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| DER EBURONEN KLEINE PFERDE |
Freitag, 30. 07. 2010 |
Aus: Archäologie im Rheinland 2001 Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2002, Hubert Berke, Bernd Päffgen und Karl Peter Wendt
Im Vorfeld der rheinischen Braunkohlentagebaue bieten sich einmalige Möglichkeiten zu siedlungsarchäologischen Untersuchungen großen Stils, die vom Neolithikum bis in das Mittelalter reichen. In den Jahren 1999-2000 untersuchten Bodendenkmalpfleger und das Kölner Institut für Ur- und Frühgeschichte mit Mitteln der Stiftung zur Förderung der Archäologie im rheinischen Braunkohlengebiet gemeinsam eine direkt an der Abbaukante des Tagebaus Inden gelegene, größere metallzeitliche Siedlung. Am Rand des Untersuchungsareals wurde gegen Abschluß der Kampagne ein großer Grubenkomplex der späten Latènezeit entdeckt. In dieser Grube, die analog zu innergallischen Befunden kultisch gedeutet werden kann, fanden sich neben Keramikresten die Fragmente von blauen Glasarmringen, tönerne Schleuderkugeln, ein eisernes Klappmesser sowie andere Metallgegenstände, über die im letzten Jahr an dieser Stelle bereits berichtet werden konnte. Aufsehenerregend waren der Fund einer menschlichen Schädelkalotte und ein deponierter Pferdeschädel, der im Block geborgen wurde. Solche Befunde kannte man bisher für die zwischen Rhein und Maas siedelnden Eburonen noch nicht. Nun können die mittlerweile untersuchten Pferdereste aus der Opfergrube detailliert vorgestellt werden. Nach Manching konnte bei Inden der zweite vollständige latènezeitliche Pferdeschädel geborgen werden, der aus Deutschland überhaupt bekannt ist!
Aus der Indener Grube wurden insgesamt 473 Knochen mit einem Gesamtgewicht von 4572 g geborgen. Davon waren 361 Splitter (76,3%), die mit einem Mittelwert von 0,8 g/Splitter nur 6,7 % des Gewichtes ausmachen. Häufig waren diese Splitter neu von den bestimmbaren Knochen bei der Bergung oder Präparation abgebrochen, so daß bei der weiteren Betrachtung der Fundzusammensetzung von den 114 bestimmbaren Knochen mit einem Gewicht von 4266 g ausgegangen wird. Die Pferdeknochen dominieren nach Gewicht deutlich, da sie überwiegend in unzerschlagenem Zustand vorliegen, im Gegensatz zu den Knochen andererArten. Bei diesen handelt es sich überwiegend um Küchenabfall, abgesehen von dem Fragment eines menschlichen Schädels.
Neben einem vollständigen Schädel und einem Unterkieferfragment stammen noch weitere 13 Knochen vom Pferd. Diese 15 Knochen (13,5 %) sind teilweise sehr großstückig oder vollständig, daher ist der Gewichtsanteil mit 56,8% (2376 g) sehr hoch. Die vorgefundenen Knochen stammen von mindestens zwei sehr kleinen Pferden, wobei jedoch die meisten von einem Individuum stammen.
Als Besonderheit wurde ein fast vollständiger Schädel eines Pferdes gefunden und in eingegipstem Zustand geborgen. Bei der anschließenden sukzessiven Freilegung und Härtung unter Laborbedingungen konnten dadurch glücklicherweise noch eine Reihe von Maßen abgenommen werden. Es handelt sich um den Oberschädel eines sehr alten weiblichen Tieres. Auf der rechten Seite sind lediglich zwei und auf der linken vier Backenzähne erhalten. Alle anderen sind zu Lebzeiten des Tieres ausgefallen, die Zahnfächer sind daher sekundär mit Knochen verfüllt. Alle sechs verbliebenen Zähne sind durch die Abnutzung extrem ausgehöhlt, so daß nur Reste der Schmelzfalten zu erkennen sind.
Durch die Lagerung im Boden ist der Schädel oberhalb der Oberkiefer in Längsrichtung des Schädels gestaucht, so daß der Knochen sich teilweise über das Nasenbein hochgeschoben hat. Die erhaltenen Teile der Nase lassen jedoch eine natürliche Aufwölbung erkennen, das Tier hatte also einen sog. Ramskopf.
Vor der linken Augenhöhle fehlt ein Teil des Oberkieferknochens. Hier handelt es sich um eine nicht behandelte krankhafte Veränderung, da offensichtlich durch das Ausfallen der beiden Backenzähne eine Entzündung in den Zahnfächern entstanden war, der durch einen starken Abszeß zur Reduktion des Knochens in diesem Teil geführt hat. Die vorderen Enden der Nasenbeine fehlen; dies ist sicherlich auf einen Schlag mit einem scharfen Gegenstand, zum Beispiel einem Beil, zurückzuführen, der auf der rechten Seite den darunter liegenden Kieferknochen erreichte. Diese Verletzung kann auch nach dem Tode des Tieres passiert sein. Weitere Spuren, die auf eine Tötung des Tieres hindeuten könnten, sind an dem Schädel nicht zu erkennen. Die Schneidezähne sind ebenfalls ausgefallen, hier sind jedoch die Zahnfächer offen. Möglicherweise wurden sie herausgenommen, oder sie sind bei der Lagerung im Boden verloren gegangen.
An dem dazu passenden linken Unterkiefer sind nur drei Backenzähne erhalten, wobei der letzte (M3) entsprechend geringer abgekaut ist, da der gegenüberliegende Oberkieferzahn bereits ausgefallen war. Die anderen Zähne sind ebenfalls völlig ausgehöhlt. Hier zeigt sich auch eine Fehlstellung des Unterkiefers, da der Vorderrand des letzten Unterkiefermolaren den Hinterrand des ersten Oberkiefermolaren berührt und mit diesem eine kleine schräge Kaufläche gemeinsam hat.
Der Schädel ist insgesamt etwas kleiner als der im bayerischen oppididum von Manching gefundene. Hier ist jedoch zu berücksichtigen, daß es sich beiden Indener Funden um Reste einer alten Stute handelt, während der Manchinger Schädel von einem fünf- bis sechsjährigen Hengst stammt. Ein weiterer stark ausgehöhlter Zahn sowie vermutlich alle größeren Knochen stammen wohl ebenfalls von der Indener Stute. An einem Schienbein finden sich die Spuren einer verheilten Verletzung in Form einer Knochenwucherung.
Zwei vollständige Mittelfußknochen, ein Metacarpus und ein Metatarsus erlauben die Größenrekonstruktion von 133 und 135 cm Schulterhöhe. Diese Maße liegen eng beieinander und können durchaus von einem Tier stammen, doch zeigt der Längen-Breiten-Index einen deutlichen Unterschied: Der Knochen des Hinterbeines ist mit einem Index von 10,2 sehr schlank, dagegen der des vorderen (Index 17,0) extrem breit. Damit finden sich diese beiden Knochen jeweils am extremen Ende vergleichbarer Funde.
Das isolierte distale Fragment eines weiteren Mittelfußknochens, vermutlich ein Metacarpus, ist teilweise verbrannt. Dieser Knochen gehört zu einem anderen Individuum.
Alle weiteren Knochen fügen sich gut in diesen Rahmen ein, und sind im Vergleich zu anderen Fundstellen der jüngeren Metallzeiten aus Süddeutschland als normal anzusehen.
Bemüht man den Vergleich mit heutigen Pferden, kommt vom Erscheinungsbild her ein Isländerpony in Frage, das ebenfalls einen im Verhältnis kräftigen Kopf und eine starke Vorderextremität aufweist und schlanke Hinterläufe besitzt. Für eine starke Belastung der Vorhand spricht auch eine Verbreiterung des Metacarpus im mittleren Diaphysenbereich.
Die beiden aufgefundenen Pferde dürften aufgrund ihres Körperbaues als Reittiere verwendet worden sein. Sie sind die ersten archäologischen Belege von Reitpferden für die Eburonen. Betrachtet man die Reitweise der damaligen Zeit, wie sie zum Beispiel auf dem Silberkessel von Gundestrup dargestellt wurde, so sieht man, daß die Reiter auf einer mit mehreren Riemen befestigten Decke sitzen. Ein Sattel mit Baum und Pausche ist nicht zu erkennen und so sitzen sie direkt hinter dem Hals vor dem Widerrist, also weiter vorne, als es heute üblich ist. Dadurch wird die Vorhand der Pferde sehr viel stärker belastet. Hier könnte der Grund für die ungewöhnlichen Proportionen der Fußknochen zu suchen sein. Gleichzeitig ist auch zu erkennen, wie klein die damaligen Pferde waren.
Die Pferdehaltung und Zucht besaßen im Indetal wohl große wirtschaftliche Bedeutung, denn auch an anderen eisenzeitlichen Fundstellen dieser Region sind Pferdeknochen sehr häufig und auch die botanischen Untersuchungen im Indetal sprechen für Weidewirtschaft dort. Der Besitz der Reittiere dürfte der Oberschicht vorbehalten gewesen sein, die damit auch in den Krieg zog.
Das Buch zum Pferd: Archäologie im Rheinland 2001 LVR RAB Harald Koschick Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2002 ISBN 3-8062-1751-3


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