedeutenderer Handelshafen entwickelt hatte. Von hier fuhren die Schiffe der Coriosoliten Richtung Norden über Guernsey nach Hengistbury, das sich in dieser Zeit zu einem größeren Umschlagplatz entwickelt hatte. In Hengistbury gibt es viele Funde, die darauf hinweisen, daß dort Metalle, darunter Eisen, Kupfer, Silber und Gold, sowie Getreide und vermutlich auch Rinder für den Export gelagert wurden. Importiert wurden, wie aus Funden im Hafen hervorgeht, Wein, buntes Glas, Feigen und die verschiedensten Erzeugnisse aus der Bretagne, die in bretonischen Tonkrügen dorthin gebracht wurden. Cäsar hatte eine, wenn auch unvollständige Vorstellung von diesem Handelssystem, als er über die Stärke der Veneter in Seefahrt und Handel schrieb.

In den ungefähr sechzig Jahren zwischen der Gründung der Provinz Gallia Transalpina und der Eroberung Galliens durch Cäsar gerieten die Stämme in Gallien, besonders direkt an der Grenze zur römischen Provinz, immer mehr unter römischen Einfluß. Das hatte Veränderungen in der Sozialstruktur zur Folge, was sich besonders deutlich bei den Helvetiern, die im Gebiet der heutigen Schweiz ansässig waren, beobachten läßt. Im Jahr 58 v. Chr. hatte dieser Stamm bereits keinen König mehr, und die Regierung lag bei einem gewählten Magistrat. Aber diese Ordnung war nicht stabil. Orgetorix, einer der Adligen, wurde angeklagt, eine Verschwörung zur Ergreifung der königlichen Macht geplant zu haben. Er wurde gefangengenommen, und wenn man ihn für schuldig befunden hätte, wäre er verbrannt worden; offenbar hat er es jedoch vorgezogen, Selbstmord zu begehen. Unter den Häduern jener Zeit war die Magistratsregierung fester etabliert. Der Vorsitzende eines solchen Magistrats, der Vergobretos, hatte beträchtliche Machtbefugnisse. Seine Macht war aber insofern beschränkt, als die Amtszeit auf ein Jahr begrenzt und es ihm während dieser Zeit untersagt war, das Stammesgebiet zu verlassen. Auch konnte kein anderes Mitglied seiner Familie zu seinen Lebzeiten das Amt übernehmen oder auch nur in den Magistrat gewählt werden. Offenbar sollten diese strikten Reglements verhindern, daß eine bestimmte Familie zu viel Macht auf sich vereinte und daß der Magistrat nach keltischer Sitte Raubzüge durchführte, um sein Ansehen zu vergrößern und eine mächtige und daher gefährliche militärische Gefolgschaft um sich zu scharen. All dies stand im deutlichen Gegensatz zu den gesellschaftlichen Verhältnissen, die im 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. herrschten. Man könnte auf den Gedanken kommen, daß diese Veränderungen, zum Teil wenigstens, auf Betreiben Roms eintraten. Es muß ihren Interessen sehr entgegengekommen sein, wenn das Grenzgebiet von Stämmen besiedelt war, die eine stabile Regierung hatten, anstatt sich Gruppen gegenüber zu sehen, für die Kriegerruhm und Raubzüge wichtig waren.

Der Einfluß des im Werden begriffenen Imperiums - im wesentlichen war es noch immer eine mediterrane Macht- auf die nördlicheren und nordwestlicheren Gebiete Europas wurde von Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. an immer stärker, in dem Maß, in dem die Nachfrage Roms nach Rohstoffen wuchs. Parallel dazu tauchen in einem beachtlichen Gebiet große befestigte Siedlungen auf, die allgemein unter der Bezeichnung Oppida bekannt sind; es ist das Wort, das Cäsar für diese Art von Siedlungen, auf die er in Frankreich gestoßen war, verwendet hat. Oppida waren über einen großen Teil Mitteleuropas, von Westfrankreich bis nach Serbien und von den Alpen bis zum Sudetengebirge in der ehemaligen Tschechoslowakei verbreitet. Große Grabungen, z. B. im süddeutschen Manching, haben ergeben, daß der Bereich innerhalb der Befestigung von geraden Straßen gegliedert war und dicht mit regelhaft angelegten Holzhäusern bebaut war. Die Funde lassen auf eine vielfältige handwerkliche Produktion innerhalb der Oppida schließen. In zum Teil industriellem Umfang wurden z. B. auf der Töpferscheibe gedrehte Keramik, daneben Glasperlen und Armreifen sowie Eisengerätschaften hergestellt. Die Oppida waren auch Münzorte. Angesichts der Zahl der Einwohner und ihrer immensen Produktivität liegt es nahe, die Oppida als die ersten städtischen Zentren in Europa außerhalb des mediterranen Raumes anzusehen. Zumindest lassen viele von ihnen einige Grundzüge der städtischen Lebensweise erkennen.

Es liegt nahe, derartige Formen »städtischen« Lebens, die etwa ab 150 v. Chr. quer durch Europa anzutreffen sind, als die unmittelbare Folge einer Intensivierung des Handels zu betrachten, hinter der die steigende Nachfrage der römischen Verbraucher stand. Vermutlich war dies ein Grund, doch wäre es falsch, den Einfluß Roms zu überschätzen und im Sinne eines kausalen Wirkungszusammenhangs mißzuverstehen. Es ist anzunehmen, daß sich in den nordalpinen Siedlungen im frühen 2. Jahrhundert ein Prozeß der handwerklichen Spezialisierung vollzog. Kleinere umherziehende Stammesgruppen verschmolzen zu stabileren politischen Gebilden. Diese Entwicklung zu einer städtisch geprägten Wirtschaftsweise, die durch die Macht eines Königs oder eines bedeutenden Häuptlings politisch legitimiert wurde, hatte bereits eingesetzt, als die Römer ihre Handelsbeziehungen zum Norden aushauten. Darum scheint es angemessener, das Auftauchen der Oppida als ein endogenes Phänomen des keltischen Mitteleuropas zu betrachten, dessen weitere Entwicklung allerdings dann beschleunigt wurde, als die Nachfrage der römischen Welt nach Rohstoffen immer weiter wuchs.


Das gute Buch:
Illustrierte Vor- und Frühgeschichte Europas
Barry Cunliffe
Sonderausgabe 2000 Parkland Verlag Köln
ISBN 3-88059-979-3



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