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| WARUM ATUATUCA |
Freitag, 30. 07. 2010 |
Die Philosophie und Motive der Suche nach Atuatuca sind recht einfach und gliedern sich zunächst in drei Teile: 1. Es zu finden, macht die Person berühmt, welche den Ausschlag dazu gab. 2. Der Fund ist von nationaler Bedeutung für das Land, in dem dieser gemacht wird. 3. Der Fund bedeutet einen symbolischen Kraftpunkt des (postum) gelungenen Widerstandes gegen eine Fremdherrschaft in Mitteleuropa (siehe D-Tongeren oder F-Alesia).
Zu 1: Motive zur Suche nach dem Ort finden sich in Form von Minderwertigkeitgefühlen der suchenden Person gegenüber den nach dessen Meinung auslösendenen Faktoren, welche Arbeitgeber (Versagensängste) oder öffentlichen Trägerschaften (Entäuschte Karrierevorstellungen) sein können. Stellt man eine wissenschaftliche Motivation als möglich an, so ist diese z. Z. nicht schlüssig vertreten. Es fehlen Menschen, welche die oben angeführten Gründe in sich bergen und dem Ganzen den nötigen Drive geben.
Zu 2: Ein Fund dieser Qualität bietet dem Ort, dem Land und dessen Bürgern in dem Landstrich, wo es gefunden wird, eine gute Vermarktungschance durch Tourismus, Merchandising, Industrie- und Kultursponsoring, Druckereien und chinesischen Nippesherstellern. In dem Sinne sind dies keine Motive, bewahrheiten sich aber nach der Findung, denn Geld stinkt nicht. Die Plattform des Fundes bietet Personen aller Couleur und Schattierungen ein gute Profilierungs- und Performancebühne; einigen wenigen dann auch den wissenschaftlichen Hintergrund, welcher der Fund in sich bergen würde.
Zu 3: Der Ort wird mythisch werden, wenn er es schon nicht ist. Nur durch die Manifestion des Ortes als fassbarer und betretbarer Ort erlangt er die Qualität von etwa Troja oder Alesia. Der Ort ist schon immer da gewesen, er ist banal. Erst durch die Ereignisse auf ihm wurde er interessant und wichtig. Er verschwindet aber wieder in der Geschichte und ist verborgen. Dennoch präsentiert er gerade den gelungenen Widerstand gegen Fremdherrschaft, Kulturüberlagerung und einem schier übermächtigen Gegner. Hinzu kommt noch der Name des Gegners, welcher allein schon den Umständen zur Genüge täte.
Das Gefecht bei Atuatuca war im Vergleich zu anderen großen Schlachten der Antike und der Neuzeit geringfügig. Insgesamt etwa 10.000 Menschen dürften damals versucht haben, sich an einem Tag gegenseitig umzubringen. Der relative Schaden für die Verlierer war letztlich gering, für die Gewinner bedeutete er jedoch das politische Aus. Interessant für uns Jetzt-Menschen ist der Umstand, das dies alles so akribisch aufgeschrieben wurde und dadurch der Nachwelt erhalten blieb. Oder hätte etwa jemals ein Hahn danach gekräht, wenn es nicht in dieser Art und Weise von so einer prominenten Persönlichkeit der Geschichte fixiert worden wäre? Ein Beispiel: Stellen Sie sich ein Fußballspiel mit etwa 5000 Zuschauern vor; und 5000 Spieler versuchen, in der Mitte des Spielfeldes in einer Reihe durchzumarschieren, werden von den Zuschauern angegriffen, bilden einen Kreis ... etc. etc. und das vor ca. 2000 Jahren an einer für uns unbekannten Stelle mit der vagen Andeutung, das es sich um ein Kreisligaspiel handelte. Doch die Konsequenzen waren interessant. Zum einen war es das erste Fußballspiel, indem die bisher immer unterlegene Mannschaft siegte und es war das erste Spiel, von dem wir die konkreten Namen einiger Spieler und den Namen des Austragungsortes kennen.
Glauben Sie, das die Eburonen mit dem Schlachtruf "Better to burn, than to fade away!" angriffen? Hätte es Caesar aufgeschrieben, würden wir es glauben.
Ambiorix ist eine Chimäre Caesars, welche dieser selbst geschaffen hat, praktisch sein alter ego. Ohne Caesar kein Ambiorix. Das Paradoxe ist, das Caesar diesen Mythos schuf, einem bösen Gegner gleich, so wie den gefallenen Engel Luzifer im großen Theater Gottes. Wo es Licht gibt, gibt es Schatten, ein uraltes Prinzip. Erhöht sich Caesar durch Ambiorix, so wie Gott es durch Satan tut? Wahrscheinlich. Denn wenn es einen Gott gibt, gibt es auch einen Satan. So sind wir Menschen halt. Passt scho.
Eine besonderes Element ist pikant, speziell unter deutschem Aspekt. Zwei verschuldete Weltkriege unter zwei scheinbar allmächtigen "Führern" in kurzen Abständen hintereinander, geben der deutschen Archäologie auf der Suche nach dem Wirken des römischen Heerführer Caesar auf heutigem deutschem Staatsgebiet eine vorsichtige Gangart. Wenn ein Mommsen noch in der deutschen Kaiserzeit nichts über Caesar kommen ließ und dieser das Nonplusultra des Römers darstellte, also eine Vorbildfunktion, wandelte sich dieses Bild unter uns Adolf (hatte dieser doch den Möchtegerncaesar-Diktatorverschnitt Mussolini am Hals) zum Gigantismus (was dachte Hitler über Caesar, sprach er Latein - Hitler? Er kannte jedenfalls nicht seinen Clausewitz). Nach der totalen Niederlage des Nationalsozialismus (dank der allierten freien Welt) stieg uns Caesar in Deutschland nur noch zum verachtet/gehassten Lateinunterrichtsstoff auf, bis hin zur Comix-Figur einer französischen Serie. Wir (die Deutschen) tun uns schwer mit dem Caesar, dem Weltenwandler und Feldherrn. Am besten gar nicht wecken. Doch Caesar war leider da, wenn auch ein Kind seiner Zeit, brutal, intelligent, perfide und gebildet. So was gibt es heute auch noch. Warum Herrn Caesar nicht enttarnen, Orte finden, wo er in Belgium gewirkt hat und diese als Symbol der Geschichte deuten, ohne Pathos, ohne politischen Hintergrund und ohne landesüblichen Nationalismus? Nicht nur in Deutschland, auch in Belgien und den Nederlanden. Das Thema ist länderübergreifend.
Friedrich Schlette Kelten zwischen Alesia und Pergamon Urania Verlag Leipzig-Jena-Berlin 1979 Antiquariat


©2010 | Atuatuca | Si non è vero, è ben trovato!
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