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| DIE EBURONEN - HISTORISCHES UND ARCHÄOLOGISCHES |
Freitag, 30. 07. 2010 |
Aus: Jülich Stadt - Territorium - Geschichte Aus: Dr. Hans-Eckart Joachim, Hrsg. Guido v. Büren und Erwin Fuchs, Jülicher Geschichtsblätter Bd. 67/68 1999/2000
Nach Caesar (b. Gall. Il 4,10) gehört zu den Germani cisrhenani auch der Stamm (civitas) der Eburonen, der zusammen mit den Condrusern, Caerosern und Caemanern eine soziologische Gruppe, also ein Wanderungsverband oder "Stammesbund" darstellt. Dabei zeichnet die Eburonen zwei Besonderheiten aus. Ihr Name ist mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit als keltisch anzusehen - er bedeutet etwa: "denen die Eibe heilig ist" -, und auch überlieferte Orts- (Atuatuca) wie Personennamen (Ambiorix und Catuvolcus) sind sicher keltisch. Das heißt zwar nicht, daß die Eburonen ausschließlich keltisch gesprochen haben, sondern das war aus Prestigegründen wohl vor allem bei der Oberschicht üblich, während ihre ursprüngliche Sprache germanisch gewesen sein kann und auch noch zur Zeit Caesars verbreitet gewesen sein muß. Die zweite Besonderheit ist, daß die Eburonen von zwei in verschiedenen Territorien herrschenden Königen, den bereits genannten Ambiorix und Catuvolcus, regiert wurden (b. Gall. V 24,4; Vl 31,5). Ersterer im Westen als Nachbar der Aduatuker, Catuvolcos in der Mitte des Stammesgebietes (b. Gall. Vl 31,5; V 38,1). Diese Herrschaftsform widersprach der bezeugten üblichen, auf Gleichheitsnormen beruhenden Gesellschaftsordnung bei den Germanen und Kelten, wurde aber nach Aussage von Ambiorix dadurch eingeschränkt, daß er gerade ebensoviele Rechte wie das Volk besaß (b. Gall. V 27,3).
Caesar lokalisierte die Eburonen hauptsächlich zwischen Maas und Rhein und bezeichnet ihr "castellum" Atuatuca als in der Mitte des Gebiets liegend (b. Gall. V 24; VI 32). Trotz zahlreicher Versuche und Interpretationen ist es bislang weder von historischer noch von archäologischer Seite gelungen, diesen Ort Atuatuca zu finden. So sind weder der heutige Flur- und Ortsname Atsch zwischen Inde und Saubach noch der Höhenrücken des Hohenstein-lchenbergs vor Eschweiler als gesicherte Stätte anzusehen. Genauso ist es ein Zirkelschluß, das heutige Tongeren, den Hauptort der späteren Tungrer (civitas Tungrorum) an der Straße von Köln nach Bavai als das caesarische Atuatuca zu bezeichnen, denn das widerspricht der bei Caesar genannten Lage (b. Gall. V 24).
Gesichert, wenn auch in den genauen Grenzziehungen unscharf, sind die Nachbarn der Eburonen: Im Norden die Menapier, im Westen die Aduatuker und im Süden die Segner und Condruser, diese wiederum als Nachbarn der Treverer (b. Gall. Vl 5; V 38; Vl 32). Die Eburonen waren übrigens sowohl ihnen als auch den Aduatukern tributpflichtig (b. Gall. Vl 6; V 27,2).
Der Genozid an den Eburonen, die Caesar wider besseren Wissens als unbedeutend und schwach (civitas ignobilis atque humilis: b. Gall. V 28) bezeichnet, ist eng mit dem Schicksal des Ambiorix verknüpft. Nachdem das im Jahre 54 v. Chr. im Gebiet der Eburonen errichtete, unter Befehl der Legaten L. Aurunculeius Cotta und Q. Titurius Sabinus stehende Winterlager aus einer Legion und fünf Cohorten (also knapp 10.000 Mann) durch List und falsche Versprechungen des Ambiorix verlassen wurde, kam es zu einer vernichtenden Niederlage der Römer. Etwa ein Fünftel der caesarischen Armee ging dabei unter, beide Legaten fielen, und nur wenigen gelang die Flucht in das südwestlich gelegene Winterlager des Titus Labienus im Gebiet der Remer (b. Gall. V 24-38). Durch die Niederlage angespornt, gelingt es Ambiorix, die Aduatuker und Nervier für einen massiven Angriff auf das Winterlager des Q. Tullius Cicero im Gebiet der Nervier zu gewinnen, der nur knapp einer Niederlage durch das Eingreifen Caesars entgehen kann. Die Eburonen und ihre Verbündeten werden jedenfalls vernichtet oder in die Flucht geschlagen (b. Gall. V 38-52).
Caesar bekundet im darauffolgenden sechsten Kriegsjahr, also 53 v. Chr., daß er sich ganz dem Kampf gegen die Treverer und gegen Ambiorix widmen wollte. Nachdem der gesamte Troß unter dem Schutz der 14. Legion erneut nach Atuatuca verlegt und von Caesar dem Befehl des Q. Tullius Cicero unterstellt worden war, wurde das eburonische Gebiet der allgemeinen Plünderung preisgegeben. Dem folgten vor allem 2.000 sugambrische Reiter, die zunächst vor allem Vieh erbeuteten, dann aber gegen Atuatuca vorrückten (b. Gall. Vl 30-44). Ihr Angriff scheiterte. Nach der überhasteten Flucht des Ambiorix und dem Selbstmord des Catuvolcus geht Caesar mit brutaler Gewalt gegen die Eburonen vor, um sie - wie er mehrfach betont- auszurotten bzw. auszulöschen (b. Gall. Vl 34), ihre Siedlungen einzuäschern, ihre Felder zu vernichten (b. Gall. Vl 43). Diese rachsüchtige Taktik der verbrannten Erde setzt er 51 v. Chr. konsequent fort, ohne Ambiorix habhaft zu werden (b. Gall. Vlll 24-25).
In das weitgehend verwüstete (b. Gall. Vl 44,1) und auch entvölkerte, vor allem östliche Eburonengebiet wanderten wohl zunächst ohne ausdrücklichen römischen Schutz die rechtsrheinischen Ubier ein, wobei unklar ist, ob ihre reguläre Umsiedlung bereits während der ersten (39/38 v. Chr.) oder zweiten Statthalterschaft (20/19 v. Chr.) Agrippas vollzogen wurde. Im westlichen ehemaligen Eburonengebiet wurden Texuandrer, wohl Reste der Eburonen, angesiedelt und südlich davon aus Resten der Aduatuker und Eburonen der Stamm der Tungrer geschaffen.'° Auch der nördliche Stamm der Baetasier und der südliche Stamm der Sunuker könnte sich aus Resten der Eburonen zusammengesetzt haben.
Ohne der Problematik nachzugehen, inwieweit diese Neubesiedlung durch archäologische Befunde und Funde nachweisbar ist, läßt sich aufgrund der archäopalynologischen Untersuchungen generell feststellen, daß das gesamte Gebiet von Menschen genutzt wurde." Sowohl in der Kölner Bucht als in der Jülicher Lößbörde muß das Land in der späten Eisenzeit (2. - 1. Jahrhundert v. Chr.) großflächig und intensiv bewirtschaftet worden sein, wobei Grünland, Heidegesellschaften, die Talhangerosion und das Vorkommen von Birke und Kiefer auf Beweidung durch Vieh und auf intensive Holznutzung hinweisen. Eine mögliche Siedelunterbrechung nach 51 v. Chr. läßt sich jedenfalls bislang palynologisch nur bedingt aufgrund einer kurzfristigen Waldregeneration um Christi Geburt nachweisen.
Es ist nun zu fragen, ob es aber archäologische Belege für einen Siedlungsabbruch in Zusammenhang mit der sicher weitgehenden Ausrottung der Eburonen ab etwa 50 v. Chr. gibt und inwieweit Eburonisches vor diesem Zeitpunkt im umschriebenen Raum - vor allem zwischen Rhein und Maas - faßbar ist. Zunächst ist festzuhalten, daß es - wie gesagt - bislang kein archäologisch nachgewiesenes Winterlager aus dem Jahr 54/53 (Atuatuca) und dem folgenden Winter gibt. Überdies kann das nicht gerade reichhaltige archäologische Material nur unter Vorbehalt mit den Eburonen in Verbindung gebracht werden, da es einen gewissen zeitlichen Rahmen (ca. 150 - 50 v. Chr.) nicht überschreiten sollte.
Einen Siedlungsabbruch um die Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. ist in der Tat nicht nur an befestigten Höhensiedlungen rechtsrheinischer Sugambrer, sondern auch im linksrheinischen südlichen Niederrheingebiet feststellbar.
In der zwischen 1921 und 1928 untersuchten, annähernd 5,6 ha großen Höhenbefestigung "Alter Burgberg" bei Kreuzweingarten (Kr. Euskirchen) wurde in Teilen der Anlage ein durch Brand zerstörter Murus gallicus beobachtet, der ebenso wie die geborgene spärliche Keramik in das 1. Jahrhundert v. Chr. gehört. Zumindest bestand die Mauer aus zwei lose aufgeschichteten Schalen, die - mit Erdreich verfüllt - durch senkrecht und waagerecht verlaufende Balkenlagen miteinander verankert waren. Gebäudegrundrisse sprechen für eine Dauerbesiedlung, die im Zuge der caesarischen Angriffe gegen die Eburonen aufgehört haben kann. Mit dem gleichen Vorbehalt ist der Befund am Abschnittswall der maximal 15 ha großen Anlage von Kreuzau-Winden (Kr. Düren) zu beurteilen. Auch hier wurde bei Grabungen im Jahre 1938 ein Zerstörungshorizont festgestellt, der in das 1. Jahrhundert v. Chr. gehören dürfte. Um hier aber genauere Aussagen machen zu können, wären erneute Grabungen in beiden geschützten Bodendenkmälern erforderlich. Das ist aber ohne zwingenden, durch Bodeneingriffe bedingten Anlaß nicht angestrebt.
Da bestehen im Braunkohleabbaugebiet bessere Forschungsansätze, weil flächendeckende Untersuchungen durchgeführt werden. Ein solcher Fall lag im Braunkohletagebau Hambach I vor, wo zwischen 1977 und 1982 ein ca. 2,7 ha großes, durch Doppelgräben eingegrenztes Siedlungsareal ausgegraben wurde. Die vor allem im Süden erfaßten 266 Gebäude besaßen weitgehende Bauplatzkonstanz, und zwar im Laufe der zweiphasigen Besiedlungszeit. Erkennbar ist, daß diese Siedlung von Niederzier offenbar unzerstört aufgelassen, ja planmäßig geräumt worden sein muß. Denn es fand sich neben einigen Fibeln und einer eisernen Pflugschar nur zerbrochene Keramik. Von besonderer Bedeutung ist aber, daß zwei Eisenbarren-Hortfunde und ein Goldschatz zurückgelassen wurden. Dieser lag am Westrand der Siedlung neben einem extrem eingetieften, angespitzten Holzpfosten oder -pfahl, der vielleicht aus kultischen Gründen herausgezogen worden war. Dasselbe geschah an sechs weiteren Plätzen, wohl im Zuge der planmäßigen Räumung der Siedlung. Der aus drei Ringen und 46 Goldmünzen bestehende Schatz blieb bewußt oder unbewußt liegen, so daß eine Datierung der Siedlung bis ins zweite Viertel des 1. Jahrhunderts v. Chr. möglich ist. Damit endet sie um die Jahrhundertmitte und muß in direktem Zusammenhang mit den Eburonen stehen. Darüber, ob der Goldschatz vielleicht Handels- oder Beutegut eburonischer Söldner oder etwa im Besitz keltischer Immigranten war, kann nur spekuliert werden.
Es wird jedenfalls klar, daß der Bau solcher Wehranlagen wie Kreuzweingarten oder Niederzier nur bei organisierter Gemeinschaftsleistung der Bewohner und Nachbarn möglich war, hier also eine dem Familien- oder Sippenverband übergeordnete Arbeitsteilung erfolgte. Während die Niederzierer Goldmünzen aus dem Gebiet der Ambianer (Amiens) und Vindeliker (Augsburg) stammen, weist ein neuer, im Jahr 1995 entdeckter, in drei Partien aufgeteilter Goldschatzfund von Beringen (Belgien) interessanterweise mit drei Münzen in das den Ambianern benachbarte, nordwärts gelegene Gebiet der Atrebaten (Arras) sowie mit den restlichen 22 sogenannten Regenbogenschüsselchen ebenfalls nach Südwestdeutschland. Die Münzen lagen wie in Niederzier zusammen mit formgleichen Halsringen und einem Armring, Ebenfalls in einer noch nicht ausreichend untersuchten und gut datierten Siedlung und möglicherweise in der Nähe eines Pfahls deponiert, datiert der Schatz von Beringen um 125 v. Chr. oder ist etwas jünger. Da die Halsringe von Niederzier und Beringen trotz unterschiedlicher Ringstärken sehr ähnlich aussehen, stammen sie wahrscheinlich aus derselben Werkstatt; vielleicht sind sie sogar Produkte ein und desselben Goldschmieds.
Der Fundort Beringen liegt eher am Nordwestrand des Eburonengebiets oder bereits im Aduatukerland, so daß der Hortfund auch als eine Art Tributzahlung der Eburonen an die Aduatuker angesehen werden könnte. Wenn Niederzier eburonisch ist, so haben wir auf jeden Fall zwei Hortfunde vor uns, die eine zeitlich längere Herstellung von gleichen eburonischen Ringtypen anzeigen. Die beigefügten Münztypen erweisen, daß die Eburonen zudem weitreichende Verbindungen zu nordwest- und süddeutschen Gebieten besaßen.
Hier sei angemerkt, daß die beiden nächstverwandten, verschollenen Halsringe von Formigliana als Beutegut der Kimbern zu deuten sind oder später im Zuge der Versklavung und Verschleppung von Eburonen nach Oberitalien gelangt sein können.
Das den Eburonen zusprechbare archäologische Fundgut weist also erkennbaren keltischen Einfluß auf, was auch die komplett ergrabene vorcaesarische Siedlung von Eschweiler-Laurenzberg (Kr. Aachen) bestätigt. Wie in Niederzier sind hier 68 Kleingebäude Bestandteile typisch keltischer Vielhausgehöfte, die in der Lößzone zwischen Köln und Maastricht üblich waren. Ein sicherer germanischer Einfluß ist jedenfalls in der Laurenzberger Keramik bislang ebensowenig erkennbar wie an anderen zeitgleichen Plätzen.
Auffallend ist nachgewiesenermaßen in Eschweiler-Laurenzberg jedoch, daß Gerstenanbau gegenüber Emmeranbau der Vorzug gegeben wurde, womit sich unser Gebiet eher dem Gersten-Hafer-Emmergebiet der norddeutschen, also germanischen Tiefebene anschließt und nicht zum süddeutschen Weizen-Gerstengebiet gehört hat. Sein Kern lag dabei in der Lößbörde und nicht in der nordwärts anschließenden Zone mit zweischiffigen Haustypen.
In Anbetracht der Tatsache, daß die nahezu fehlenden oder unauffälligen Brandgräber des 2. und 1. Jahrhunderts v. Chr. ausbleiben, ist die archäologische Forschung am Niederrhein nach wie vor auf Erkenntnisse aus Siedlungen angewiesen. Wie gezeigt wurde, ist die Zahl derjenigen Siedlungen, die aufgrund der Befunde und der Zeitstellung der Funde eburonisch sein können, bislang gering. Als Phänomen ist jedoch feststellbar, daß es im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. zu einer Art Siedlungskonzentration, und zwar in Richtung zu dorf- oder weilerartigen Plätzen kommt, die bis 4 qkm Einzugsbereich besaßen. Hierzu zählen u.a. die genannten Anlagen von Kreuzweingarten, Kreuzau-Winden, Niederzier und Eschweiler-Laurenzberg. Nicht recht überschaubar ist zur Zeit noch, inwieweit es im Lande neben diesen wahrscheinlich ökonomisch ausgerichteten und natürlich kultisch beeinflußten Großsiedlungen - im Falle von Niederzier und Eschweiler-Laurenzberg können es vorrangig auch befestigte Vorratsanlagen gewesen sein - Einzelgehöfte (aedificiae) gab und wie diese in das allgemeine Siedlungsgefüge integriert waren. Die Großsiedlungen wird man kaum im Sinne Caesars als oppida, also als politische, wirtschaftliche und religiöse Zentren anzusehen haben, sondern sie sind eher als vici zu klassifizieren (b. Gall. I 5). Daß es eine weitere Kategorie befestigter kleiner Siedlungen gab, die am ehesten als Hofanlagen anzusehen sind und den von Caesar genannten Einzelgehöften (aedificiae: b. Gall. Vl 30) entsprechen können, erweisen neuere Grabungen. Daneben existierten sicher in der Mehrzahl auch unbefestigte Einzelgehöfte, soweit das bisherige Funde vermuten lassen.
Die Betrachtung der schriftlichen und archäologischen Quellen hat also ergeben, daß die Eburonen aufgrund ihrer geographischen Lage am Nordwestrand des Mittelgebirges eher keltische als germanische Kulturelemente erkennen lassen. Ihre Ausrottung läßt sich inzwischen an Plätzen wie 'Alter Burgberg' bei Kreuzweingarten, Kreuzau-Winden und besonders Niederzier mit Vorbehalt auch archäologisch nachweisen. Dies gelingt nur mit Hilfe faßbarer Siedlungsrelikte, denn Gräber der Zeit sind nach wie vor faktisch unbekannt.
Jülich- Stadt - Territorium - Geschichte Guido . Büren und Erwin Fuchs 2000 ISBN 3-9336696-10-7


©2010 | Atuatuca | Si non è vero, è ben trovato!
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