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DIE EBURONEN Freitag, 30. 07. 2010

GESCHICHTE UND SCHICKSAL

Von Dr. Richard Spessart
Heimatforscher - geb. 1887 in Euskirchen, 1914 Staatsexamen, Weltkrieg, Rückkehr 1920, 1923—50 Studienrat in Wuppertal-Elberfeld, Lebensabend in Sinnig, gestorben am 1. Februar 1956

Als Julius Caesar sich im Jahre 58 v. Chr. ohne amtlichen Auftrag seitens seiner Regierung in Rom, aus Begierde nach Geld, Ruhm und Macht, mit den damals schon westlich des Rheins wohnenden Altgermanen zu schaffen machte, war er auch gezwungen, die Namen deren Völker anzugeben, so gern er sie, wie am Anfang seines „Gallischen Krieges", verschwiegen hätte.

Im Jahre 57 hatten die Belgier und die in Belgien wohnenden altgermanischen Völker es ihm angetan. Caesar lebte des Glaubens, nachdem er Herr am Oberrhein geworden sei, brauche er nur noch die Gebiete am Niederrhein und an der unteren Maas zu erobern; dann fiele das Mittelrheingebiet ihm leicht, gewissermaßen von selbst, zu. Die Rechnung ging nicht auf:

Sein „Sieg" über die Schwaben im Elsaß (58 v. Chr.) war nur knapp errungen. Seine „Siege" über die Belgier an der Aisne und über die germanischen Nervier an der Sambre -waren keine (57 v. Chr). Der „Untergang" von 57 000 (!) Aduatukern auf der heutigen Festung Embourg östlich Lüttich (57 v. Chr.) ist eine große, aus Caesar selbst nachweisbare Lüge. Lorbeeren hat Caesar in Belgien kaum erworben.

Ein beachtliches Teil zu Caesars Mißerfolgen am Mittelrhein trug das altgermanische Volk der Eburonen bei. Von West nach Ost wohnte „ihr größter Teil zwischen Maas und Rhein" (Caesar V 24, 4). Das stimmt, mit dem Zirkel gemessen, ganz genau. Ihre Südgrenze war die Eifelbarriere, d. h. die Wasserscheide Niederbreisig-Kelberg-Sankt Vith. Ihre Nordgrenze wird auf der Linie Erftmündung (Neuß) und Mündung der Rur (Roermonde) angegeben. Die Eburonen bewohnten die Wassergebiete der Ahr, der Erft und der Eifel-Rur mit Urft, also u. a. auch den gesamten Kreis Ahrweiler mit Ausnahme des Brohltales. Sie hatten, wie auch andere Altgermanen, zwei Könige: Catuvolkus und Ambiorix. Ersterer, der milder gesinnte, vermutliche Regent über die Eifel-Eburonen; Ambiorix, der Haudegen, Herr der sich abdachenden Nordeifel und der sich anschließenden Niederung.

Die Eburonen waren bestimmt diejenigen Altgermanen, die als letzte in das westlich des Rheins gelegene Rheinland eingewandert waren. Das schließe ich aus folgenden Tatsachen: 1. Sie sind, von Süden nach Norden gerechnet, das nördlichste der altgermanischen Völker der westlichen Rheinlande. 2. Ihr Gebiet weist zur Zeit Caesars noch keine einzige irgendwie geschlossene Siedlung eigenen Namens auf. 3. Sie sind die wildesten Germanen des Rheinlandes, die erbittertsten Gegner Caesars, dem sie mehr zu schaffen machten als alle anderen Germanen westlich des Rheins zusammengenommen.

Im Spätherbst 54 überredeten Ambiorix und die Seinen, mit dem Hinweis auf das in drei Tagen bevorstehende Anrücken rechtsrheinischer Germanen, die in Atuatuca-Atsch bei Stolberg im Winterquartier eingelagerten Generale Sabinus und Cotta zum Abzug. Noch vor Morgengrauen überfielen sie die abziehenden Römer in dem „großen Talkessel" (Caesar VI 32, 2) des Münsterbaches (= Inde!) zwischen Buschmühle und Bockmühle und machten 15 Bataillone — 8—9000 Mann mitsamt ihren Führern nieder! Das war die größte Niederlage in Caesars ganzer militärischer Laufbahn und nächst dem Untergang der Römer im Teutoburger Walde die zweitschwerste Schlappe, welche die Römer von sehen der Germanen haben einstecken müssen.

Darauf wiegelte Ambionx sofort die altgermanischen Aduatuker und Nervier auf und griff mit ihnen und noch fünf anderen germanischen und belgischen Völkern (V 39, 1) das Winterlager des Generals Cicero (eines Bruders des Redners), an. Keiner von Caesars Generalen hatte den Mut, dem Belagerten ohne Caesars Mitwirken zu Hilfe zu kommen. Der „siegte" über die nun auch gegen ihn vorrückenden Germanen, die jetzt ihn belagerten, und „zwang sie" sogar, „die Waffen wegzuwerfen!" Wer das glaubt!

Um die östlich des Rheins wohnenden Germanen nochmal einzuschüchtern und ihnen die Lust zu vergällen, ihren Namensbrüdern westlich des Rheins zu Hilfe zu kommen, überschritt Caesar 53 v. Chr. zum zweiten Mal, diesmal über den Urmitzer Werth, auch diesmal so gut wie erfolglos, den Rhein. Dann ging er zur „Vernichtung" der Eburonen über.

Den Basilus schickte er mit der gesamten Reiterei auf der Straße Urmitz-Mayen-Kelberg-Boxberg-Hlllesheim-Heidenkopf bei Schmidtheim-Neuhof-Elsenborn-Verviers-Lüttich nach Westen. Caesar selbst folgte ihm nach (Caesar VI 29, 4—5). Auf welchem Wege die anderen Generäle dahinzogen, wird nicht berichtet. Faßt man die Länge der Marschkolonne einer einzigen Armee ins Auge, bedenkt man ferner, daß man den „Feind" von mehreren Seiten angreifen muß, um seiner wirklich habhaft zu werden, dann mußte man auch die andere, uralte „Weststraße" benützen: die von der Ahrmündung über Sinzig-Rheinbacher Wald (Beuelskopf, Speckelstein)-Billig f. w. Zülpich-Düren nach Belgien führt. Sie führt übrigens durch Atuatuca-Atsch. Ich habe sie im Atscher Walde in 7,5 m Breite, dicht unter der Grasnarbe gepflastert, wiedergefunden.

Die Großjagd auf Ambiorix war erfolglos; er entkam. Der Feind war im Kleinkrieg im Vorteil. Außerdem brachten sich sehr viele in Sicherheit: „Ein Teil floh in den Ardennenwald (d. h. in die Ardennen und in die Eifel), ein Teil in ausgedehnte Sümpfe (des Hohen Venn). Diejenigen, die dem Ozean am nächsten waren, verbargen sich auf Inseln (der Nordsee und des Kanals), welche die Zeiten der Flut zu bilden pflegen. Viele wanderten aus ihrem Gebiet aus und vertrauten sich und ihre Habe wildfremden Leuten an." (Caesar VI 31, 2—4). Oder „ein jeder hatte sich da niedergelassen, wo ein entlegenes Tal oder eine waldige Stelle oder ein schwer zugänglicher Sumpf einige Hoffnung auf Schutz und Rettung bot" (VI 43, 2). Katuvolkus, der König der Hälfte der Eburonen, ein schon altersschwacher Mann, tötete sich unter Flüchen gegen Ambiorix, den Verursacher des Unglücks, mit dem Saft der Eibe." Diese kam in Gallien, in der Eifel und in Germanien früher häufig vor.

Nun galt der Rest der Unternehmung dem Ambiorix und seinem Anhang. Die Armee wurde neu eingeteilt: Cicero wurde mit der 14. Legion, mit dem Train, mit Genesungskompanien, mit Rekruten und mit „alten Kriegern" an die gefährlichste Stelle, nach Atuatuca — Atsch, gelegt. In seiner Nähe wurde Trebonius angesetzt. Labiemus zog an den „Ozean" und Caesar an die Scheide und an die westlichen Ausläufer der Ardennen. An beiden Stellen war Ambiorix nicht zu vermuten. Für ihn war die Richtung Rhein das Gegebene. Auch in diesem Kleinkrieg war der Feind im Vorteil; die Römer hatten das Nachsehen: die Feinde vermochte man nicht zu fassen; Ambiorix entkam endgültig. Da rief Caesar, um seine Leute zu schonen, von den Nachbarvölkern Männer zum Plündern und Brandstiften herbei. Diese führten den Auftrag z. T. recht gründlich aus. Doch das Volk der Eburonen war immer noch nicht ausgerottet. Nachdem Caesar glaubte, ganz Gallien so „beruhigt" zu haben, dass niemand ihm Widerstand leisten wage, zog er noch einmal gegen die beiden rheinischen Völker, die seinen besonderen Zorn auf sich geladen hatten: Den Labienus schickte er gegen die Treverer im Süden des Rheinlandes, er selbst rückte gegen die Eburonen in der Nordeifel vor, um deren Gebiet zu verwüsten (Caesar VIII 24, l, 4). Man hat vielfach angenommen, das Volk der Eburonen sei durch Caesars Rachezüge gänzlich ausgerottet worden. Doch: die große Ausdehnung des Gebietes der Eburonen und der Aduatuker, die endlosen Wälder, der dichte Baumbestand, die tiefeingeschnittenen Täler, die ansehnlichen, weit voneinander entfernten Höhen der Eifel, des Venns und der Ardennen, die Sümpfe des Hohen Venns und der Gebiete am Niederrhein, Niers und Maas, Ebbe und Flut, die Inseln im Mündungsgebiet von Maas und Scheide, die Tapferkeit der Bewohner und ihre Ortskenntnis, der Mut der Verzweiflung, mit dem es das Letzte zu retten galt, die geschickte Ausnützung des Terrains durch Ambiorix, behinderten die Römer an regelrechter, erfolgreicher Kriegführung und gestatteten andererseits vielen der Verfolgten, sich in Sicherheit zu bringen.

Demnach ist die Annahme berechtigt, dass im Bergland und in der Niederung, wenn auch vielfach versprengt, so doch ansehnliche Reste der Eburonen sich erhalten haben: in der Eifel mehr als im Übergangsgebiet zur Niederung und in dieser selbst. Die beiden letzten scheinen am meisten gelitten und die meisten Menschen eingebüßt zu haben. Deshalb wurden 38 v. Chr. in dem von Eburonen „befreiten" Gebiet aus dem Neuwieder Becken die Ubier auf ihren eigenen Wunsch umgesiedelt. Deren Gebiet umschloß etwa die Linie Niederbreisig-Zülpich-Düren-Jülich-Gellep bei Krefeld-Niederbreisig. So kam zu den Resten der Eburonen frisches germanisches Blut in unsere Heimat. Germanen bewohnten also auch in der Römerzeit unseren Ahrgau.



Noch'n Gedicht vom Dr. Richard Spessart.

Es hat einmal eine Zeit gegeben, in der besonders die klassische Philologie glaubte, unsicher oder unglaubwürdig erscheinende Stellen in alten Texten von Fehlern reinigen und berichtigen zu müssen. Man hat aber festgestel1t, dass solche Mitteilungen, aus wenn sie aus mündlicher Tradition beruhen, oft durchaus die Wahrheit berichten. Erdgeschichtliche, geologische, historische, kulturelle Forschungsergebnisse bestätigen immer wieder, ja man baut sogar auf diesen Mitteilungen auf, indem man ganz richtig vermutet, daß irgend etwas Wahres darin stecken müsse.

An einem Beispiel meines eigenen Forschungsgebietes möchte ich dartun, wie Volksmund und Geschichte bzw. mündliche Überlieferung und Forschung bestätigen können.

Bei meiner Suche nach dem seit Jahrhunderten umstrittenen Atuatuca gelang es mir nach neunjährigem Arbeiten und Wandern den Platz mathematisch, geografisch und sprachwissenschaftlich festzulegen. Atuatuca ist Atsch auf der Anhöhe nordwestlich von Stolberg bei Aachen. Hier ereigneten sich auf einander folgend in den Jahren 54 und 53 v. Chr. zwei für die Römer folgenschwere Katastrophen, die beide mit dem Untergang fast aller römischen Offiziere, Soldaten und Marketender endeten. Insbesondere wurden im Jahre 54 v. Chr. in dem 3 km südlich von Atsch gelegenem, vom Münsterbach durchflossenen "großen Talkessel" rund rund neuntausend Römer bis auf "nur wenige" (Caesar, b.g. V 32,1, 2, und 37,7) niedergemacht.

Als ich 1937 wieder die Atscher Anhöhe durchstreifte, berichtete ein alter Mann von 70-80 Jahren, früher hätte die alten Leute erzählt, vor vielen Jahren wäre im Münsterbach (Inde) so viel Blut geflossen, dass die man Bach anstehenden Felsen gerötet gewesen seien und man zu ihrer Zeit die Spuren des Blutes noch habe sehen können. Wenn auch das Vorhandensein von Blutspuren bezweifelt werden muss, so hatte hier doch auf alle Fälle der Volksmund die Erinnerung an ein Blutbad festgehalten, das mi Tale des Münsterbaches stattgefunden hatte, und es ist nicht ausgeschlossen, dass diese mündliche Überlieferung auf den Überfall zurückgeht, bei dem den Germanen anderthalb römische Legionen zum Opfer fielen.

(Wahrscheinlich aus den Eifelheimatblätter um 1950, aber ungewiss, nur als Kopie vorhanden)



Bemerkungen der Redaktion:

Auf dem Höhenrücken D-Stolberg/Rhld. Atsch befindet sich definitiv kein römisches Lager und auch nicht in dessen Umfeld. Der Raum des D-Stolberger Ortsteil Atsch war jedoch nach heutigem Wissensstand einer der römischen Kernsiedlungsgebiete im Gebiet des heutigen D-Stolberg/Rhld mit Gressenich, Mausbach und Breinig zusammen. Dies bezeugen etwa 5 - 8 villa rusticae in Atsch, eine davon sehr groß und ehemals komplett aus Stein gebaut.

Im D-Stolberger/Rhld. Stadtgebiet lagen einst große Vorkommen von Galmei und Eisen. Galmei ist eine oberflächig erodierte Schalenblende und enthält Zink. Römische Techniker legierten durch Zugabe von Kupfer und Zink das Messing. Diese Technik war den Kelten unbekannt und sie hatten deshalb für Galmei keine Verwendung. Messing wurde in der Antike fast gleichgesetzt mit Gold. Hinzu kommen noch große Vorkommen von Eisenerzen, so dass das diese Region eine nicht zu unterschätzende Rohstoffquelle für Rom bedeutete, bzw. das Rohstoffgebiet der Eburonen gewesen sein muss. Die ersten römischen Prospektoren (unter Caesar?) werden dies schnell erkannt haben und ihre Claims abgesteckt haben.

Im heutigen Gebiet D-Stolberg/Rhld. halten sich noch hartnäckig Sagen und Geschichten über Zwerge, den Killewitchen, welche in der Erde leben, den Menschen helfen und Schätze hüten. Hier liegt wohl der Ursprung im Bergbau, die Schächte waren klein, eng und die damaligen Bergleute trugen eine Art Zipfelmütze, welche dazu diente, körperlich die Decke zu spüren, bevor man mit dem Kopf anstieß. Das Wort für Schacht ist in dieser Gegend immer noch "Kull", welches aus dem Keltischen kommt, Kuhle, Schacht. Das "Killewitchen" ist demnach ein Schachtwesen - vom Wortstamm etwa wie Schneewitchen. Wie dem auch sei, die D-Stolberg/Eschweiler Gegend blickt auf eine lange Bergbautradition zurück, für den Bereich Stolberg/Donnerberg und dem Weissenberg in Stolberg/Mausbach-Gressenich und der Raum Stolberg/Breinigerberg gilt dies seit dem 12. Jahrhundert, erst oberflächig, dann tiefer Abbau. Der Donnerberg ist 600 Jahre lang nach Steinkohle umgegraben worden, der Weissenberg, der Raum Breinigerberg und Büsbach schon zu Zeiten der Römer und Kelten nach Galmei und Eisen, später dann der Hammerberg und erneut der Weissenberg nach Galmei.

Wenn der Raum Stolberg/Eschweiler als Standort des Sabinus angenommen würde, dann im Süden des erstgenannten Städtchens. Dort sind die Voraussetzungen zu der Geschichte Caesars über das Atuatuca gegeben. Hier liegt eine vorrömische Trasse, liegt ein altes Bergbaugebiet, liegt ein langes Tal. Das macht es so interessant. Keine spätkeltische Höhenfestung in dem Raum. Eine Vermutung liegt auf dem Hohenstein/Eschweiler; eine Grabung hat 1978 kein schlüssiges Ergebnis gebracht. Es gibt möglicherweise eine Alternative zum Hohenstein: Stolberg hätte eine gute Chance, der Ort der Ereignisse zu sein. Doch dass ist schon eine neue Webseite wert.


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