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DIE NAHRUNGSMITTELVERSORGUNG DER HEERE CAESARS Freitag, 30. 07. 2010

Aus: Frumentum Commeatusque Die Nahrungsmittelversorgung der Heere Caesars Alfons Labisch Beitrag zur klassischen Philologie Verlag Anton Hain 1975

Die reguläre Verpflegung der römischen Legionäre bestand aus Weizen. Die Tagesration jedes Soldaten betrug ca. 1 kg in Körnerform. Unter Zufügung von Wasser, Salz und gegebenenfalls Fett oder Öl bereiteten sie sich aus den mit Handmühlen grob zermahlenen Körnern einen -'puls' oder 'pulmentum' genannten - Mehlbrei und teilweise auch Brot zu. Die tägliche Ration erhöhte sich durch die Zusätze auf ca. 1,3 kg. Wenn sich die Gelegenheit bot, wurden Fleisch und andere Lebensmittel als Zukost verwendet. Bei Mangel an Weizen dienten Fleisch, Gerste, Gemüse u. ä. als Ersatz. Die Verpflegung der römischen Soldaten entsprach der genügsamen Volksernährung. Sie kam den militärischen Erfordernissen nach möglichst einfacher Organisation des Verpflegungswesens ideal entgegen. Denn es war nur ein Hauptnahrungemittel regelmäßig zu beschaffen, die Soldaten konnten ihre Mahlzeiten selbst zubereiten und das schwer verderbliche, leicht transportierbare Getreide konnte im Normalfall in Rationen fiir 16 Tage verteilt werden. Zusätzliche Lebensmittel boten eine willkommene Möglichkeit zur Aufbesserung der Grundnahrung. Dieses System von Grunddotierung und Zubußen bewirkte die hohe Elastizität der römischen Versorgung. Durch diese Regeln blieb auch der zentrale Aufwand für die Verpflegung gering. Das römische Versorgungswesen war so von seinen Voraussetzungen und seiner Anlage her sehr rationell. Die Truppen selbst gewannen durch die Dezentralisation der Versorgung, halbmonatliche Getreidezuteilungen und flexibles Ausnutzen der Versorgungslage eine relativ große Unabhängigkeit von den rückwärtigen Verbindungen. Das erhöhte die Beweglichkeit der Truppe. Die Beweglichkeit entsprach dem militärischen Grundbedürfnis Caesars nach Schnelligkeit.

Eine Legion in der Normalstärke von 5.000 Mann benötigte pro Tag Über 5 t Getreide. Für eine reguläre halbmonatliche Getreideverteilung waren fast 82 t Weizen pro Legion bereitzustellen. Um diese Mengen zu beschaffen, gab es drei Möglichkeiten: freien Ankauf bei Kaufleuten, Hilfsleistungen von Bundesgenossen und Unterworfenen und Eigenversorgung des Heeres aus dem Kriegsgebiet. Caesar hat - wie es in dieser Periode des römischen Kriegewesens üblich war - Kaufleute nur in seltenen Ausnahmefällen fÜr die Heeresverpflegung eingesetzt. Das Getreide wurde gegen Bezahlung von Bundesgenossen oder als Kriegskostenersatz von Unterworfenen beschafft. Regelmäßige Versorgungeleistungen der römischen Truppe waren die 'patulatio', 'aquatio' und 'lignatio'. Zusammen mit den Lieferungen der Bundesgenossen und Unterworfenen stellen sie die regulären Versorgungemaßnahmen des römischen Heeres dar. Fleisch wurde ebenfalls aus dem Lande beschafft. Großangelegte Frumentationen und Requisitionen dienten hingegen als Ausgleich bei Nachschubschwierigkeiten.

Die Bundeagenossen und Unterworfenen hatten die von ihnen aufgebrachten Versorgungsgüter zu den römischen Magazinen, den römischen Heerlagern oder dem im Einsatz befindlichen römischen Heer zu transportieren. Trotz dieser Unterstützung umfaßte der Truppentrain im Heer Caesars mindestens 1.200 Lasttiere und 300 Treiber pro Legion. Das römische Nachachubwesen beschränkte sich im Bereich der Operationsbasis, von der aus die Verpflegung geregelt wurde, auf Koordination und Vorbereitung. Zentrale der Operationsbasis war das rückwärtige Hauptquartier. Während Caesar im gallischen Krieg noch großen Wert auf gesicherte Verbindungen vom Heer zur Basis legte, gab er diese Rücksichten im Bürgerkrieg oft zugunsten einer schnellen Kriegsführung auf.

Außer Troßknechten und Treibern gab es im römischen Heer kein festes Versorgungspersonal. Bei der Truppe hatten sich vom Legionär bis zu den Tribunen alle mit Versorgungsaufgaben zu befassen. Das gllt auch für die Legaten, wenn sie als Legions- oder Corpskommandeure eingesetzt wurden. Außerordentliche Versorgungemaßnahmen wurden von Fall zu Fall geregelt. Ein eigenständiges Versorgungswesen gab es auf dieser Ebene nicht.

Die Versorgungsführung, die bisher zu den vielfältigen Aufgaben des Quaestors gehörte, übertrug Caesar in Gallien einem Fachmann seines Vertrauens. Es gab einen Verpflegungsbeauftragten mit begrenzten Aufgaben, Befugnissen und Personal. Diese Ansätze einer eigenständigen Versorgungsführung hat Caesar im Bürgerkrieg nicht fortgeführt. Sie fanden ihren Ausgleich in den angelernten und eingespielten Versorgungsleistungen seines Heeres.

Beide Formen des Versorgungssysteme - die vom Verpflegungskommissar geregelte und die von der Truppe selbständig durchgeführte - sind allerdings, wie ihre Wandelbarkeit zeigt, in keiner Weise fest umrissene Schemata. Sie ergaben sich aus den Anforderungen einerseits und den Lösungsmöglichkeiten und deren Effizienz auf der anderen Seite. Sie gehen auf den einen Grundgedanken zurück, möglichst viele mit der Versorgung zusammenhängende Aufgaben vom Heer und von der Heeresführung fernzuhalten. Was die römische Heeresversorgung über die anderer Völker, z.B. der Gallier, hinaushebt und einen Vergleich etwa mit dem Mittelalter problematisch macht, ist, daß die Römer die grundsätzliche Bedeutung des Nachschubs für den Bestand eines Heeres kannten und wußten, wie sehr Versorgung und Kriegsführung voneinander abhangen.

Das eigentliche Kennzeichen der römischen Heeresversorgung dieser Zeit liegt nicht in einer eigenständigen Organisation sondern in dem Wissen, wie die Aufgaben, ein großes Heer auf die Dauer zu verpflegen, mit relativ geringem Einsatz in der Praxis zu lösen waren: nach dem von Cato formulierten Grundsatz "bellum se ipsum alet" wälzte man die Versorgungslasten auf das Kriegsgebiet und auf seine Bewohner ab und verteilte die verbleibenden Pflichten vom obersten Führungspersonal bis hinunter zu jedem einzelnen Soldaten.

In Gallien stieß Caesar auf einen Gegner, der noch keine seinem hohen Zivilisationsniveau entsprechenden organisatorischen Formen gefunden hatte. Die Gallier konnten, zumal sie sich keinerlei Einschränkungen auferlegten, ein Heer nicht für längere Zeit versorgen, obwohl die Mittel dafür im Übermaß vorhanden waren. So fehlte ihnen auch der Blick für das Angriffsziel, das das verwundbare römische Nachschubwesen bot. Während Caesar die Versorgung erfolgreich als Mittel der stragtegischen Auseinandersetzung anwandte, kamen die Gallier in den ersten Kriegsjahren nicht über rein intuitiv-reaktive Angriffe auf Versorgungszüge oder Fouragierabteilungen hinaus.

Erst als die Erfahrungen mit römischer Kriegsführung und römischem Kriegewesen wuchsen, erkannten die Gallier, daß die römische Heeresmaschinerie leichter an ihrem Apparat zu verwunden war als im direkten Kampf. Die Aquitanier, nach römischem Vorbild geführt, gingen hier voran. Cassivellaunus begegnete dem römischen Heer mit seiner Kriegsführung intuitiv richtig: Caesar stieß in einen leeren Raum, ohne seine Versorgung sichern und seine Verbindungen wahren zu können. Das gleiche drohte ihm bei einem weiteren Eindringen in Germanien. Die Übernahme strategischen Denkens und römischer Organisationsformen öffnete den Galliern schließlich den Blick für die Schwächen des römischen Versorgungswesens. Der Nachschub wurde zunächst durch die territoriale Strategie behindert und später systematisch unterbunden.

53 bis 51 war die Versorgung des römischen Heeres schlecht, 52 kam sie zeitweilig fast zum Erliegen. Während die Angriffe au£ die römische Versorgung in den ersten Jahren nur taktische Bedeutung hatten, gewannen sie jetzt strategischen Einfluß: sie wurden zu einem der wichtigsten und wirksamsten Mittel der gallischen Abwehr. Doch die Gallier reformierten ihre Kriegsführung und ihr Kriegswesen zu spät, um ihre endgültige Niederlage aufhalten zu können.

Caesars Gegner im Bürgerkrieg kamen hingegen aus der gleichen militärischen Schule. Die kriegerische Auseinandersetzung war daher von Anfang an auf allen Ebenen vom Kampf gegen die feindliche oder um die eigene Versorgung gekennzeichnet. Casear verfügte mit seinem Veteranenheer über eine qualitativ Überlegene Landmacht. Pompeius stützte sich auf die Seeherrschaft und die Mittel des zum größten Teil von ihm kontrollierten römischen Reiches. Darauf baute er seine defensive Strategie auf. Hingegen mußte Caesar als Angreifer auf eine schnelle Beendigung des militärischen Kampfes drängen. Er eröffnete seine Feldzüge daher ohne langwierige Vorbereitungen mit überraschenden strategischen Offensiven, um die Rüstungen der Gegner zu neutralisieren oder sogar für sich zu gewinnen. Alle diese Versuche schlugen bis auf Anfangserfolge im ersten Anlauf fehl. Indes konnte Caesar auch dann noch bei seinen hervorragend disziplinierten und mit Nachschubschwierigkeiten vertrauten Truppen und seiner Überlegenen Führung den Einfluß der Versorgung auf seine Entscheidungen zuriickdrängen und oft mit operativen und taktischen Zielen koordinieren. Dieser unorthodoxen, unerhört kühnen Kriegsführung war letztlich kein Gegner gewachsen.

Für die Entbehrungen während des Einsatzes entschädigte Caesar seine Soldaten durch überreiche kostenlose Verpflegung in der übrigen Zeit. Denn über die physische und psychische Seite einer geregelten Verpflegung hinaus war die Versorgung für Caesar eines der Mittel, mit dem er als Imperator der Bürgerkriegszeit seine Truppen an sich zu binden suchte. Wenn trotzdem besondere bei den Feldzügen des Bürgerkrieges immer wieder größte Versorgungsschwierigkeiten auftraten, ist das auf seine Niederwerfungsstrategie zurückzuführen. Für diese offensive Kriegsführung hatte er seine Soldaten zu einer eisernen Disziplin erzogen. Hingegen war Pompeius ein Ermattungsstratege, der seine Kriegsführung nach weitreichenden Plänen methodisch vorbereitete. Durch exzellente Organisation versuchte er, das stete vorhandene strategische Risiko auszuschalten und den Gegner durch seine faktische Übermacht zu erdrücken. Auch im operativen und taktischen Bereich bereitete er sich gründlichst vor.

Ohne diese Vorbereitung war Pompeius handlungeunfähig - seine Kriegeführung wurde von seinen Rüstungen bestimmt. Caesar hingegen nahm strategische Unwägbarkeiten stete in Kauf und ging Risiken bewußt ein. Auch ohne Rüstungen entfaltete er sein operatives und taktisches Können und ließ sich seine Kriegsführung nur bei äußerster Not von der Versorgung diktieren. Von nicht weitergeführten Ansätzen zu Neuerungen abgesehen blieb Casear durchaus im Schema der sonst üblichen römischen Heeresversorgung. Der Unterschied zu seinen Gegnern im Bürgerkrieg liegt darin, wie überlegen er auf die Disziplin seiner Soldaten gestützt die Versorgungsführung meisterte. In dieser Souveränität - sie ist ein Aspekt seiner auch in den Übrigen Bereichen der militärischen Führung offenkundigen Beherrschung konventioneller Mittel - zeigt sich seine außergewöhnliche Bedeutung als Heerführer.


Caesar: Das Beste
Alfons Labisch
Frumentum Commeatusque
Die Nahrungsmittelversorgung der Heere Caesars
1975 Beiträge zur klassischen Philologie
Verlag Anton Hein



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