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| VON DER REPUBLIK ZUM KAISERREICH:
DIE ANFÄNGE 140 - 60 V. CHR. |
Freitag, 30. 07. 2010 |
Aus: Illustrierte Vor- und Frühgeschichte Europas, Campus Verlag 1996, Barry Cunliffe, Der Einfluss Roms auf die barbarischen Gesellschaften 140 v.Chr. 300 n.Chr.
Im Jahr 146 V. Chr. wurden Karthago und Korinth von den römischen Streitkräften zerstört, und so hatte Rom bei seinem unaufhaltsamen Streben nach der Vorherrschaft über die alte Welt einen größeren Schritt getan. Ähnlich folgenreich sind drei wichtige Ereignisse im Jahr 133 v. Chr., die im Abstand von wenigen Monaten aufeinander folgten. Im Westen wird mit der Belagerung von Numantia der Widerstand der Iberer gebrochen; im Osten fällt Rom durch das Testament Attalos III. ein großer Teil Kleinasiens zu; und in Rom selbst wird Tiberius Gracchus, gerade von einem Feldzug in Spanien zurückgekehrt, zum Volkstribun gewählt. Die Inbesitznahme großer neuer Gebiete an beiden Enden des Mittelmeerraums führt zu einer neuen Verteilung der Kräfte und zugleich zu neuen Spannungen im römischen Staat: Allerdings ist mit Gracchus ein Mann an die Macht gekommen, der gewillt war, dem wirtschaftlichen und sozialen Verfall entgegenzuwirken, der das Zentrum des Reichs ergriffen hatte.
Um zu verstehen, mit welchen Problemen sich Rom zu dieser Zeit auseinanderzusetzen hat und wie es sich unter ihrem Einfluß zum Kaiserreich entwickelt, muß man berücksichtigen, wie sich zu jener Zeit die gesellschaftlichen Verhältnisse in Italien verändern. Anfänglich waren die Verhältnisse in Rom denen der keltischen Gesellschaft in vielerlei Hinsicht ähnlich. Die hierarchischen Strukturen beider Gesellschaftssysteme basierten auf Kriegertugenden, auf Taten, die für das Volk durch die Zeremonie des Triumphzugs legitimiert wurden. Eine solche Gesellschaft braucht den Krieg für ihren Fortbestand, und darum waren die Kriegszüge ein wesentlicher Bestandteil beider Gesellschaftsordnungen. Seit dem 5. Jahrhundert waren Feldzüge an der Tagesordnung, und von Mitte des 3. Jahrhunderts an waren die Römer entlang der ständig länger werdenden Reichsgrenzen nahezu ununterbrochen in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt. Wirtschaftlich konnte dieses System existieren, weil der Boden in Italien verhältnismäßig fruchtbar war. Die Landwirtschaft war zunächst als Subsistenzwirtschaft organisiert, das heißt, der einzelne Bauer produzierte nur, was er brauchte, um seine Familie zu ernähren und Steuern zu bezahlen. Darum stand dem Römischen Reich auf dem Land ein riesiges Potential ungenutzter Arbeitskraft zur Verfügung, aus dem sich die Legionen unter Führung der Oberschicht rekrutieren konnten.
In den frühen Jahren der Republik wurden die Befehlshaber der römische Heere alljährlich durch das Los bestimmt. Damit sollte die Konzentration der Macht in den Händen eines einzelnen verhindert werden. Die Bauern mußten Militärdienst leisten. Auf diese Weise ergab sich ein gewisses Gleichgewicht: Solange in einem bestimmten Umfang Kriege geführt wurden, konnte das überschüssige Bevölkerungspotential sinnvoll eingesetzt werden, während sich gleichzeitig ihre Zahl durch die Verluste auf den Schlachtfeldern wieder regulierte. Sobald sich Rom jedoch in weiter entfernten Regionen des Mittelmeerraums auf groß angelegte Angriffskriege einließ, verschob sich dieses Gleichgewicht.
Wegen der langen Abwesenheit der Männer wurden die sozialen Verhältnisse auf dem Land instabil. Kleine Betriebe konnten sich nicht mehr halten, und der saisonale Uberschuß an landwirtschaftlicher Arbeitskraft, auf den größere Güter angewiesen waren, wurde aufgezehrt. Dazu kam, daß die Männer, die lange Zeit in der Armee gedient hatten, wenig Lust hatten, in ihre bäuerliche Umgebung und Lebensweise zurückzukehren. Das Ergebnis war eine zunehmende Landflucht in die Städte; kleine Höfe wurden aufgegeben oder von den großen Gütern übernommen, und diese wiederum waren immer mehr auf Sklavenarbeit angewiesen, um ihre Produktivität zu erhalten. Auf diese Weise wurden die Sklaven, ein Nebenprodukt des Krieges, zur hauptsächlichen Quelle der Arbeitskraft in der römischen Landwirtschaft. In den Städten entstanden Armut und Slums, während auf dem Land die kleinen Landbesitzungen den riesigen Gütern der Aristokratie einverleibt wurden, so daß die Zahl der freien Bauern, aus denen sich die römischen Heere rekrutierten, immer weiter abnahm. Als sich die Grenzkriege erneut vermehrten und sehr viele Legionäre, deren Militärzeit abgelaufen war, voller Erwartungen nach Italien zurückströmten, verschärfte sich die soziale Krise. Diesen Zuständen wollte Tiberius Gracchus im Jahr 133 v. Chr. zu Leibe rücken.
Seine Landreform sah vor, daß das Staatsland, das sich inzwischen zu großen Teilen im Besitz einer Oberschicht befand, wieder an die kleinen Landbesitzer verteilt werden sollte. Die Reform stieß auf heftige Opposition im konservativen Lager. Gracchus wurde ermordet, doch damit war das Problem nicht aus der Welt. Es blieb seinem Bruder Gaius S. Gracchus vorbehalten, eine neue Lösung zu finden, nämlich Bürgerkolonien in abgelegenen Teilen Italiens und in den neu erworbenen überseeischen Gebieten zu gründen. Auch dieses Vorhaben stieß zunächst auf Widerstand, doch konnte es durchgesetzt werden. Zwischen 80 und 8 v. Chr. wurde ungefähr die Hälfte der freien männlichen Bevölkerung Italiens in kleinere Städte und auf Höfe in Italien und in den Provinzen umgesiedelt, und zwischen 45 und 8 v. Chr. kam es zur Gründung von hundert Kolonien in den überseeischen Gebieten. Durch die Umsiedlungen verminderte sich nicht nur der soziale Druck in Rom, sondern es entstanden auch an strategisch bedeutsamen Punkten entlang der immer länger werdenden Grenzen Enklaven mit militärisch ausgebildeten Männern, die bereit waren, ihren Besitz zu verteidigen, und so eine Art Schutzwall um Italien bildeten.
Unterdessen gedieh in Italien selbst weiterhin der ländliche Großgrundbesitz. Land galt der Aristokratie als bedeutende Anlagemöglichkeit, und da die Landwirtschaft in den Provinzen große Gewinne abwarf, wurde mehr Land gekauft, um es gewinnbringend zu bewirtschaften. Folgt man den beiden römischen Schriftstellern M.T. Varro und L. Columella, so hat sich Italien in dieser Zeit zu einer einzigen riesigen Obstplantage entwickelt; es war die Zeit, in der immer neue Traktate über die Bewirtschaftung großer Güter verfaßt wurden. Sie alle enthielten Ratschläge für den Einsatz von Sklaven. Ein Sklave war vielleicht kostspielig, doch konnte man ihn zu schwerer Arbeit heranziehen, ohne daß er vom Gesetz her irgendwelche Rechte gehabt hätte. Zudem konnte man Sklaven, sofern sie ordentlich behandelt wurden, zur Fortpflanzung ermuntern, was den Gewinn des Grundherrn noch vergrößerte. Das Wachstum der großen Besitztümer brachte es daher mit sich, daß sich die Sklavenbevölkerung drastisch vermehrte: Bereits Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. arbeiteten allein in Italien mehr als eine Million Sklaven in der Landwirtschaft. Diese Entwicklung hatte ihre eigene Dynamik. Der Zustrom von Investitionskapital führte dazu, daß sich der Großgrundbesitz ständig vermehrte und die Anbauflächen immer größer wurden, und so nahm auch die Nachfrage nach Sklaven immer mehr zu. Gleichzeitig mußten die Großgrundbesitzer mit möglichst geringen Unkosten Uberschüsse an landwirtschaftlichen Erzeugnissen erwirtschaften und mit dem größtmöglichen Profit auf dem Markt absetzen, damit sich die Investitionen rentierten.
Die meisten antiken Autoren, die sich mit diesem Thema beschäftigen, halten den Anbau von Wein für den einträglichsten Zweig der Landwirtschaft. Der Anbau von Wein, sagt Plinius, werfe einen größeren Gewinn ab als der Handel mit dem Fernen Osten. Das mag stimmen, aber man war eben davon abhängig, daß man tatsächlich Absatzmärkte fand, und der italienische Markt war bei weitem zu klein. Daher begannen die großen Weinerzeuger, sich in den Nachbargebieten umzusehen, und nirgendwo sahen sie bessere Absatzmöglichkeiten als im Land der Barbaren: Die Leidenschaft der Kelten für den Wein genoß einen legendären Ruf:
"Sie haben eine überaus große Vorliebe für Wein und stillen ihren Durst mit unvermischtem Wein, den die Händler ins Land bringen: ihre Gier veranlasst sie zu hastigem Trinken, und wenn sie betrunken sind, verfallen sie in Zustände der Erstarrung oder der Raserei. Deshalb betrachten viele Händler aus Italien, die für ihre Liebe zum Geld bekannt sind, die Gallier mit ihrem Verlangen nach Wein als wahre Goldgrube. Sie transportieren den Wein in Booten auf den schiffbaren Flüssen und auf Wagen durch die Ebenen. Für den Wein erhalten sie einen unglaublich hohen Preis: für eine Amphore Wein einen Sklaven - einen Diener im Tausch gegen ein Getränk." (Diodorus Siculus)
So exportierten italienische Händler seit Beginn des 2. Jahrhunderts den in Italien nicht absetzbaren Wein in immer größeren Mengen in die Hafenstädte des südlichen Gallien. Dieses Gebiet wurde nach seiner Annektierung um 120 V. Chr. mit Wein geradezu überschwemmt.
Damit dürfte deutlich geworden sein, daß die Dynamik, die sich im sozialen und wirtschaftlichen System des römischen Italien entwickelte, den ganzen Mittelmeerraum und sogar über die Alpen hinweg das südliche Mitteleuropa erfasste. Gegen Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. war der Krieg zu einem beherrschenden Teil des Lebens geworden: Er verursachte Probleme, aber er schuf auch gleichzeitig die Möglichkeiten, diese Probleme zu lösen. Mit der Eroberung neuer Gebiete erwarb Rom das, was es am meisten brauchte, um seinen Fortbestand zu sichern: Reichtum, Rohstoffe und Arbeitskräfte in Form von Sklaven. Aber nicht weniger bedeutend ist die Tatsache, daß man in den neu gewonnenen Provinzen Territorien fand, in denen man die Uberschüsse günstig los werden konnte, die die inneren Reichsgebiete abwarfen, etwa den Wein von den großen italienischen Landgütern oder Kriegsveteranen. Letztere hätten das soziale Gleichgewicht in Italien ernsthaft beeinträchtigen können. So aber stützte sich das mediterrane Kernland des Römischen Reichs immer mehr auf die Grenzländer zum barbarischen Europa, und wenn diese Randgebiete eingegliedert waren, dann fand man dahinter neue Territorien - bis die Meere, die Wüsten und die Urwälder erreicht waren.
Bis hierher haben wir uns in der Hauptsache mit den gesellschaftlichen Verhältnissen und nicht mit Individuen beschäftigt. Bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts war das Individuum nicht als eigene soziale Größe in Erscheinung getreten. Nach 131 jedoch, zur Zeit der Revolution, die die Republik zum Kaiserreich machte, sprengte der Ehrgeiz großer Männer die alten Fesseln. In der Phase der Expansion, die bis zum Tod Trajans im Jahr 117 n. Chr. dauerte, wurden sie zu einer bedeutenden Triebfeder.
Das gute Buch:
Illustrierte Vor- und Frühgeschichte Europas
Barry Cunliffe
Sonderausgabe 2000 Parkland Verlag Köln
ISBN 3-88059-979-3


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