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| CAESARS ERSTER RHEINÜBERGANG |
Freitag, 30. 07. 2010 |
Aus: Begleitbuch zur Ausstellung Krieg und Frieden - Kelten, Römer und Germanen des Rheinischen Landesmuseum Bonn, ein Museum des Landschaftsverbandes Rheinland. Eine Veröffentlichung des Landschaftsverbandes Rheinland/Rheinischen Landesmuseum Bonn, herausgegeben von Gabriele Uelsberg.
von Michael Gechter
55 v. Chr. Caesar besiegt die Stämme der Usipeter und Tencterer im Bereich des Maas-/Schelde-/ Rheindeltas. Anschließend marschiert er rheinaufwärts und verbringt nach erfolgtem erstem Brückenschlag 18 Tage im rechtsrheinischen Germanien (Caesar Bellum Gallicum 4,1,Iff.)
53 v. Chr. Caesar überquert vom Gebiet der Treverer aus den Rhein erneut (ebd. 6,35ff.); Sugambrer überqueren 30 Meilen unterhalb der zweiten Brücke den Rhein und fallen in das ehemalige Gebiet der Eburonen ein (ebd. 6,9-10,2).
Seit 1899 stand fest, dass Caesar den Rhein beide Male im Bereich des Neuwieder Beckens überschritten hatte. Diese Festlegung basierte mit NISSEN (1899) auf zwei zum damaligen Zeitpunkt nicht weiter hinterfragten literarischen und archäologischen Quellen:
1. Caesar berichtete anlässlich seines zweiten Brückenschlages über den Rhein, dass er seinen Marsch in treverischem Gebiet begann. Im Gebiet dieses Stammes bietet sich jedoch nur im Neuwieder Becken die Möglichkeit, den Rhein mit einer Brücke zu überqueren.
2. K. KOENEN (1899) datierte das Urmitzer Erdwerk, auf das später noch eingegangen wird, in caesarische Zeit. Dazu gibt es noch einen Hinweis durch Caesar selbst, der berichtete, dass er in der Nähe (prope) und oberhalb des ersten Uberganges den Fluss gequert hatte. Daraus schlossen NISSEN und KOENEN, dass der erste Übergang nur geringfügig vom zweiten entfernt gewesen sein dürfte. Aufgrund Caesars Berichtes kamen daher bis in heutige Tage kaum Zweifel an der These auf, dass der zweite Rheinübergang im Bereich des Neuwieder Beckens erfolgt sein müsse. Problematisch dagegen verblieb nach wie vor der Bereich des ersten Rheinübergangs.
DIE QUELLENLAGE
Schon seit geraumer Zeit ist bekannt, dass die archäologische Datierung, die die Grundlage der Lokalisierung des ersten Übergangs im Neuwieder Becken lieferte, falsch ist. Inzwischen wurde erkannt, dass es sich bei dem Urmitzer Erdwerk nicht um eine vermeintlich römische Anlage, sondern um ein neolithisches Bauwerk handelt. Jene an diesem Ort geborgenen römischen Artefakte datieren erst nachchristlich und in die Zeit des Tiberius.
Im Frühjahr des Jahres 55 v. Chr. besiegte Caesar seinem Bericht zufolge im Bereich des Maas-/Schelde-/Rheindeltas die über den Rhein gedrungenen Stämme der Usipeter und Tencterer. Anschließend zog er stromaufwärts und überquerte den Rhein erneut.
Im 19. Jahrhundert bildete sich die Meinung heraus, dass die Querung im Bereich der Kölner Bucht stattgefunden haben müsse. Als prominentester Vertreter dieser Ansicht gilt Napoleon III. Der Hintergrund der These lautete, dass der sonst als reißend geschilderte Rhein gerade erst aus dem Mittelrheintal in das Flachland ausgetreten sein dürfte und damit noch von geringer Fließgeschwindigkeit war. Als zweites Argument führte man an, dass Caesar das enge und unwegsame Rheintal zwischen Bonn und Andernach kaum mit einer großen Truppenmacht hätte durchqueren können. Um in das Neuwieder Becken zu gelangen, wäre es daher notwenig gewesen, die Eifelhochfläche zu erreichen und das Flusssystem der Ahr zu umrunden, um anschließend durch das Maifeld in das Neuwieder Becken zu gelangen.
Diese Theorie zum ersten Rheinübergang widerlegten dann NISSEN und KOENEN 1899 mit den eingangs beschriebenen Feststellungen. Aufgrund der angeblichen Nähe zum zweiten Rheinübergang und der Fehldatierung des neolithischen Erdwerkes wurde von diesem Zeitpunkt an auch der erste Rheinübergang im Neuwieder Becken verortet.
Bereits vor etwa 30 Jahren wies H. VON PETRIKOVITS (1978, 307) auf diesen Missstand hin, wobei jedoch auch er keinen vom Neuwieder Becken abweichenden Vorschlag wagte. Mit dem bisherigen Forschungsstand ebenso unzufrieden zeigte sich I996 K. SCHÄFER; das ganze Dilemma der Verortung des ersten Rheinübergangs zeigt sich jedoch besonders deutlich in der 1990 erschienenen Untersuchung von CH. GOUDINEAU: Caesar muss in seiner Studie den Rhein erst aufwärts marschieren und ihn bei Neuwied überqueren, um ihn anschließend dann erneut hinabzuschreiten, von wo aus er schließlich auf sonst unbekannten Pfaden in das nordöstlich gelegene Gebiet der Sugambrer gelangen darf. Auch der Hinweis Caesars, dass er nahe (prope) des ersten Übergangs ein zweites Mal den Rhein überquert habe, entfaltet für exakte Entfernungsangaben keine wesentliche Aussagekraft.
DER RHEINUBERGANG AUS HEUTIGER SICHT
Nun gibt es im Gebiet des südlichen Bergischen Landes zwei Naturrouten, die unzertalt von 0st nach West führen: die Heidenstraße und die Nutscheidstraße. Die Heidenstraße ist mit diesem Namen seit dem Mittelalter bekannt, ist zu dieser Zeit jedoch ein Handelsweg, der aus Westfalen nach Köln führt. Die Ausrichtung nach Köln erfolgte erst im Mittelalter, vorher verlief die Route weiter parallel des Aggertales nach Südwesten und gelangte bei Lohmar auf die Mittelterrasse der Wahner Heide. An dieser Strecke liegen spätlatènezeitliche Siedlungen und ein Abschnittswall aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. Auch müssen über diese Route die Römer ihre Erträge aus dem Bleibergbau auf dem Lüderich in das Rheintal geschafft haben. Die Nutscheidstraße verläuft parallel zum Siegtal auf dem Nutscheid. Auf der Höhe von Hennef gelangt sie in das Sieg-/Rheintal. An ihr befindet sich auch eine spätlatenezeitliche Höhenbefestigung - die spätere Rennenburg. Beide Strecken schließen im Westfälischen an eine NordSüd-Route an, die aus Hessen in die Westfälische Bucht führt. Neben dem Hellweg im Norden des Bergischen Landes sind diese beiden Wegestrecken die einzigen natürlichen Möglichkeiten, das Bergische Land ohne große Mühen von West nach 0st zu durchqueren.
So zeigt die Verbreitungskarte der späteisenzeitlichen Glasarmringe deutlich, auf welchem Weg die Träger dieser Schmuckstücke von Hessen aus in den Köln-Bonner Raum gelangten (SEIDEL 2005, Abb. 8). Dasselbe Bild ergibt sich auch bei den Verbreitungskarten der Quinare mit Tanzenden Männlein (SCHULZE-FORSTER 2005, Abb. 6). In augusteischer Zeit war die Strecke von der Wetterau zur Lippe ebenfalls bekannt. Zur Zeit der Drususoffensive entstand hier das Versorgungslager Rödgen, das Lager Oberaden - an der Lippe gelegen - befand sich am Streckenendpunkt und auch die Siedlung Waldgimmes wurde hier um 5 v. Chr. gegründet (siehe auch Beitrag RASBACH ab Seite 253). Alle naturräumlichen Voraussetzungen waren somit gegeben, dass hier in augusteischer Zeit Versorgungsströme von Süd nach Nord fließen konnten.
Nachdem sich somit die Argumente von NISSEN/ KOENEN 1899 als nicht stichhaltig herausstellten, ist es wichtig, sich auch mit den überlieferten Annahmen Napoleons III. zu befassen. Napoleon waren zwar die Routen der Heiden- und der Nutscheidstraße nicht bekannt, dennoch hatte er aus strategischer Sicht klar erfasst, dass der Versuch, den Rhein mit vertretbarem Aufwand nach Osten hin zu queren, nur unterhalb des Mittelrheintals gelingen konnte; hätte man jedoch diese Route vermeiden wollen, um in das Neuwieder Becken zu gelangen, so wäre ein erheblich weiterer Ausgriffin den Westen notwendig gewesen. Beide möglichen Routen vom Rheintal nach Westfalen weisen eine Länge von etwa 62 km auf, wenn sie bei Attendorn bzw. Olpe auf die beschriebene Nord-Süd-Verbindung treffen. In beiden Fällen wäre Caesar bei einer Marschleistung von täglich ca. 20 km nach spätestens vier Tagen am Streckenschnitt angekommen. Um gegen die Sugambrer vorgehen zu können, hätte er also erst die Heidenstraße gewählt, wäre dann über die Nord-Süd-Route nach Süden zu den Ubiern gezogen um dann über die Nutscheidstraße wieder an den Rhein zu gelangen. Der Brückenschlag über den Rhein wäre dann unterhalb der Siegmündung anzunehmen.
Da die Höhen des Bergischen Landes zu dieser Zeit unbesiedelt waren, sind die Wohnstätten der Sugambrer östlich desselben anzunehmen. Südlich davon siedelten die Ubier, wie auch aus der Verbreitung der von J. HEINRICHS kartierten Münztypen zu erkennen ist. Hat Caesar nach dem ersten Rheinübergang den nördlichen Siedlungsbereich der Ubier möglicherweise nur berührt, so scheint er nach seinem zweiten Übergang direkt in diesen eingedrungen zu sein. Für das Jahr 53 v. Chr. berichtete er ferner, dass die Sugambrer 30 Meilen unterhalb des zweiten Brückenschlages den Rhein überquert hätten und in das von ihm verheerte Eburonengebiet eingefallen wären. Dieser Plünderungsversuch von Westfalen in das Rheinland hinein erfolgte demnach - dem Marschweg Caesars folgend - im heutigen Bonner Raum und damit 45 km unterhalb von Neuwied über die Heidenstraße. Wie bedeutend diese potenziellen Einfallrouten in das Rheintal waren, belegen die später hier erfolgte Gründung von Bonn wie auch die Stationierung einer Legion. In den Jahren 229 bzw. 231 schlug diese Legion denn auch vor den Toren der Stadt Bonn auf rechtsrheinischem Gebiet germanische Eindringlinge, die nur über eine der beiden Straßen von Osten in das Rheintal gelangt sein konnten.
Auch in späteren Jahrhunderten blieb diese Route ein nur mit großem Aufwand zu kontrollierender Unsicherheitsfaktor. So versuchte etwa Kaiser Heinrich I. im 10.Jahrhundert die drohenden Ungarneinfälle durch den Bau von Sperrburgen zu verhindern, zu denen vermutlich auch die Rennenburg an der Nutscheidstraße gehört. Die Rennenburg wiederum wurde genau an jenem Ort errichtet, an dem bereits in der späten Eisenzeit eine Höhenfestung bestanden hatte.
Das gute Begleitbuch zur Ausstellung: Krieg und Frieden- Kelten - Römer - Germanen Veröffentlichung des Landschaftsverbandes Rheinland/Rheinisches Landesmuseum Bonn, herausgegeben von Gabriele Uelsberg Verlagsbüro Wais&Partner, Stuttgart 2007
ISBN 978-3-89678-349-3


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