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LANDSCHAFTS- UND SIEDLUNGSGESCHICHTE IM RHEINLAND 250 - 50 V.CHR. Freitag, 30. 07. 2010

Aus: PflanzenSpuren Archäobotanik im Rheinland: Agrarlandschaft und Nutzpflanzen im Wandel der Zeiten
Rheinland-Verlag GmbH · Köln 1999 Landschafts- und Siedlungsgeschichte des Rheinlandes (Jutta Meurers-Balke, Arie J. Kalis, Renate Gerlach, Antonius Jürgens)

Ältere Eisenzeit: Hallstatt- und Frühlatènezeit (700-250 v. Chr.)
Jüngere Eisenzeit: Mittel- und Spätlatènezeit (250-50 v. Chr.)
Klimaphase: Subatlantikum

Um 800 v. Chr. beginnt der Klimaabschnitt des Subatlantikum - die Klimaphase des Holozäns, in der wir heute noch leben. Das Subatlantikum ist gekennzeichnet durch ein kühleres und feuchteres Klima. Während die Winter noch verhältnismäßig mild blieben, sanken vor allem die Sommertemperaturen. Man schätzt, daß die Jahresmitteltemperaturen 1-2 °C unter denen der vorherigen Jahrtausende lagen.

Während der älteren Eisenzeit, zwischen 800 und 500 v. Chr., wurde es in Mittel- und Westeuropa zunehmend feucht: In den Alpen stießen die Gletscher vor, und die Menschen verließen die unwirtlicher werdenden Höhenregionen, am Bodensee stieg der Seespiegel um 10 m an, in den Tiefländern breiteten sich die Hochmoore aus, und vermehrt wurden Bohlenwege zur Überbrückung des zunehmend sumpfigeren Geländes angelegt. Im Rheinland sind allerdings solche direkten Folgen der Klimaverschlechterung nicht nachzuweisen. Jedoch korrespondiert auch diesmal wieder ein kultureller Wandel, jener zwischen Bronze und Eisenzeit, mit einer Klimaänderung.

Natürlich war es während des frühen Subatlantikums nicht die gesamte Zeit hindurch regnerisch und feucht-kühl. Die Klimahistoriker können auch von Schwankungen, so zum Beispiel von einer trockeneren, wärmeren Phase um ca. 600 v. Chr. (in der Späthallstatt-/Frühlatènezeit), berichten. In den letzten beiden Jahrhunderten vor der Zeitenwende stieg die Jahresmitteltemperatur in Europa wieder leicht an. Es wird angenommen, daß etwa seit 100 v. Chr. (Spättatènezeit) die Temperatur dem heutigen Mittel entsprach und es vergleichsweise trocken war.

Die ältere Eisenzeit des Rheinlandes hatte ihre Grundlagen in der ausgehenden Urnenfelderzeit und entwickelte sich unter Aufnahme neuer Errungenschaften, vor allem der Eisengewinnung und -verarbeitung. Zahlreiche Siedlungs- und vor allem Grabfunde lassen nun erhebliche soziale Differenzierungen erkennen. So gab es gegen Ende der Hallstatt- und in der Frühtatènezeit gelegentlich besonders reiche Gräber, die in Holzkammern unter Hügeln neben verschwenderischen Waffen-, Schmuck- und Gefäßbeigaben (u.a. aus dem norditalischen Raum importierte Bronzeeimer) als herausragende Statussymbole Wagen mit Bronze- und Eisenbeschlägen enthielten. Die steigende Bedeutung der Eisengewinnung und -verarbeitung wird unter anderem durch eiserne Lanzen und Speerspitzen als typische Ausstattung von Männergräbern dokumentiert. Im Gegensatz zu den in der Bronzezeit verwendeten Metallen konnte Eisen am Niederrhein als Raseneisenerz in sumpfigen Niederungen und Auen, direkt vor Ort, gewonnen werden. Daneben wurden bereits Gang- und Verwitterungserze aus der Eifel und dem Bergischen Land verarbeitet.

Die archäologischen Erkenntnisse zu den Siedlungsformen deuten auf eine zunächst weitgehende Fortführung der älteren urnenfelderzeitlichen Gepflogenheiten hin. Die lockere Streusiedlung ohne dörflichen Charakter blieb auch in der älteren Eisenzeit die bestimmende Siedlungsform. Auf einem weitflächigen Siedlungsareal standen verstreut Pfosten-Holzbauten, die als Speicher, Wohnhaus und Stall dienten. Mit lediglich etwa 2 x 4 m Ausdehnung waren die Häuser recht klein; neben eckigen gab es auch runde Anlagen. Ein Hof setzte sich aus mehreren kleinen Bauten zusammen (Vielhausgehöft). Anders als im südlich anschließenden Gebiet sind im Rheinland befestigte Höhensiedlungen, wie die auf dem Hülser Berg bei Krefeld, allerdings selten nachgewiesen.

Um die Mitte des letzten Jahrtausends v. Chr. vollzog sich im Rheinland der Übergang von der älteren zur jüngeren Eisenzeit ohne spürbare Veränderungen. Die in der ausgehenden Hallstattzeit begonnenen Entwicklungen setzten sich am Mittel- und Niederrhein anscheinend in den frühlatènezeitlichen Stufen A und B (etwa von 500 bis 250 v. Chr.) fort. Spürbare, wichtige Neuerungen gab es erst in der mittellatènezeitlichen Stufe C (ab ca. 250 v. Chr.).

Ab der Mittellatènezeit finden wir eine neue Siedlungsform vor: Die zuvor üblichen Streusiedlungen wurden nun durch Dörfer abgelöst, wobei einige die Funktionen zentraler Orte (Marktplätze u.ä.) einnahmen.

In der jüngeren Eisenzeit erfolgten die Beisetzungen der Toten überwiegend als Brandbestattungen in Flachgräbern. Die Grabbeigaben dokumentieren wie schon in der Hallstattzeit soziale Unterschiede und Gesellschaftsschichtungen.

Die differenzierte Gesellschaftsstruktur beruhte auf soliden wirtschaftlichen Grundlagen und weitreichenden Handelsbeziehungen. Die Kontakte zum Mittelmeerraum zeigen sich im latènezeitlichen Kunststil und im hochentwickelten Handwerk, speziell im metallverarbeitenden Gewerbe. Seit dem Ende der Mittellatènezeit traten auch im Rheinland erste Münzprägungen, die sogenannten Regenbogenschüsselchen, auf, die wesentliche Erleichterungen im überregionalen Handelsverkehr brachten. Die Glasproduktion und -verarbeitung zu Schmuckstücken ist im Rheinland seit dem 4. vorchristlichen Jahrhundert bekannt. So sind Bruchstücke der zumeist kobaltblauen Glasarmringe wichtige archäologische Leitformen für die Mittel- und Spätlatènezeit.

Caesar fand eine heterogene Bevölkerung mit teilweise keltischen, teilweise germanischen Strukturen vor, die sich in mehrere Stämme mit unterschiedlichem kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Aufbau gliederte.

Während die archäologisch faßbaren Indizien auf eine Kontinuität zwischen jüngerer Bronzezeit und älterer Eisenzeit schließen lassen, weisen die Pollenspektren mit dem Beginn der älteren Eisenzeit auf die Einführung eines neuartigen Landwirtschaftssystems hin. Der erneute Rückgang der Gehölzpollen zeigt, daß die Bewaldungsdichte weiter abgenommen hat. Vor allem die Linde war in den Wäldern weitgehend zurückgedrängt worden. Als wichtigster Waldbaum hatte sich nun die Eiche etabliert. Die Wälder waren in lichte Eichen-Mischwälder umgewandelt worden. In solchen lichten Eichenwäldern ist ein dichter Unterwuchs von Haselsträuchern zu erwarten, solange diese nicht vom Vieh gefressen werden. Die in der frühen Eisenzeit zugleich mit den Eichen-Mischwald-Anzeigern deutlich zurückgehenden Haselwerte sind ein Hinweis darauf, daß die lichtreichen Wälder intensiv als Viehweide genutzt wurden, wodurch die Strauchschicht infolge des Viehverbisses nachhaltig geschädigt wurde. Die starke Beweidung der Landschaft führte sogar zu den ersten Heideflächen, die sich auf nährstoffarmen Böden bei Uberweidung einstellten. Solche Heideflächen sind nur noch für den Weidebetrieb mit Schafen und Ziegen nutzbar. Heidekraut, Sauerampfer, Sandglöckchen, Mondfarn, Schafschwingel und Ginstergewächse sind typische Indikatoren für Heideareale.

Die Bedeutung der Viehwirtschaft in der älteren Eisenzeit zeigt sich auch darin, daß nun erstmals die Feuchtgebiete in größerem Umfang in die Nutzung einbezogen wurden. Die pollenanalytischen Belege von Wiesenpflanzen wie Spitzwegerich, wilde Möhre, Dotterblume. Mädesüß, Wiesensilge und Wiesenknopf und hohe Werte der Wildgraspollen sind mit einer beginnenden Grünlandwirtschaft in den Talauen zu verknüpfen. Eine solche Grünlandwirtschaft ist der Haltung von Rindern angepaßt.

Die in den eisenzeitlichen Pollenspektren hohen Werte von Gräser- und Krautpollen lassen ausgedehntes Offenland erkennen: Die Zunahme des Ackerlandes macht sich ab jetzt auch pollenanalytisch in einer erstmals geschlossenen Getreidepollen-Kurve und an den klassischen Ackerunkräutern, wie Klatschmohn, bemerkbar. Natürlich wuchsen Ackerunkräuter und Getreide seit dem Beginn der Landwirtschaft auf den Feldern; da die Feldflächen aber relativ klein und in das Waldland eingeschlossen waren, wurden sie vorher von den dominanten Baumpollen völlig „unterdrückt". Erst die Ausweitung des Ackerlandes verhilft den „Ackerzeigern" zu ihrer pollenanalytischen Präsenz. Im ackerbaulichen Zyklus der Eisenzeit spielten vermutlich mehrjährige Brachen eine Rolle, während derer die Feldflächen beweidet wurden - eine Feld-Graswirtschaft. Dafür sprechen das verstärkte Vorkommen sogenannter Ruderalpflanzen, wie Gänsefußgewächse, Vogelknöterich und der ausdauernde Beifuß. Die Indikatoren für Waldweide, Grünlandwirtschaft und Feld-Graswirtschaft belegen das Aufkommen eines intensivierten Landwirtschaftssystems mit der Eisenzeit, bei dem Ackerbau und Viehzucht in enger Verzahnung betrieben wurden.

Um 500 v. Chr. kam es in den rheinischen Lößbörden zu einer Waldregeneration, die sich in den Pollendiagrammen zunächst in einer Zunahme der Pioniergehölze Birke und Hasel zeigt, die später von der Eiche abgelöst werden. Möglicherweise verursachte ein Bevölkerungsrückgang diese Waldregeneration. Allerdings wurde eine derartige mitteleisenzeitliche Wüstungsphase im archäologischen Befund bisher nicht erkannt.

Ab ca. 250 v. Chr., mit Beginn der jüngeren Eisenzeit, wurden die Wälder wieder größtenteils gerodet, wobei die waldfreien Flächen nun ihre bislang größte Ausdehnung erlangten. Sehr markant macht sich dies auch in der Zunahme von Pollenkörnern bemerkbar, die auf Ackerbau hinweisen. Die Bedeutung der Grünlandwirtschaft ist an den fast geschlossenen Pollenkurven von Wiesen-Sauerampfer, Hahnenfuß und wilder Möhre zu erkennen. Die Intensivierung der Grünlandwirtschaft mag damit zusammenhängen, daß bei ansteigender Bevölkerungsdichte der Viehanteil für die noch verbleibenden Weidewälder zu hoch geworden war.

Zum erstenmal seit dem Boreal kommen nun auch Kiefern wieder im Rheinland vor. Während sich die Kiefernwälder des Boreals von Natur aus verbreitet hatten, sind die Kiefernwälder der Eisenzeit im Zusammenhang mit der starken Beweidung zu sehen: Die Degeneration des Bewuchses führte zum Bloßlegen des Bodens, der Löß wurde an den steileren Hängen abgespült, und die stellenweise nur wenige Dezimeter unter der Oberfläche liegenden nährstoffarmen Kiese und Sande traten an die Oberfläche. Die Freilegung dieser sandig-kiesigen Standorte begünstigte die Ansiedlung der Kiefern. Noch heute werden sandige, ehemalige Heideareale mit der anspruchslosen Kiefer aufgeforstet.

Der Bruch zwischen dem landwirtschaftlichen System der Urnenfelderzeit und vor allem demjenigen der jüngeren Eisenzeit ist signifikant: Steht das Landschaftsbild der Urnenfelderzeit noch dem waldreichen Bild der frühbäuerlichen Jungsteinzeit nahe, erinnert die Verteilung von Kultur- und Nutzland gegenüber Wald in der späten Eisenzeit, der Latenezeit, nun an Verhältnisse, wie sie die im frühen 19. Jahrhundert angefertigte Tranchot-Karte zeigt. Es existierten nun großflächige Ackerflächen mit artenreichen Unkrautfluren. Die Restbestände der ehemaligen Wälder wurden intensiv - stellenweise bis zur Verheidung - beweidet, und in den Auengebieten dehnte sich Grünland aus. Am Ende der Eisenzeit existierten in den Lößbörden so gut wie keine Reste der ursprünglichen, natürlichen Vegetation mehr.


Pflanzenspuren
Archäobotanik im Rheinland
LVR Rheinisches Amt für Bodendenkmalpflege
Band 10
ISBN 3-7927-1715-8



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