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| DIE ARCHÄOLOGISCHEN UNTERSUCHUNGEN IN KALKRIESE |
Freitag, 30. 07. 2010 |
Die schriftlichen Quellen zur Varus-Schlacht (der militärische Fachausdruck lautet Gefecht):
Cassius Dio: "Die Römer besassen einige Bezirke in Germanien, nicht beisammen, sondern wie sie gerade Dio: " Die Römer besaßen einige Bezirke in Germanien, nicht zusammen, sondern wie sie gerade erobert worden waren, weshalb ihrer auch die Geschichte nicht erwähnt. Ihre Soldaten überwinterten daselbst und legten Städte an, und die Barbaren fügten sich bereits nach römischer Sitte, kamen auf die Marktplätze und pflegten friedlichen Umgang mit ihnen. Sie konnten aber doch ihrer Väter Sitten, ihre Landesgebräuche, ihre ungebundene Lebensweise, ihre Waffenmacht nicht vergessen. Bis jetzt sollten sie sich nur allmählich und unter Anwendung großer Behutsamkeit derselben entwöhnen, mit ihnen vorgehende Veränderung selbst nicht gefühlt. Als Quinctilius Varus nach seiner Stadthalterschaft in Syrien Germanien als Provinz erhielt, stimmte er einen zu hohen Ton an, wollte alles zu rasch umformen, behandelte sie herrisch und erpreßte Tribut wie von Untertanen, und dies wollten sie sich nicht gefallen lassen. Die Häupter des Volkes strebten nach der früheren Herrschaft. Die Menge fand die hergebrachte Verfassung besser als die fremde Zwingherrschaft."
Velleius Paterculus: "Quinctilius Varus stammte aus angesehener, aber nicht altadeliger Familie. Er war ein Mann von sanftem, ruhigem Wesen, körperlich etwas schwerfällig, mehr an die Ruhe des Lagerlebens als an den Dienst im Felde gewöhnt. Er war kein Verächter des Geldes: das bezeugt seine Verwaltung Syriens. Als armer Mann wer er nämlich in eine reichte Provinz gekommen, und als er ging, war er reich, die Provinz arm.
Unter den Germanen lebte damals ein Jüngling aus edlem Geschlechte, mit tapferer Hand, rascher Auffassungsgabe und von größerer geistiger Gewandtheit, als man sonst bei Barbaren findet, namens Arminius, ein Sohn des Segimer, des Fürsten seines Stammes. Seines Geistes Feuer leuchtete ihm aus Antlitz und Augen. Er war unser steter Begleiter auf den früheren Feldzügen gewesen und hatte außer dem römischen Bürgerrechte den Rang eines römischen Ritters erreicht. Jetzt benutzte er die Schläfrigkeit des Feldherrn zu einer Freveltat. Er berechnete schlau, niemand ist leichter zu bewältigen, als wer nichts Schlimmes fürchtet, und nichts ist öfters der Anfang des Unglücks gewesen als das Gefühl der Sicherheit. Zuerst also weihte er wenige, bald mehr in seine Pläne ein. Er behauptet mit Zuversicht, daß es möglich sei, die Römer zu überwältigen, und überzeugt davon auch seine Gefährten. Unmittelbar an den Entschluß knüpft er die Tat; er bestimmt eine Zeit zum Übfalle. Diese wird Varus durch einen aus jenem Stamme, einen treuen Mann von angesehenem Namen, Segestes, angezeigt. Aber schon trat das waltende Schicksal der menschlichen Überlegung in den Weg; schon hatte es Varus mit Blindheit geschlagen .... So sagt er denn, er könne das nicht glauben. Nach der ersten Anzeige blieb zu einer zweiten schon keine Zeit mehr."
Cassius Dio: " Weil aber die Germanen am Rhein und im eigenen Lande die Streitkräfte der Römer zu stark fanden, so empörten sie sich vorerst nicht offen, nahmen vielmehr den Varus auf, also ob sie alle seine Forderungen erfüllen wollten, und lockten ihn vom Rhein in das Land der Cherusker und an die Weser. Hier lebten sie mit ihm auf völlig friedlichem, freundlichem Fuße und ließen ihn glauben, dass sie selbst ohne Gewalt der Waffen seinen Befehlen demütigst nachkommen würden."
Velleius Paterculus: " Varus hielt die Germanen für Menschen, an denen außer der Stimme und den Gliedern nicht Menschliches sei: und die Leute, die mit dem Schwerte nicht gebändigt werden konnten, glaubte er, durch das römische Recht zähmen zu können. Aber diese, was kaum jemand glauben möchte, der es nicht selber erfahren hat, sind bei aller Wildheit höchst schlau und zum Lügen wie geboren; sie sponnen erdichtete langwierige Prozesse fort, indem sie bald einander verklagten, bald dem Varus dankten, weil er mit römischeer Gerechtigkeit entscheide und so ihre Wildheit durch eine neue und unbekannte Zucht mildere und an die Stelle der Gewalt das Recht setze. So wiegten sie den Varus in die größte Sorglosigkeit, so dass er sich vorkam, als ob er als Stadtprätor auf dem Forum Recht spräche, nicht als ob er inmitten Germaniens ein Heer kommandierte."
Cassius Dio: " So geschah es, das Varus nicht, wie er in Feindesland hätte tun sollen, seine Truppen zusammenhielt, sondern viele seiner Leute auf Ansuchen der Schwächeren bald zum Schutze gewisser Plätze, bald um Räuber aufzugreifen, bald um Zufuhr von Lebensmitteln zu decken, nach verschiedenen Seiten hinsandte. Die Häupter der Verschwörung, der Hinterlist und des Krieges, der sich nun entspann, waren unter andern Arminius und Segimer, die immer um ihn waren und oft an seiner Tafel schmausten. Er wurde nn so ganz zuversichtlich und dachte an nichts Arges, vielmehr glaubte er allen, welche die Vorgänge beargwöhnten und ihm zur Vorsicht rieten, nicht nur nichts, sondern erhob sogar den Vorwurf vorzeitiger Ängstlichkeit und zieh sie der Verleumdung. Da empörten sich verabredetermaßen zuerst einige entferntere Stämme. Die Absicht war, den Varus, wenn er gegen diese wie durch Freundesland zöge, eher in die Falle zu locken, damit er nicht, wenn alle zumal sich zum Kriege wider ihn erhöben, seine Vorsichtsmaßregeln träfe. Und so ging es denn auch: sie ließen ihn vorausziehen und geleiteten ihn eine Strecke, blieben dann aber zurück unter dem Vorwande, daß sie ihre Truppen zusammenziehen und ihn schleunigst zu Hilfe kommen wollten. Nun fielen sie mit ihren schon bereitgehaltenen Streifkräften über die früher erbetenen Truppen her und machten sie nieder, worauf sie dann ihm selbst, der bereits in unwegsame Wälder eingedrungen war, zu Leibe gingen. Jetzt erschienen die vermeintlichen Untertanen plötzlich als Feinde und versetzten das Herr in die mißlichste Lage. Denn die Berge waren voller Schluchten und Unebenheiten und die Bäume dicht und hoch, so daß die Römer schon vor dem Anfalle der Feinde mit dem Fällen der Bäume, dem Wegbahnen und dem Schlagen von Brücken, wo es nötig war, volle Arbeit hatten. Sie führten auch viele Wagen und Lasttiere wie im Frieden mit sich; auch ihre Kinder, Frauen und die sonstige Dienerschaft folgten ihnen in Menge, so daß sich schon deshalb der Zug ausdehnen musste. Ein heftiger Regen und Sturmwind überfielen und trennten sie noch mehr, und der Boden, um die Bäume und Wurzeln schlüpfrig geworden, machte ihre Tritte unsicher; die Wipfel der Bäume brachen ab und vermehrten durch ihren Sturz die Verwirrung. In dieser Not fielen die Barbaren aus den dichtesten Wäldern von allen Seiten über die Römer her, indem sie, der Wege kundig, sie umschwärmten und anfangs aus der Ferne beschossen, dann aber, als sich niemand zur Wehr setzte und viele verwundet wurden, ihnen zu Leibe gingen. Da diese nämlich in keiner Ordnung, sondern mit Wagen und Unbewaffneten untermengt einherzogen, konnten sie nicht leicht ihre Glieder schließen und erlitten, den Angreifenden auch an Zahl nicht gewachsen, große Verluste, ohne jenen etwas anhaben zu können. Als sie einen, soweit es in dem Waldgebirge möglich war, tauglicheren Platz fanden, schlugen sie ein Lager auf, verbrannten die meisten Wagen und andere entbehrliche Geräte oder ließen es zurück und zogen kann am andern Tage in größter Ordnung wieter und gelangten auch voran in eine lichte Gegend; doch geschah auch diese nicht ohne Verluste. Als sie von da aufbrachen, gerieten sie in neue Waldungen und wehrten sich gegen die Andringenden, kamen aber dadurch in neues Unglück. Denn wenn sie in der Enge sich zusammentaten, um in geschlossenen Gliedern, Reiter und Fußvolk, auszufallen, wurden sie durch sich selbst und die Bäume gehindert. Es war der dritte Tag, daß sie so daherzogen; ein heftiger Regen und starker Wind überfiel sie wieder und ließ sie weder weiterziehen, noch auch sicheren Fuß fassen, ja setzte sie sogar außerstande, von ihren Waffen Gebrauch zu machen; den Pfeile, Wurfspieße und Schilde waren durchnäßt und nicht gut zu gebrauchen. Die Feinde dagegen, meist leicht bewaffnet, hatten, das sie ungehindert vordringen oder zurückweichen konnten, weniger daran zu leiden. Überdies waren sie auch an Zahle weit überlegen, denn auch die früher Zögernden hatten sich jezt , wenigstens um Beute zu machen, gleichfalls eingefunden und umringten nun die schwächeren Römer, welche in den vorangegangenen Kämpfen schon viele Leute verloren hatten, um so leihcte und machten sie nieder, so daß Varus und die angesehensten Führer aus Furcht, lebendig gefangen zu werden oder durch die Hand der verhaßten Feinde zu fallen, denn verwundet waren sie schon, den traurigen, aber durch die Not gebotenen Entschluß faßten, sich in ihre eigenen Schwerter zu stürzen. Sobald dies bekannt wurde, setzte sich keiner, wenn er auch noch Kräfte hatte, mehr zur Wehr; die einen ahmten das Beispiel ihres Führers nach, die anderen warfen die Waffen weg und ließen sich von den nächsten besten niedermachen; denn an Flucht war, wenn man auch wollte, nicht zu denken. Ohne weiter Gefahr wurde nun Mann und Roß niedergestoßen."
Publius Annius Florus: "Nichts war gräßlicher als jenes Morden zwischen Sümpfen und Wäldern; nichts unerträglicher als der Hohn der Barbaren, besonders gegen die Sachwalter. Einigen stachen sie die Augen aus, andern schnitten sie Hände ab; einem nährt man den Mund zu, nachdem man ihm die Zunge herausgeschnitten hatte; und der Barbar, der sie in der Hand hielt, rief ihm zu: 'Nun, Schlange, ist es aus mit deinem Zischen.'"
Publius Cornelius Tacitus: Germanicus am Schauplatz der Niederlage:
"Der Heereszug wurde bis in die entlegensten Teile des Bruktererlandes (zwischen Ems und Lippe) geleitet und alles Land zwischen den Flüssen Ems und Lippe verwüstet. Man war dem Teutoburger Wald, in dem, wie es hieß, die Reste der Legionen und ihres Feldherrn Varus ungestattet lagen, nicht mehr fern. In Germanicus hegte sich der Wunsch, den Soldaten und ihrem Feldherrn die letzten Ehren zu erweisen, und ebenso war das gesamte anwesende Herr in wehmütiger Stimmung. Man dachte an die toten Verwandten und Freunde, überhaupt an das launische Kriegsglück und das Los der Menschheit. Käkina (14-15 n.Chr. Verwalter Untergermaniens) wurde vorausgesandt, die dunklen Waldschluchten zu durchforsten, Brücken und Dämme über die feuchten Sümpfe und trügerischen Moorwiesen zu bauen. Dann gelangte man an die traurige Stätte, die einen grauenvollen Anblick gewährte und so schlimme Erinnerungen barg. Der Umfang, die Abstechung des Hauptplatzes deutete bei dem ersten Lager des Varus deutlich darauf hin, daß drei Legionen daran gearbeitet hatten. An dem halbeingestürzten Wall und dem flachen Graben erkannte man den den Platz, an dem die bereits zusammengeschmolzenen Reste gelagert hatten. Mitten auf dem Felde lagen bleichende Knochen, bald einzeln, bald haufenweise, je nachdem sie von Flüchtigen oder von einer noch kämpfenden Abteilung herrührten. Daneben zerbrochene Waffen und Pferdegerippe. An den Bäumen waren Menschenschädel befestigt. In den nahen Hainen standen die Altäre der Barbaren, an denen man die Tribunen und die Zenturionen ersten Ranges geschlachtet hatte. Soldaten, die lebend aus jener Niederlage davongekommen waren, die sich aus der Schlacht oder Gefangenschaft hatten retten können, zeigten nun die Stelle, wo die Legionen in den Staub gesunken, wo die Adler verlorengegangen waren, wo Varus die ersten Wunden erhalten, wo der Unselige sich mit einger Hand den Todestoß versetzt hatte, von welcher Tribüne aus Arminius zu seinem versammelten Heere gesprochen hatte, wieviel Galgen, was für Martergruben er für die Gefangenen hatte herrichten lassen und wie er im Hochgefühl seines Sieges über die Feldzeichen und Adler gespottet hatte (gepinkelt?). So begrub das römische Heer sechs Jahre nach dem unglücklichen Ereignis unter wachsendem Ingrimm gegen die Feinde, Trauer und Haß im Herzen, die Gebeine der drei Legionen. Keiner wußte, ob er die Rest fremder oder die seiner Angehörigen mit Erde überdecke. Man sah in allen Freunde und Blutsverwandte. Das erste Rasenstück zu dem Grabhügel setzte Germanicus. Den Toten erwies er den ersehntesten Dienst, die Lebenden tröstete er in ihrem Schmerz."

Karte aus einem Geschichtsaltas von 1914. Drei Theorien zur Findung des Ortes der Varusschlacht werden hier vorgestellt, wobei Mommsen (Blauer Pfeil) den Ort dort vermutete, wo er 1987 lokalisiert wurde. Chapeau, Herr Mommsen.
Dr. Susanne Wilbers-Rost
http://www.kalkriese-varusschlacht.de/deutsch.html
Fast fünfhundert Jahre lang haben Laien und Historiker nach der sogenannten "Schlacht im Teutoburger Wald" gesucht, bei der im Jahre 9 n.Chr. drei römische Legionen unter der Führung des Publius Quinctilius Varus von Germanen vernichtend geschlagen wurden. Die römischen Schriftsteller (u.a. Tacitus, Velleius Paterculus und Cassius Dio), die seit dem 16. Jh. als historische Quellen wiederentdeckt worden waren, lieferten aber nur vage und noch dazu unterschiedliche Berichte über das Geschehen, sodass die Suche nach dem Schlachtfeld erfolglos blieb.
Archäologische Forschungen, die seit 1987 durchgeführt werden, haben nun aber doch mit vielfältigen Funden und Befunden konkrete Hinweise auf den Ort der Schlacht erbracht. Nicht planmäßige Suche nach dem Schauplatz, sondern die zufällige Entdeckung von römischen Münzen und Militaria bei Kalkriese am Rand des Wiehengebirges nördlich von Osnabrück standen am Anfang des Forschungsprojektes. Das Fundmaterial ließ auf die Anwesenheit römischen Militärs in diesem nicht von Römern besiedelten Gebiet schließen, doch erst bei Ausgrabungen zeigte sich, dass die Funde eher auf umfangreiche Kampfhandlungen zwischen Römern und Germanen als beispielsweise auf einen vorgeschobenen römischen Militärposten zurückzuführen sind. Die Münzen datieren das Geschehen mit großer Wahrscheinlichkeit in das Jahr 9 nach Christus. Damit ist ein Zusammenhang mit den Ereignissen der historisch überlieferten "Varusschlacht" immer sicherer geworden.
Nachdem verschiedene Fundstellen im Rahmen der Geländeprospektion mit Metallsuchgeräten zwischen Kalkrieser Berg und Großem Moor entdeckt worden waren, begannen 1989 in Trägerschaft des Landschaftsverbandes Osnabrücker Land e.V. unter der Leitung des Stadt- und Kreisarchäologen Prof. Dr. Wolfgang Schlüter die ersten systematischen Ausgrabungen. Sie wurden auf dem Flurstück "Oberesch" in Kalkriese angelegt, da hier in einem Waldstück und auf dem benachbarten Feld mehrere römische Münzen und einige Militaria zutage gekommen waren. Die ersten kleinen Schnitte in Waldschneisen erbrachten zwar Funde in primärer Lage unter dem mittelalterlichen Plaggenesch, aber keine interpretierbaren Befunde; deshalb wurden die Ausgrabungen nach der Ernte auf dem Feld fortgesetzt. Dabei kamen schon nach kurzer Zeit überraschende Funde zum Vorschein, so neben Münzen und Kleinteilen eine große Pionieraxt und das noch immer eindrucksvollste Fundstück der archäologischen Untersuchungen am Kalkrieser Berg, die eiserne, ursprünglich mit Silber belegte Gesichtsmaske eines römischen Helmes.
Von Bedeutung für die Interpretation der Fundstelle waren aber nicht allein die Funde, sondern vor allem die Entdeckung einer Wallanlage aus Rasensoden. Diese Rasensodenmauer erwies sich im Laufe der folgenden Monate nicht, wie anfangs vermutet wurde, als Befestigung eines römischen Lagers. Vielmehr war festzustellen, dass es sich lediglich um einen etwa halbkreisförmigen Abschnittswall handelte; zudem lagen die meisten römischen Funde, die überwiegend sehr klein oder stark fragmentiert waren, nicht hinter, sondern vor dem Wall. So entstand allmählich die Vorstellung, es könne sich eher um die Überreste eines Kampfgeschehens handeln, und zwar um eine Auseinandersetzung zwischen Römern und Germanen, bei der die Römer offensichtlich unterlegen waren. Die Wallanlage diente den Germanen als etwa parallel zu einem von den Römern genutzten Weg angelegter Hinterhalt, aus dem heraus sie die vorbeiziehenden Truppen angreifen konnten, während die Römer kaum Chancen hatten, auf relativ engem Raum erfolgreich zu kämpfen oder sich in dem unwegsamen Gelände durch Flucht in Sicherheit zu bringen.
Die Grabungskampagnen bis 1993 dienten dazu, einen Teil der Wallanlage und des Vorfeldes zu untersuchen. Die Sohlenbreite des Walles konnte mit 4-5 m ermittelt werden, die Höhe dürfte etwa 1,5 m betragen haben. Die Grassoden für den Bau waren offenbar direkt vor der Anlage abgestochen worden, wo das Areal einer mehrere Jahrzehnte zuvor verlassenen eisenzeitlichen Siedlung vermutlich als Weidefläche genutzt wurde. An der Innenseite der Rasensodenmauer, die mehrere Tore oder Durchlässe besaß, war eine Reihe von langgestreckten Gruben festzustellen. Sie dienten offenbar dazu, an Stellen, an denen Regenwasser wegen der Lehmüberdeckung des anstehenden Kalksteins nicht versickern konnte, das Oberflächenwasser zu sammeln und nach außen abzuleiten; dadurch konnte ein Unterspülen des Walles verhindert werden.
Mindestens ein Teil der Rasensodenmauer war wohl durch eine hölzerne Brustwehr verstärkt worden, wie Pfostenspuren im Sand zeigen. Möglicherweise hat man so vor allem die Abschnitte gesichert, die einem Ansturm der Römer besonders ausgesetzt waren. Insgesamt ist die Bauweise der Rasensodenmauer bei massiven Angriffen jedoch als wenig stabil einzuschätzen. Einige Bereiche der Mauer scheinen bereits während der Schlacht oder unmittelbar danach zerstört worden zu sein. Für eine teilweise Zerstörung der Anlage im Zuge der Kampfhandlungen spricht z.B. die Entdeckung von Knochen eines Maultieres, das an der Außenflanke der Mauer umgekommen und mit Teilen seines Geschirrs - darunter eine Eisenkette, Bronzeanhänger und eine möglicherweise als Deichselkappe verwendete Glocke - unter abgerutschten Grassoden bis zur Ausgrabung 1992 erhalten geblieben war.
Zahlreiche römische Funde kamen bei den Ausgrabungen ebenfalls zutage; die meisten lagen vor der Wallanlage, wenige dahinter. Dichtere Konzentrationen fanden sich insbesondere direkt vor der Außenflanke der Mauer. Offenbar hatte hier das abgerutschte Plaggenmaterial Stücke, darunter auch einige größere Teile, überdeckt, sodass sie von den Germanen nach der Schlacht nicht geplündert werden konnten. Die Fundstreuungen sind, auch wenn es sich bei vielen Stücken nur um Kleinteile oder Fragmente handelt, von Bedeutung für die Interpretation des Geschehens während der Schlacht. In Beziehung zu den Befunden gesetzt und nach unterschiedlichen Sachgruppen geordnet können sie, wenn die Auswertung fortgeschritten ist, helfen, detailliertere Aussagen zu den Kämpfen und zu den Plünderungsvorgängen zu machen. So wird es vielleicht einmal möglich sein, mit archäologischen Methoden mehr auszusagen als dass es sich wohl um einen Teil der Varusschlacht handelt; die Chance der archäologischen Forschungen kann darin bestehen, weitergehende Schlüsse zum Ablauf des Geschehens zu ziehen. Da in Kalkriese zum ersten Mal ein antikes Schlachtfeld archäologisch untersucht wird, müssen jedoch zunächst Methoden entwickelt und am Material geprüft werden, bevor konkretere Ergebnisse vorgestellt werden können.
Ging man 1993 davon aus, dass das meiste über die germanische Wallanlage auf dem Oberesch bekannt sei, belehrten die Grabungen seit 1994 das Grabungsteam immer wieder eines Besseren. Östlich der anfangs untersuchten Befestigungsanlage wurde ein zweiter Wallabschnitt entdeckt, der anscheinend keinen direkten Anschluss an den ersten Wall hat, und am Ostrand des Oberesches kam 1999 ein drittes Teilstück zum Vorschein, dessen Verbindung zum mittleren Abschnitt trotz einer Probegrabung zwischen dem zweiten und dritten Wallabschnitt noch nicht vollständig nachvollziehbar ist. Im Gegensatz zu vielen anderen Schnitten verlief hier kein Drainagegraben hinter dem Wall; stattdessen war ein Graben vor dem Wall zu beobachten. Diese Feststellung ändert aber nichts an der Interpretation der Anlage als germanischen Hinterhalt. Sie belegt im Gegenteil, dass die Germanen für den Wallbau das in nächster Umgebung verfügbare Bodenmaterial verwendet haben, in diesem Fall statt Rasensoden den anstehenden Sand, weil dieses Areal offenbar nicht als Weide, sondern vielleicht als Ackerfläche genutzt wurde. Dies wiederum deutet auf eine sehr geringe Bauzeit kurz vor dem Eintreffen der Römer hin, während die Form der Wallanlage, die mehrere bastionsartige Vorsprünge aufweist, für eine längerfristige Vorplanung aufgrund taktischer Überlegungen spricht. Dies bestätigten auch die Grabungen von 2000 und 2001 am Westrand des Feldes, wo der Wall schräg nach Nordwesten Richtung Bach verläuft. Als Baumaterial wurden hier allerdings neben Sand und Grassoden Kalksteinbrocken von der Oberfläche verwendet.
Zu den überraschendsten Entdeckungen der letzten Jahre gehörten Gruben mit Ansammlungen von Tier- und Menschenknochen. Während in den ersten Grabungsschnitten nur einzelne verstreut liegende Knochen und Tierzähne sowie ein menschlicher Schädel und lediglich an einer Stelle auch größere Skelett- und Anschirrungsteile eines Maultieres geborgen worden waren, wurde 1994 eine Grube entdeckt, die halb gefüllt war mit Knochen von Menschen und Tieren. Schon bald war klar, dass es sich nicht um ein Grab im eigentlichen Sinne handelte. Tier- und Menschenknochen lagen eng beieinander, waren aber völlig vermischt und aus dem anatomischen Verband gerissen. Da u.a. mehrere menschliche Schädel zutage kamen, wurde zudem deutlich, dass mehrere Individuen bzw. Reste von ihnen in die Grube gelangt sein mussten. Offenbar waren die Knochen erst in den Boden gekommen, nachdem sie einige Jahre auf der Oberfläche gelegen hatten und der Skelettverband infolgedessen schon völlig aufgelöst war. Kleinere römische Metallfunde zwischen den Knochen, wie sie ähnlich auch in den übrigen Grabungsflächen entdeckt worden waren, belegten den Zusammenhang mit den Hinterlassenschaften der Varusschlacht.
Dieser bemerkenswerte Befund ließ den Schluss zu, dass es sich um eine Art "Bestattung" handelt, die erst längere Zeit nach der Schlacht erfolgt sein konnte, nachdem nur noch einzelne Knochen bzw. Skelettreste auf der Oberfläche erhalten waren. Neben einem Verscharren durch Germanen, das als mögliche Erklärung diskutiert wurde, ergibt sich vor allem aus den antiken Quellen eine plausible Interpretation dieser Knochengrube. Da von den römischen Schriftstellern berichtet wird, dass in den Jahren 15/16 n.Chr. der römische Feldherr Germanicus den Ort der Varusschlacht besucht und dabei Reste von Gefallenen bestattet haben soll, liegt es nahe, in der Grube einen Hinweis auf diese Aktivitäten zu sehen. Zoologische und anthropologische Untersuchungen konnten inzwischen einige Beobachtungen bestätigen: so sprechen Trockenrisse in den Knochen für eine Lagerung auf dem Boden von mindestens 2, höchstens 10 Jahren. Die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen, sodass noch keine endgültige Beurteilung dieser Knochendeponierung möglich ist. Da aber inzwischen vier weitere vergleichbare Befunde an verschiedenen Stellen auf dem Oberesch entdeckt wurden, ist von einer umfangreicheren "Bestattungsaktion" auszugehen.
Die eindrucksvollste Knochengrube wurde 1999 auf dem Oberesch freigelegt: die überwiegend sehr gut erhaltenen Knochen waren eng gepackt sorgsam in eine mit Kalksteinen ausgekleidete Grube gelegt worden. So entstand der Eindruck von einer regelrechten Grabgrube. Mitten in der Grube lag ein menschlicher Schädel, umgeben von anderen Knochen, die wohl überwiegend von Menschen stammen, doch waren auch Tierknochen und -zähne darunter. Auf der Sohle der Grube fand sich ein weiterer Schädel; er zeigte wie schon Funde aus früheren Knochengruben eine - sicherlich tödliche - Verletzung durch einen Schwerthieb. Der pietätvolle Umgang mit den Knochen der Gefallenen wurde an diesem Befund besonders deutlich, und er dürfte die Vermutung bestätigen, dass hier Römer tätig waren, die den Toten, so gut es auf dem ehemaligen Schlachtfeld möglich war, die letzte Ehre erweisen wollten.
Ganz anders sind hingegen Knochenfunde der Grabungskampagnen 2000 und 2001 zu deuten. In zwei Schnitten fanden sich Skelettteile von Maultieren direkt vor bzw. ein praktisch vollständiges Maultierskelett unmittelbar hinter der Wallanlage. Das Maultier bei der Bergung, die der Archäozoologe Prof. Dr. Dr. H.-P. Uerpmann begleitete. Er konnte schnell feststellen, dass das Tier durch einen Genickbruch zu Tode gekommen war.
Für die archäologische Erforschung der Kampfhandlungen auf dem Oberesch sind die Knochen von großer Bedeutung, denn sie ermöglichen erstmals auch Aussagen zu den an den Kämpfen Beteiligten selbst - die Menschenknochen stammen bisher ausschließlich von gut ernährten Männern mittleren Alters, vermutlich Römern, die Tierknochen von Pferden und zahlreichen Maultieren - und zu den Ereignissen nach der Schlacht: die toten Römer blieben offenbar auf dem Schlachtfeld liegen, ihre Ausrüstung wurde geplündert, doch fand eine "Bestattung" erst Jahre später statt. Daraus ergibt sich die Frage, wie die in der Gegend ansässigen Germanen diesen Ort behandelten: haben sie ihn in erster Linie als Ort vielversprechender Plünderungen angesehen, wurde er zumindest für eine gewisse Zeit tabuisiert und gemieden, oder wurde er schon bald wieder landwirtschaftlich weiter genutzt? Wir hoffen, gerade anhand der Knochenfunde auch dazu Aussagen treffen zu können, denn bei der wissenschaftlichen Beurteilung des Schlachtfeldes kann es nicht darum gehen, ausschließlich die materiellen Hinterlassenschaften zu betrachten. Insbesondere die Zusammenarbeit von Archäologie und Naturwissenschaften wird dazu beitragen können, eine vielschichtige Interpretation der Funde und Befunde vorzunehmen.
Weitere Untersuchungen gelten schon seit Jahren der Erforschung des Gesamtareals der Schlacht. Geländeprospektionen mit Metallsuchgeräten helfen, im weiteren Umkreis des Oberesches neue Fundstellen zu entdecken und so die Ausdehnung des Schlachtareals zu ermitteln. Zahlreiche Fundstellen im Osten und im Westen des Oberesches wurden dabei erfasst, wenngleich trotz inzwischen erfolgter Suchgrabungen keine weitere Fundstelle mit der Funddichte des Oberesches entdeckt wurde, wo immerhin mehr als 4000 Funde ausgegraben werden konnten. Dieser Zahl stehen nur etwa 300 römische Funde von allen anderen Grabungsstellen zusammen gegenüber.
Daher stellt sich derzeit die Frage, wie der Oberesch im Gesamtareal der Varusschlacht zu beurteilen ist und ob die archäologische Forschung allmählich Aussagen ermöglicht zum tatsächlichen Umfang des Kampfgeschehens, zur Ausdehnung der Kampfzone und zur Zahl der beteiligten Römer. Neben der Ausgrabung im Gelände wird daher verstärkt an der Auswertung der bisherigen Grabungen gearbeitet, damit es in den nächsten Jahren gelingt, die bisherigen Ergebnisse zu bewerten und weitere neue Erkenntnisse zu gewinnen.
Das Buch zur Schlacht: Rainer Wiegels Die Varusschlacht 2007 Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart ISBN 978-3-8062-1760-5


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