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| DILETTANTEN, DILETTANTEN |
Freitag, 30. 07. 2010 |
So werden Die, welche eine Wissenschaft oder Kunst, aus Liebe zu ihr und Freude an ihr, per il loro diletto, treiben, mit Geringschätzung genannt von Denen, die sich des Gewinnes halber darauf gelegt haben; weil sie nur das Geld delektiert, das damit zu verdienen ist. Diese Geringschätzung beruht auf ihrer niederträchtigen Überzeugung, daß keiner eine Sache ernstlich angreifen werde, wenn ihn nicht Not, Hunger oder sonst welche Gier dazu anspornt. Das Publikum ist desselben Geistes und daher derselben Meinung: hieraus entspringt sein durchgängiger Respekt vor den Leuten vom Fach und sein Mißtrauen gegen Dilettanten. In Wahrheit hingegen ist dem Dilettanten die Sache Zweck, dem Manne vom Fach, als solchem, bloß Mittel; nur der aber wird eine Sache mit ganzem Ernste treiben, dem unmittelbar an ihr gelegen ist und der sich aus Liebe zu ihr damit beschäftigt; sie con amore treibt. Von Solchen, und nicht von den Lohndienern, ist stets das Größte ausgegangen.» Arthur Schopenhauer
Professor Wilhelm Dörpfeld, Schliemanns Mitarbeiter, Ratgeber und Freund, einer der wenigen Fachleute, die ihm Deutschland an seine Seite stellte, schrieb noch 1932: «Nie verstanden hat er (Schliemann) dagegen den Spott und Hohn, mit dem mehrere Gelehrte und namentlich deutsche Philologen seine Arbeiten in Troja und Ithaka begleitet haben. Und auch ich habe diesen Spott, mit dem einige große Gelehrte später auch meine Ausgrabungen an homerischen Orten bedacht haben, stets bedauert und nicht nur für unberechtigt, sondern auch für unwissenschaftlich gehalten!»
Das Mißtrauen der «Fachleute» gegen den erfolgreichen «Outsider" ist das Mißtrauen des Bürgers gegen das Genie. Der Mann der gesicherten Lebensbahn verachtet den Schweifenden der unsicheren Zonen, der seine Sach' auf nichts gestellt hat. Diese Verachtung ist ungerecht.
Betrachten wir die Entwicklung wissenschaftlicher Forschung so weit zurück, wie immer wir wollen, so ist nicht schwer festzustellen, daß eine außerordentliche Zahl großer Entdeckungen von den «Dilettanten» gemacht wurde, den «Outsidern» oder gar «Autodidakten», die, getragen von der Besessenheit einer Idee, die Hemmschuhe der Fachbildung nicht spürten, die Scheuklappen des Spezialistentums nicht kannten und die Hürden übersprangen, die akademische Tradition errichtet hatte.
Otto von Guericke, der größte deutsche Physiker des 17. Jahrhunderts, war von Haus aus Jurist. Denis Papin war Mediziner. Benjamin Franklin, Sohn eines Seifensieders, wurde ohne Gymnasial- oder gar Universitätsbildung nicht nur ein tätiger Politiker (dazu können auch mindere Qualitäten verhelfen), sondern auch bedeutender Gelehrter.
Galvani, der Entdecker der Elektrizität, war Mediziner, und wie Wilhelm Oswald in seiner «Geschichte der Elektrochemie» nachweist, verdankte er diese Entdeckung gerade der Lückenhaftigkeit seiner Erkenntnisse. Fraunhofer, Verfasser hervorragender Arbeiten über das Spektrum, konnte bis zum vierzehnten Lebensjahr weder lesen noch schreiben. Michael Faraday, einer der berümtesten Naturforscher, war Sohn eines Hufschmiedes und begann als Buchbinder. Julius Robert Mayer, Entdecker des Gesetzes von der Erhaltung der Energie, war Arzt. Gleichfalls Arzt war Heimholtz, als er als Sechsundzwanzigjähriger seine erste Arbeit zum gleichen Thema veröffentlichte. Buffon, Mathematiker und Physiker, hat seine bedeutendsten Veröffentlichungen auf dem Gebiete der Geologie getan. Der Mann, der den ersten elektrischen Telegraphen konstruierte, war der Professor der Anatomie Thomas Sömmering. Samuel Morse war Maler, ebenso wie Daguerre. Der erste schuf das Telegraphen-Alphabet, der zweite erfand die Photographie. Die besessenen Schöpfer des lenkbaren Luftschiffes, Zeppelin, Groß und Parseval, waren Offiziere und hatten von Technik keine Ahnung.
Die Reihe ist endlos. Entfernte man diese Männer und ihr Wirken aus der Geschichte der Wissenschaften, so bräche der Bau zusammen. Dennoch hatten sie zu ihrer Zeit Hohn und Spott zu tragen.
Die Reihe setzt sich fort in der Geschichte der Wissenschaft, die wir hier behandeln. William Jones, der die ersten guten Übersetzungen aus dem Sanskrit lieferte, war nicht Orientalist, sondern Oberrichter in Bengalen. Grotefend, der erste Entzifferer einer Keilschrift, war klassischer Philologe, sein Nachfolger Rawlinson Offizier und Politiker. Die ersten Schritte auf dem langen Weg zur Entzifferung der Hieroglyphen ging Thomas Young, ein Arzt. Und Champollion, der ans Ziel kam, war eigentlich Professor der Geschichte. Humann, der Pergamon ausgrub, war Eisenbahningenieur.
Genügt die Liste für das, was hier gesagt werden soll? All das, was den Fachmann auszeichnet, kann in seinem Wert nicht bestritten werden. Aber ist nicht, wenn die Mittel sauber bleiben, das Ergebnis das wichtigste? Sollte den «Outsidern» nicht unsere besondere Dankbarkeit gelten?
Zitat aus: Götter, Gräber und Gelehrte C. W. Ceram Rowohlt Verlag Hamburg 1949

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